Bauen

Entworfen hat das neue Nationalparkzentrum das Stuttgarter Architekturbüro Brückner. (Foto: Nationalaprkverwaltung Berchtesgaden)

31.05.2013

Alpenglühen hinter Glas

In Berchtesgaden wurde das neue Nationalparkzentrum „Haus der Berge“ eröffnet

Wer mit dem Auto nach Berchtesgaden fährt, kann seit Längerem einen großen, modernen Würfel aus Holz und Stahl sehen. Er steht direkt am Ortseingang, auf dem Grundstück des ehemaligen Hotels „Berchtesgadener Hof“. Der Würfel ist ganz und gar nicht „Berchtesgadenerisch“. Dahinter standen lange Zeit Kräne. Bauarbeiter verlegten Leitungen, Kabel, hämmerten und bohrten. Am 24. Mai öffnete das Gebäude, das interaktives Museum und Infozentrum in einem sein will, seine Pforten. Die Rede ist vom „Haus der Berge“. Und nicht nur Ulrich Brendel strahlt übers ganze Gesicht beim Gedanken daran, dass es soweit ist. Der Biologe und Adler-Experte ist seit 2006 als Projektleiter an der Umsetzung beteiligt. Für ihn ist das Haus eine jahrelange Herzensangelegenheit, die jetzt Form angenommen hat.
Auf dem 17 000 Quadratmeter großen Areal erfahren Besucher nun alles über das empfindliche Ökosystem des Nationalparks Berchtesgaden. Schulklassen und Jugendgruppen sollen das daran anschließende Bildungszentrum und den Garten als „grünes Klassenzimmer“ nutzen, in dem Hightech-Wissen vermittelt wird. Der Freistaat, die EU und weiteren Sponsoren haben sich die neue Anlaufstelle für den einzigen Alpennationalpark in Deutschland rund 19 Millionen Euro kosten lassen „Und es bleibt dabei,“ versichert Projektleiter Brendel stolz und spielt auf Projekte wie Stuttgart 21 und die Hamburger Elbphilharmonie an. „Es war nicht leicht. Aber: Wir bleiben im Kostenrahmen.“
Entworfen hat das Haus das Atelier Brückner aus Stuttgart. Die Planer setzten sich mit ihrem Konzept beim EU-weiten Wettbewerb durch. Sie holen den Stolz der Region – den Berg – ins Gebäude rein. Und bei den Baustoffen setzen sie auf regionale, nachhaltige Materialien. „Das Material darf ruhig verwittern“, sagt Brendel und lässt nicht unerwähnt, dass bereits Kritik seitens einiger Berchtesgadener kam, die meinten, das kostet so viel Geld und jetzt rostet der Kasten schon. Dabei ist genau das Teil des architektonischen Konzepts. Ganz nach dem Grundgedanken „Natur, Natur sein lassen“.
Der Projektleiter sagt: „Die Natur ist im permanenten Wandel. Das ist im Motiv der Fassade aufgegriffen.“ Die Mauern der Südseite sind aus Naturstein, die der Nordseite mit Schnittbalken heimischer Baumarten gearbeitet. Auch Glas und Corten-Stahl, der sich durch Wettereinflüsse verändert, wurde verbaut. Das Gebäude ist weitestgehend barrierefrei und nachhaltig auch in puncto Energiebilanz. Das „Haus der Berge“ wurde bereits mit dem Qualitätssiegel „Umweltbildung.Bayern“ zertifiziert.

Eine Bergvitrine
als Hauptattraktion


Auf zwei Ebenen verteilen sich die einzelnen Einrichtungen: Es gibt ein Foyer, das Platz für Wechselausstellungen bietet. Neben der Dauerausstellung „Vertikale Wildnis“ beheimatet das Haus die Sonderausstellung „Berg & Mensch“. „Es gibt auch echte Exponate, wo Tasten erlaubt ist. Wir wollen Natur erlebbar machen. Bei uns gibt es nirgends das Schild ‘berühren verboten’,“ betont Brendel. Den Besuchern stehen auch ein Kino, eine Bibliothek, der Nationalparkshop sowie Seminar- und Tagungsräume zur Verfügung. Und weil so ein Rundgang ähnlich einer Bergtour hungrig macht, endet er in der „Alpenküche“, dem Museumslokal.
Hauptattraktion ist eine Bergvitrine, die sich schützend um eine abstrakte Nachbildung eines Bergs im Inneren des Informationszentrums legt. Die begehbare Bergskulptur, „vertikale Wildnis“ genannt, ist architektonischer Höhepunkt und Herzstück. Brendel erklärt: „Es ist eigentlich eine Blackbox. Denn während der Präsentationen schließen Lamellen die Glasfassaden an zwei Würfelseiten.“ Vom Watzmann draußen ist dann nichts mehr zu sehen. Drinnen, im Dunkeln, werden die vier Jahreszeiten im Drei-Minuten-Takt stimmungsvoll mit Licht, Musik und Naturgeräuschen nachgestellt. Man erlebt den zweithöchsten Berg Deutschlands zu allen Vegetations- und Jahreszeiten. Nach der Show öffnen sich die Lamellen – der echte Watzmann kommt hinter Glas zum Vorschein. Brendel nennt es „Gipfelglück für jedermann“. Selbst die Mama mit Kinderwagen oder ein Rollstuhlfahrer können die Rampe Richtung Watzmann hochlaufen. Schwindelfrei. Und ohne Angst haben zu müssen.
„Die Architekten haben sich an Richard Strauss’ Alpensinfonie angelehnt“, erklärt Brendel. „Das heißt, Besucher können erst dem 190 Meter tiefen Königssee auf den Grund gehen und dann über die Almen des Nationalparks bis zum über 2200 Meter hohen Gipfel des Watzmanns gelangen. Das hat uns sofort überzeugt.“ Der Besucher lernt beim Rundgang die vier typischen Lebensräume des Nationalparks kennen: Wasser, Wald, Almweiden und Fels. Mithilfe von Ton- und Lichtinszenierungen werden entlang der Stationen verschiedene Stimmungen erzeugt, die je nach Jahreszeit die Inhalte der Stationen beeinflussen.
„Wir arbeiten stark mit Emotionen“, betont Projektleiter Brendel. Und stellt sofort klar: „Ein Haus wie das Haus der Berge in Salzburg wollen wir nicht sein. Bei uns suchen Sie vergebens nach vielen Schautafeln und langen Erklärungstexten an den Wänden. Das Museum soll selbsterklärend sein.“ Nicht nur hinsichtlich der außergewöhnlichen Architektur sondern auch aufgrund der Ausstellungen geht das „Haus der Berge“ neue Wege. Hier erhalten Besucher wichtige Informationen und Tipps mit dem Ziel, die Menschen für die Natur und einen Besuch im Nationalpark zu begeistern.
Brendel steht auf der oberen Etage. Sein Blick zum Fenster gerichtet: Richtung Watzmann. „Das Grundstück ist ideal: Denn wir verstehen uns als Tor zum Nationalpark und haben aus der Glasfront heraus einen Panorama-Blick übers Steinerne Meer bis zur Reiteralm.“ Ihm ist es wichtig, dass in Berchtesgaden nicht einfach nur ein neues Museum aufmacht. „Wir hatten die Idee eines Dreiklangs: Hier das Nationalparkzentrum, das gegenüberliegende Bildungszentrum für Gruppen und Schulklassen und dazwischen eben der Garten, der unterschiedliche Lebensraumthemen aufgreift.“
Der Besucher soll mit Waldwerkstatt, Waldlabor oder der Wiesenküche die verschiedenen Lebensräume kennenlernen, die es hinter der Glasscheibe, im Nationalpark Berchtesgaden zu entdecken gibt. Brendel: „Wir bauen Natur nicht nach. Natur kann man nicht nachbauen. Wir wollen begeistern, das ganze Bergerlebnis live zu erleben.“
Von außen sieht der Würfel aus, als stünde der künstliche Berg in einer riesigen, gläsernen Vitrine. „In der Vitrine bewahrt man sein Kostbarstes auf. Was uns am Herzen liegt, das wollen wir zeigen. Unser Schatz sind die Berge,“ sagt Brendel. Nachts soll der Berg illuminiert werden. Dann gibt es Alpenglühen hinter Glas. (Claudia Schuh)

(Ein nachgebildeter Baum; die Bergvitrine; bei geöffneten Lamellen ist der Watzmann zu sehen; eine Ausstellung - Fotos: Nationalparkverwaltung Berchtesgaden)

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