Bauen

Das Fluvius-Museum in Wassertrüdingen. (Foto: Bergmann)

07.09.2012

Alles fließt

Das neue Museum "Fluvius" in Wassertrüdingen

Die Wörnitz hat auf ihrem 130 Kilometer langen Lauf zwischen Schillingsfürst und Donauwörth eine weite Flusslandschaft geformt, die zu den schönsten Bayerns gehört, weil ihr Regulierungen weit gehend erspart blieben. Wo sie sich, von Osten heranfließend, plötzlich nach Süden wendet, liegt Wassertrüdingen. Die Nord-Südachse dominiert auch die trapezförmige Altstadt zwischen dem „Törle“ genannten oberen Stadttor und dem befestigten Hügel des ehemaligen Schlosses. An der frequentierten Straßenkreuzung vor dem Stadttor steht das neue Museum „Fluvius“, das sich der Wörnitz und Themen der Fluss- und Teichwirtschaft widmet.
Eröffnet im Mai 2012, entwickelte sich das Haus sofort zu einem Publikumsmagneten. Gewichtigen Anteil am Erfolg hat gewiss die Architektur. Den Ansbacher Architekten Hermann Holzinger und Werner Eberl ist ein Neubau gelungen, der als Hingucker die wichtigste Einfahrt zur Altstadt markiert, sich aber gleichwohl dem gebauten Kontext ein- und dem historischen Bestand unterordnet. Als Ersatz für ein leer stehendes, lang gestrecktes Wohn- und Geschäftshaus entstand der zweiteilige Museumskomplex: Unmittelbar an der Straßenkreuzung das Ausstellungsgebäude als kompakter, zweigeschossiger Satteldachbau; anschließend, vor dem mittelalterlichen Stadttor diskret zurücktretend, der flach gedeckte Eingangstrakt mit einem Vortragssaal im Obergeschoss.
Über ein aufgeglastes Treppenhaus, handtuchschmal, lehnt sich der Ausstellungsbau an die traufständigen Nachbargebäude. Indem er ganz uneitel die ortstypischen Bauformen rezipiert, schließt er das Ensemble vor dem Stadttor bruchlos. Die expressive Farbgebung der rauen Putzoberfläche antwortet dem historischen Gasthaus „Zur Sonne“ schräg gegenüber, einem mächtigen zweigeschossigen Massivbau mit Fachwerkgiebel und ebenso steilem Satteldach. Hohe, sorgfältig gerahmte Schlitzfenster, die aus der Fassade zurückspringen und damit den Flächen Volumen verleihen, verorten den Bau allerdings energisch im Jetzt. Das rhythmische Stakkato ihrer versetzten Anordnung bestimmt die Dramaturgie der Architektur; zwei Eckfenster im Obergeschoss setzen weitere Akzente. Insbesondere die steile Giebelwand entwickelt durch die spärliche Öffnung mit lediglich zwei im goldenen Schnitt gesetzten Schlitzfenstern und dem einen Eckfenster in Verbindung mit dem Museumslogo eine beachtliche gestalterische Kraft und Qualität.

Offen und extrovertiert


Der Eingangspavillon ist dagegen ausschließlich modernem Architekturvokabular verpflichtet und entsprechend den Funktionen gestaltet: Offen und extrovertiert das gläserne Foyer, geschlossen und introvertiert darüber der Vortragssaal, verkleidet mit grau durchgefärbten Eternitplatten. Die Schlitzfenster schneiden die weiß gefassten Innenräumen nur an wenigen Stellen auf und verbrauchen damit kaum Stellfläche. Gleichzeitig inszenieren sie den Dialog zwischen dem Drinnen und dem Draußen, markieren eine diaphane Zäsur auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart, indem sie aus den historischen Nachbargebäuden Ausschnitte wie Bilder fassen.
Solche Reduktion auf das Wesentliche eröffnet dem Besucher neue Erfahrungsmöglichkeiten: Intensiviert erscheint die Wahrnehmung und komprimiert, das vorgeblich Bekannte entwickelt verborgene Qualitäten. Die Ausblicke sind Bestandteile des Innenraums, bleiben dabei aber gleichwohl nur Bilder der Außenwelt.
Trotzdem der Museumsbau vielschichtig im historischen und städtebaulichen Kontext verspannt ist, wirkt er sympathisch einfach, aber beileibe nicht simpel. Alles bleibt auf das Wesentlichste reduziert, nichts erscheint gestelzt oder gar als gebautes Manifest. Es ist ein ganz normales Haus, ohne Gags, ohne Luxus, ohne Sensation. Es beweist, dass gute Architektur allein von der Intelligenz des guten Plans lebt. Es schreibt nichts vor, will nicht belehren und tut nicht als ob. Vor allem ist es ein schönes Beispiel für die solide Leistung jener kleineren Architekturbüros, die im Stillen arbeiten, aber für die Vermittlung zeitgemäßer Architektur so ungleich viel mehr leisten als die Stars der Zunft mit ihren Allüren und spektakulären Entwürfen, die sich mitunter wegen eklatanter Planungsfehler in erstaunlich kurzer Zeit als kostenintensive Sanierungsfälle entpuppen.
Die Gesamtkosten für das Fluvius-Museum beliefen sich inklusive Ausstellungskonzept auf 1,9 Millionen Euro, getragen zur Hälfte von der Stadt Wassertrüdingen und Zuschüssen aus der Städtebauförderung und dem Europäischen Fischereifonds. Die Kleinstadt an der Wörnitz hat dafür ein interessantes Museum gewonnen und ein Gebäude, das die architektonische Qualität der Altstadt in die Zukunft fortschreibt. (Rudolf Maria Bergmann)

(Blick in die Ausstellung - Foto: Bergmann)

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