Bauen

Das Büro- und Seminargebäude mit Hörsaaltrakt und Haupteingang. (Foto: Staatliches Bauamt Bayreuth)

16.03.2012

Anspruchsvoller Campus-Bau

Erweiterungsbau der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth

Mit dem Erweiterungsbau der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät ist ein lange ersehnter Wunsch der Universität Bayreuth in Erfüllung gegangen. Waren doch im Bestandsgebäude, das Anfang der 1980er Jahre vom damaligen Landbauamt Bayreuth geplant und errichtet wurde, zunächst nur rund 700 Studenten „untergebracht“. Bereits kurze Zeit nach seiner Inbetriebnahme gelangte das Gebäude aufgrund der zwischenzeitlich stark gestiegenen Studierendenzahlen (WS 1984/1985 rund 2400 Studierende) bereits wieder an seine räumlichen Grenzen. In den folgenden Jahren musste man sich mit verschiedenen Lehrstühlen auf Raumsuche begeben und so waren bis vor kurzem viele Lehrende und Studierende räumlich ausgelagert.
Inzwischen studieren an Bayreuths größter Fakultät mit 40 Lehrstühlen alleine über 5000 angehende Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler und somit rund 47 Prozent aller in Bayreuth Studierenden.
Verständlich deshalb auch die Vorgabe des Nutzers, mit Schaffung von 4100 Quadratmetern Hauptnutzfläche (4800 Quadratmeter inklusive Foyerfläche) für Fakultätsräume, zwei neue Hörsäle, 14 Seminar- und Konferenzräume eine Entspannung der bisherigen, teilweise extremen Überlastsituation zu bewirken. Zudem sollte durch Bereitstellung der Hörsäle mittlerer Größe für 190 und 270 Personen und in Verbindung mit großzügig gestalteten Foyerflächen auch die Durchführung von Kongressen und fakultätsübergreifenden Veranstaltungen ermöglicht werden.
Man durfte gespannt sein, wie diese Aufgabe von den Architekten gelöst wird. Folgt doch die bestehende Campussituation mit seiner Ringerschließung einer klaren Linie in der Bebauung. Dabei sind die einzelnen Gebäude sowohl aufgrund ihrer Funktion als auch als Ausdruck ihrer Entstehungszeit formal stark unterschiedlich gestaltet und wirken vorwiegend solitär. Während im inneren Bebauungsring, dem „Ursprungs“-Campus, primär Sichtziegelmauerwerk und teilweise Sichtbeton als verbindende Elemente vorherrschen, ist der äußere und „jüngere“ Bebauungsring in weißen Putzfassaden gehalten.

Eigenständiger, dreigeschossiger Baukörper


Nach einem vorgeschalteten VOF-Auswahlverfahren wurde zu Jahresbeginn 2008 der Realisierungswettbewerb für den Erweiterungsbau durch das Staatliche Bauamt Bayreuth ausgelobt und bereits Anfang März entschieden. Dabei konnte das Architekturbüro Grabow & Hofmann aus Nürnberg die Jury von der Qualität seines Entwurfs überzeugen und erhielt den 1. Preis mit anschließender Weiterbeauftragung zur Erstellung der Haushaltsunterlage-Bau.
Ausschlaggebend für die Entscheidung des Preisgerichts war dabei der sehr klare Lösungsansatz für die Situierung der Gebäudekörper, der von einer Umorientierung der Gebäudeschauseite nach Süden hin ausgeht. Mit einem eigenständigen, dreigeschossigen Baukörper in Form eines rund 100 Meter langen und etwa 20 Meter breiten „Gebäuderiegels“ wird sowohl die geforderte Hauptnutzfläche als auch die funktionale Vorgabe zur großzügigen Ausbildung der Foyerzone in beeindruckender Klarheit nachgewiesen.
Durch einen vorgestellten Hörsaaltrakt wird die Längenwirkung angenehm gegliedert. Die Präsenz des barrierefreien Haupteingangs und die breite Erschließungszone, die den Neubau mit dem Altbau über einen großzügigen, transparenten Cafébereich im Erdgeschoss geschickt verbindet, trägt zu einer klaren Orientierung im Gesamtkomplex bei. Von dieser offenen Foyerzone aus zugängig sind die beiden Hörsäle und, gegen- überliegend, die Spange mit den Büro- und Seminarräume.
Großzügig breite Treppen in schlanker Stahlkonstruktion erschließen die Ebenen untereinander. Für die barrierefreie Verbindung der Geschosse sorgt ein freistehender Aufzug mit verglasten Umfassungsflächen. Deckenöffnungen zwischen den Ebenen begünstigen die Transparenz des Gebäudes, die durch geschickte Tageslichtführung mittels Dachoberlichtbänder und geschossübergreifender Aufglasung der Foyerfassade unterstützt wird. Generell sorgen die Lichtführungen der Flurzonen im Gebäudeinneren für hohe Raumqualitäten mit vielfältigen Erlebnis- und Nutzungsangeboten; vom Foyer aus ist der Blick bis über Dach möglich.
Das konstruktive Gebäudekonzept basiert auf einem Stahlbeton- Skelettbau in einem Achsraster von 7,50 Metern. Geschickt angeordnete Aussteifungsscheiben und schlanke, runde Tragstützen scheinen die Gebäudestruktur weitgehend aufzulösen. Sie unterstützen die Transparenz und verschaffen dem Erdgeschoss in Verbindung mit der großzügigen, Gebäude umgreifenden Aufglasung einen nahezu „schwebenden“ Charakter. Scheinbar gegensätzlich zu dieser formellen Klarheit und Leichtigkeit des Hauptbaukörpers steht der weitgehend geschlossen wirkende Hörsaaltrakt.
Mit seinen bis zu einem Winkel von 22 Grad gegenüber der Senkrechten trichterförmig nach außen geneigten, im Grundriss schräg gestellten und dazu über einer steil ansteigenden Sockelzone teilweise weit auskragenden Stahlbetonwänden stellte dieser Bauteil enorme Anforderungen an Schalungstechnik, Know-how und Ausführungsqualität des Rohbauunternehmers, was – nebenbei erwähnt – erstklassig umgesetzt wurde.
Zusätzlich „erschwerend“ die konisch und schräg nach oben verlaufenden Fensteröffnungen in „gekippten“ Außenwänden, die gemeinsam mit Dachoberlichtbändern die Hörsäle mit Licht versorgen. Großflächig überspannen 90 Zentimeter hohe Profilstahl- Verbundträger die Hörsäle und bilden in Verbindung mit einer Stahlbeton-Flachdecke den ebenfalls geneigten, oberen Gebäudeabschluss. Insgesamt ein im wahrsten Sinne außergewöhnlicher Baukörper, der durch seine futuristische Anmutung einen spannungsgeladenen Kontrapunkt zum Riegel des Hauptbaukörpers bildet und die Architektur am Campus der Universität Bayreuth bereichert.
Bei der Farbgestaltung der Außenhaut fand der Architekt durch Wahl eines dezent hellgrau getönten und mit Spachtelstruktur aufgetragenen Putzes für die Wand- flächen geschickt den Übergang zwischen eingangs erwähnter Farbgebung des Ursprungscampus und der Neubebauung im äußeren Campusring; in unterschiedlichen Rottönen gehaltene Glaspaneelelemente, die nur scheinbar willkürlich in den Fensterbändern der Obergeschosse angeordnet sind, spiegelt sich dabei die Farbvariation des Altgebäude-Sichtziegelmauerwerks wider.
Die Erweiterung der Bestandsbibliothek im Altbau ist Bestandteil der Maßnahme und ist – abgesetzt vom Erweiterungsbaukörper – am bestehenden Bibliothekstrakt kompakt situiert. Farbwahl und hohe Transparenz des als „Glaskubus“ ausgebildeten Anbaus dokumentieren durch gleiche Farb- und Materialwahl die unmittelbare Verbindung zum Gesamtkonzept.
Die Innenraumgestaltung ist in Farbigkeit und Materialität bewusst zurückhaltend gewählt. Wände und Decken sind im Haupttrakt in durchweg weißer Oberfläche gehalten, dazu die Kontrastierung mit Bodenbelägen in den Erschließungsfluren und in den Seminarräumen in grauem Kautschuk, in den Büroräumen mit anthrazitfarbenem Teppichbelag und in den Foyerbereichen mit grauen Fliesen. Die Raumzugangstüren wurden in heller Ahornoberfläche gewählt, flächenbündig einschlagend in naturfarbene Aluminiumzargen mit exakten Übergängen in naturfarbenen Aluminium-Sockelleisten. Einzig in Sichtbeton verbleiben die Stahlbeton Rundstützen.
Treppengeländer als schlanke Senkrecht-Stabgeländer mit grauer Eisenglimmerbeschichtung. Eingenutete Holzhandläufe aus Ahorn runden das klare und zurückhaltende Farbspektrum ab. Materialität und Farbigkeit wurde konsequent auf die Ausstattung der Hörsäle übertragen und bei der Hörsaalbestuhlung durch farbige Einstreuung von Rottönen erfrischend ergänzt. Die exakte Ausführung sämtlicher Raumoberflächen, insbesondere der Wand- und Deckenverkleidungen mit Ahorn Akustik-Paneelelementen, lässt die intensive Detailplanung erahnen, die mit hoher Genauigkeit umgesetzt wurde und somit den Hörsälen einen Hauch von Exklusivität vermitteln.
 Zugang und Zufahrt zum Haupteingang sind optimal auffindbar, großflächig angelegt und durch das vor gelagerte Rondell mit Sitzflächen und eingefasstem Solitär attraktiv gestaltet.

Wärmegedämmte Glas-Paneelelemente


Unter energetischen Gesichtpunkten unterschreitet das Gebäude in seiner Gesamtheit die Zielvorgaben der Staatsregierung im Hinblick auf Reduktion des Energieverbrauchs und Minderung von CO2-Emissionen durch Umsetzung des zum Genehmigungszeitpunkt gültigen EnEV-Standards teilweise erheblich. Erreicht wird dies unter anderem durch eine 180 Millimeter starke, hoch wärmegedämmte Hülle mittels WDVS an den Außenwänden des Hörsaaltrakts und einer analogen Wärmedämmkonstruktion am Hauptgebäuderiegel, allerdings mit vorgehängter Putzträgerplatte.
Im opaken Bereich der Verglasungselemente des Erd- und der Obergeschosse kamen hoch wärmegedämmte Glas-Paneelelemente zum Einsatz. Die oberen Gebäudeabschlüsse sind mit einer im Mittel 230 Millimeter starken PUR-Flachdachdämmung versehen. Auf dem Hauptdach installierte Photovoltaikelemente leisten einen zusätzlichen Beitrag zu einer ökologischen Energiegewinnung. Alle Dachflächen sind mit einer Extensivbegrünung belegt, wodurch dem ökologischen Aspekt zusätzlich Rechnung getragen wird.
Zur Beheizung des Gebäudes sind, neben den statischen Heizflächen in den Bürotrakten und Bodenkonvektoren in Seminarräumen, die großflächigen Bereiche der Foyerzone und der Hörsäle mit einer Warmwasser-Fußbodenheizung ausgestattet, die an das Niedertemperaturnetz der Universität Bayreuth über Fernversorgung angeschlossen ist.
Die Energiegewinnung erfolgt dabei vorwiegend aus Abwärme von Kältemaschinen, die wiederum die Forschungslabore der Naturwissenschaftlichen Fakultäten am Campus beziehungsweise zahlreiche Hörsäle und Computer-Clusterräume mit Kälteenergie versorgen und somit einen effizienten Energieverbund bilden. Beheizung beziehungsweise Kühlung der Seminarräume werden über Präsenzmelder raumweise gesteuert und verhindern damit einen unnötigen Energieverbrauch. Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung und adiabate Kühlung (Verdunstungskühlung) in den Hörsälen und der Bibliothekserweiterung runden das hocheffiziente Energiekonzept des Gebäudes ab.
In den Flurzonen und in den Seminarräumen gewährleisten Hohlraumböden eine ideale Medienführung und bieten gute Voraussetzungen zur Nachinstallation. Sonst übliche Probleme zur Sicherstellung der Brandlastfreiheit der Flucht- und Rettungswege konnten zugleich geschickt gelöst werden. Computergesteuerte Regelungen mit Anbindung an das zentrale Gebäude-Management sorgen für eine optimierte Prozessteuerung aller technischen Vorgänge.
Nicht unerwähnt bleiben darf die künstlerische Ausgestaltung des Gebäudes. Im Rahmen eines beschränkten Wettbewerbes unter elf Teilnehmern konnte Thomas Bechinger die Jury mit seinem Konzept zur farbigen Bemalung einer zwei Geschoss hohen Wandfläche in der unmittelbaren Eingangszone beeindrucken. Dabei erstreckt sich die „Wandmalerei“ mit hochlichtechten Pigmenten weit in die Gebäudetiefe bis in den künftigen Cafeteriabereich, ist ebenfalls in Anlehnung an das angrenzende Bestandsgebäude farbig in ziegelrot gehalten und mit unterschiedlicher Intensität aufgetragen.
Nach Vorstellung des Künstlers stellt das Kunstwerk „eine Malerei dar, die wie farbiges Licht in das Foyer fällt und sich behutsam wie eine Projektion auf die weiße Wand legt“. Bereits vor Eröffnung des Gebäudes war zu erkennen, dass das Kunstwerk seinen Zweck, in einen intensiven Dialog mit seinen Betrachtern zu treten, bravourös erfüllt. (Reinhard Schatke)

(Wandmalerei an der Foyerwand des Erweiterungsbaus; der große Hörsaal; Foyertreppe zum 1. Obergeschoss und ein Fassadenausschnitt - Fotos: Staatliches Bauamt Bayreuth)

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