Bauen

Juni-Hochwasser 2013 in Regensburg. (Foto: Dr. Weihl)

22.05.2015

100-Prozent-Schutz gibt's nicht

Wie man baulichen Hochwasserschutz optimiert

Das Hochwasser im Juni 2013 hat Spuren hinterlassen. Nicht nur in den Köpfen der Menschen, sondern auch auf der Agenda der Staatsregierung. Der Hochwasserschutz ist zu einer ihrer zentralen Aufgaben geworden. Um einen nachhaltigen Hochwasserschutz zu gewährleisten, muss man sich immer wieder verdeutlichen, dass die Natur natürlich ist, sie kann gar nicht anders sein. Doch woher kommen dann Naturkatastrophen? Vom Menschen! Besser gesagt, durch dessen falschen Umgang mit der Natur.
Wir müssen uns mit der Natur arrangieren und dafür sorgen, dass wir trotzdem Wasserstraßen und Häfen bauen und nutzen können. Oder, dass es möglich ist, am Wasser zu siedeln und landwirtschaftliche Flächen im Einklang mit der Natur zu bewirtschaften. Dabei stellt sich jedoch die Frage, wo wir die Siedlungsgrenzen ziehen. Die Antwort darauf ergibt sich aus Hochwasserstatistiken, naturwissenschaftlichen Berechnungen, risikomathematischen Betrachtungen und politischen Vorgaben.
Bei den Hochwasserstatistiken schauen wir zwangsläufig in die Vergangenheit. Das Ergebnis dieser empirischen Betrachtungen ist, wie häufig tritt ein Hochwasserereignis in einem Jahr, in zehn Jahren, in 100, in 1000 Jahren auf. Je höher die Zahl in Jahren ist, umso seltener ist das Ereignis und umso stärker ist es. Daraus ergibt sich eine Eintrittswahrscheinlichkeit. Überschwemmungssituationen lassen sich so mit Computern und naturwissenschaftlichen Methoden simulieren. Das Risiko kann mit der Formel „Risiko = Eintrittswahrscheinlichkeit x Schadensschwere“ berechnet werden.
Bei gleicher Eintrittswahrscheinlichkeit ist das Risiko also gering, wenn nur ein Schuppen überflutet wird. Es ist aber relativ groß, wenn ein Einfamilienhaus zu Schaden kommt, denn die Schadensschwere ergib sich unter anderem aus den Kosten des Schuppens oder des Einfamilienhauses. Das Risiko ist also beispielsweise ein Wert, der die Kosten beschreibt, die ein jeweiliger Hochwasserfall verursacht. Diese sind politisch zu bewerten im Hinblick auf Sicherheit, finanzielle Möglichkeiten, gesellschaftliche Akzeptanz und Abwägung von Partikularinteressen.
Bisher war es üblich, dass wir uns in Deutschland im Normalfall gegen ein Hochwasser absichern, das statistisch einmal in 100 Jahren eintritt (Jahrhunderthochwasser). Dies ist die Basis für die Planungen und Berechnungen zum baulichen Hochwasserschutz. Während des Hochwassers 2013 hörte man jedoch immer wieder Klagen, dass das Jahrhunderthochwasser inzwischen mindestens alle zehn Jahre eintritt. Hierauf sollte man erwähnen, dass wir einerseits mit statistischen Größen arbeiten, die nicht ausschließen, dass das Jahrhunderthochwasser auch mehrfach in 100 Jahren auftreten kann. Andererseits verändert sich auch die Natur, womit der Einfluss des Klimawandels gemeint ist, den wir ja nur sehr schwer abschätzen können.
Mit anderen Worten: Ein strenger nachhaltiger Hochwasserschutz müsste von Extremszenarien ausgehen, die äußerst selten sind, zum Beispiel einmal in einer Million Jahren. Das ist aber nicht zu finanzieren. Deshalb können wir Hochwasserkatastrophen nicht verhindern. Aber wir können die Auswirkungen mit Hilfe verschiedener Maßnahmen reduzieren, unter anderem mit dem technischen Hochwasserschutz. Ein wichtiger Baustein ist dabei das Hochwasserrisiko-Management. An ihm sind alle beteiligt, die Einfluss auf Hochwassergefahren haben oder nehmen können.
Es werden Notfallpläne erstellt, Vorhersage-Abläufe festgelegt oder Risiko-Karten für Wohneigentümer, Landwirte oder Gewerbetreibende erarbeitet. Die Maßnahmen sind vielfältig. Bayern setzt vor allem auf den natürlichen Hochwasserrückhalt und auf den technischen Hochwasserschutz. Das klingt oft sehr logisch, ist aber manchmal gar nicht so einfach: Beim üblichen Hochwasser im Binnenland infolge von starken Niederschlägen gibt es beispielsweise Vorwarnzeiten von mehreren Tagen. Bei Sturzfluten infolge eines Gewitters, betragen die Vorwarnzeiten häufig nur Minuten. Dadurch sind Reaktionszeiten zum Einleiten von Schutzmaßnahmen manchmal zu knapp. Deshalb sind spezielle Vorsorgemaßnahmen unabwendbar. Diese sind sowohl von der öffentlichen Hand zu leisten, als auch von den Bürgern selbst.
Inzwischen spricht der Staat davon, dass der Hochwasserschutz zu den elementaren Aufgaben zur Sicherung der menschlichen Daseinsvorsorge gehört. Doch damit ist der einzelne Bürger nicht aus seiner Verantwortung entlassen, sich selbst zu schützen. Hierbei wird er aber nicht allein gelassen. Jedes Land hat Hochwasserzentren, die Informationen bereithalten.

Eine wichtige Gemeinschaftsaufgabe


In Bayern findet man sämtliche Informationen beim bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz unter www.stmuv.bayern.de/umwelt/wasserwirtschaft/hochwasser. Umweltministerin Ulrike Scharf ist zudem Schirmherrin der Wasserwacht und somit besonders nah dran am Thema. Aber auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) gibt unter www.bbk.bund.de Auskunft und lässt Online-Hilfen für „jedermann“ erarbeiten.
Wenn es um den technischen Hochwasserschutz geht, dann bietet die Bayerische Ingenieurekammer-Bau eine individuelle und unabhängige Beratung. Diese vielen Anlaufstellen machen eins noch einmal deutlich: Der Schutz vor Hochwasser für die Menschen in Bayern kann nicht von Einzelnen gelöst werden. Es ist und bleibt eine wichtige Gemeinschaftsaufgabe.
(Norbert Gebbeken/Werner Weigl - beide Autoren sind Vorstandsmitglieder der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau)

(Technischer Hochwasserschutz. Das Geschiebewehr steht im Zürs_bach oberhalb von Lech - Foto: Gebbeken)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 42 (2017)

Sollen Arbeitnehmer das Recht haben, auf eine 28-Stunden-Woche zu reduzieren?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 20. Oktober 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Jürgen Wechsler, Bezirksleiter IG-Metall Bayern

(JA)

Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.