Bauen

Der Kemptener St.-Mang-Platz. (Foto: Stadt Kempten)

22.10.2010

Archäologischer Schauraum

Die Erasmuskapelle in Kempten ist saniert

Nach der Freilegung der mittelalterlichen Mauerreste der seit über 150 Jahren verschütteten und in Vergessenheit geratenen Erasmuskapelle unter dem Kemptener St. Mang-Platz, wird die ehemalige Karnerkapelle durch einen Schutzbau für Besucher erschlossen und als archäologischer Schauraum genutzt. Mit der Planung beauftragt war das Regensburger Architekturbüro A2.
Die Grundmauern der Erasmuskapelle aus dem 12. Jahrhundert umfassen einen rechteckigen, unterirdischen Raum von rund 85 Quadratmetern, der begehbar gemacht wurde. In den neuen Platzaufbau wurde eine stützenfreie, tragende Decke über der Ausgrabung integriert, so dass sich eine nutzbare Raumhöhe von rund 2,80 Meter ergibt. Die Außenmauern der Kapelle werden dabei knapp überspannt, die Lastabtragung erfolgt außerhalb des Kapellenraums.
Die Erschließung erfolgt über eine Treppe von Süden und zwar genau an der Baufuge zwischen dem ursprünglichen Kapellenraum und der Erweiterung des Bauwerks nach Westen aus dem 14. Jahrhundert. Auf dem Platz ist dieser Zugang in Nord-Südausrichtung am Übergang zwischen baumbestandenem Bouleplatz und befestigter Platzfläche eingefügt. Der St.-Mang-Platz erfährt durch die Positionierung und die zurückhaltende Ausbildung des Zugangs keinerlei Nutzungseinschränkung.
Mit einer Höhenentwicklung von rund 3,60 Meter am höchsten Punkt und einer Breite von etwa 1,60 Meter zeichnet die Einhausung aus Fertigteilen den schrägen Treppenverlauf nach unten nach. Die dem befestigten Platz im Osten zugewandte Dreiecksseite ist verglast, ebenso die stirnseitige Zugangstür. Eine nächtliche Beleuchtung dieses geometrischen Körpers schafft einen stimmungsvollen Effekt auf dem Platz.


Historisches Mauerwerk


Am Ende des Treppenlaufs wird für den Durchgang die Außenecke der „Ur-Kapelle“ aus der ersten Bauphase freigestellt, wobei der Blick auf die Fundstelle einer konzentrierten Knochenauffüllung, dem so genannten Ossarium außerhalb des Kapellenraums mit einbezogen wird. Der Eingriff in die Substanz des Mauerwerks, der für die Schaffung des Eingangs notwendig war, zeigt auf der zweiten Leibungsseite mit einer exakt gesägten Schnittkante die historische Mauerwerksstruktur.
Die Bodenflächen des Kapellenraums sind mit dunkel-warmtonig eingefärbten, glatten und präzis gefertigten Betonfertigteiltafeln in Großformaten belegt, die in einigen ausgestanzten Öffnungen bauliche Originalsubstanz wie Säulenbasen und Treppenansätze sichtbar lassen. Diese Basis aus glatten und exakten Bodenflächen steigert die Wirkung der inhomogenen, stark strukturierten historischen Wandflächen der Erasmuskapelle. Der Effekt wird noch unterstützt durch eine farbliche Intensität der neuen Bauteile unter Aufnahme des Grundtons der Wände (Kalksteinmauerwerk, heller Kalkputz). Die Decke aus Spannbeton ist im selben Farbton und mit gleicher Fugenteilung wie die Bodenflächen vorgesehen.
Eine Vielzahl von Eingriffen und baulichen Details im Kapellenraum erzählen von der bewegten Geschichte dieses Bauwerks: Rundstufenanlage des ehemaligen Haupteingangs mit Steingewände, Deckengewölbeansätze aus verschiedenen Epochen, die wieder platzierte Original-Mittelsäule, Säulenbasen, Spuren des Fußbodenniveaus, die Ritzung einer Jahreszahl, Wand- und Fensternischen, die Durchbrüche für den Schützengraben und den Südzugang. Die westliche Abschlußwand der „Ur-Kapelle“ ist als Fundament sichtbar und nachvollziehbar, indem sich ein Medientisch als massives Bronzeband in Wandbreite auffaltet und den Blick auf diese Mauerreste freigibt. Die Präsentation dieses Medientisches umfasst Funde aus dem Friedhofs- beziehungsweise Kapellenumgriff, unterstützt von Erläuterungen eines Schiebemonitors.
Im Chorraum der ehemals oberirdischen, abgebrochenen Michaelskapelle wurden 50 aus dem Friedhof des St.-Mang-Platzes geborgene Skelette wiederbestattet, die über zwei kleine Fehlstellen im Mauerwerk der Ostwand der unterirdischen Erasmuskapelle einsehbar sind.


40 Bohrpfähle


Die Überdeckung des Kapellenumgriffs erfolgt mittels einer 32 Zentimeter starken Spannbetondecke. Die Platte lagert um den unregelmäßigen Grundriss der Kapelle auf 40 Bohrpfählen, die entsprechend der statischen Erfordernisse und unter Berücksichtigung der bodendenkmalpflegerischen Belange angeordnet wurden. In den notwendigen zugänglichen Bereichen bilden Vorsatzschalen den Raumabschluss, die einen Umgang außerhalb des Kapellenraumes erlauben.
Die Bodenflächen in diesen Bereichen sind unbefestigt als Kiespackungen hergestellt, da eine wasserdichte Konstruktion weder machbar noch sinnvoll ist und das vorhandene Grundwasser nach Bedarf durch eine kontrollierte Grundwasserabsenkung abgeführt wird. Auf dem Platz wurde eine umlaufende so genannte Schleppplatte im Anschluss an die Deckenplatte ausgeführt, die einen fließenden Übergang zur übrigen Platzfläche ermöglicht.
Für die denkmalgerechte Raumklimatisierung wurde eine Entfeuchtungsanlage vorgesehen, die die Luftfeuchtigkeit gemäß Besucheraufkommen und Witterungsbedingungen regelt. Die Entwässerung des hohen Grundwasserstands erfolgt über eine Ringdrainage um die Kapelle im Arbeitsbereich der neuen Fundamente und Stützmauern. Zur Steuerung des eventuellen Wasseranfalls bei starken Hochwasserereignissen ist eine Hebeanlage vorgesehen. Die zentrale Technik für Lüftung und Elektroausstattung und Medientechnik ist in 2 Technikräumen im Bereich des Treppenabgangs untergebracht. (BSZ)

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