Bauen

Der Neubau des Willibald Gluck Gymnasiums. (Foto: Petra Kellner)

10.12.2015

Architektur aus einem Guss

Neubau des Willibald Gluck Gymnasiums in Neumarkt in der Oberpfalz

Licht, Transparenz, offene Kommunikation und klare Orientierung sind nur einige der selbst gesetzten Qualitätsfaktoren für Architektur und Innenarchitektur des neuen Willibald-Gluck-Gymnasiums. Oberstes Ziel des mit der Planung beauftragten Architekturbüros Berschneider + Berschneider, Pilsach, war ein optimales Unterrichtsklima für Schüler und Lehrer zu schaffen. Im Zusammenspiel mit Architektur, Innen- und Landschaftsarchitektur sowie einem zukunftsweisenden Energiekonzept wurde dieses Ziel erreicht.
Der Landkreis Neumarkt i.d. Oberpfalz stellte die Aufgabe eines Schulneubaus mit 3-fach-Turnhalle für rund 1400 Schüler. Der Entwurf gliedert die Gebäude für einen funktional optimierten Schulbetrieb und ist damit Teil eines ganzheitlichen Ansatzes. Flächeneffizienz, Wirtschaftlichkeit in Bau und Betrieb sowie eine energetisch optimierte Gebäudehülle und Gebäudetechnik sind Grundprinzipien für den hohen Standard. Möglich wird dies durch klare geometrische Körper. Im abgestimmten Einklang mit Architektur und Innenarchitektur stehen für den hohen Lehr- und Lernkomfort dazu die Innenraumqualitäten, das Raumklima, die Akustik und ideale Tageslichtverhältnisse.
Die Erschließungsachse der klaren Baukörper Schule und Turnhalle verläuft von Ost nach West. Sie führt vom großen Parkplatz im Westen zum Eingangsbereich, weiter entlang der Turnhalle Richtung Unterführung zur Mensa. Das Schulgebäude und die Turnhalle fassen über Eck den Campus mit Sportplatz und definieren die Außenflächen der Schule, schirmen zur angrenzenden Wohnbebauung ab.
Markant für das neue Willibald-Gluck-Gymnasium steht die rote Außenhülle, die bewusst ablesbaren Fugen und Formen der Konstruktion aus roten Fertigteilen in Sichtbeton prägen das Erscheinungsbild der Baukörper.
Die Schule ist ein Gebäude mit vier Geschossen, mit zwei innenliegenden Atrien und rund 12 700 Quadratmetern Geschossfläche. Dazu kommt die Dreifeld-Turnhalle im Nordwesten mit rund 2800 Quadratmetern Geschossfläche. Bei Bedarf kann das Gebäude der Schule nach Süden erweitert werden.
Die Obergeschosse der Schule als roter Kubus „schweben“ auf dem transparenten Erdgeschoss mit seiner durchgehenden Glasfassade. Die Fensterbänder in unterschiedlichem Rhythmus beleben die Fassaden, lockern die strenge Geometrie der Baukörper auf. Bunte Glasscheiben, Witterungsschutz für die Öffnungsflügel der Fenster, setzen fröhliche Akzente, deren Farbpalette sich auch im Inneren wieder findet. Mit diesen vorgesetzten Scheiben kann auch bei schlechtem Wetter ein Fenster zur Nachtauskühlung oder zusätzlichen Lüftung sorglos offenbleiben.
Ein weit auskragender, abgesetzter Block im Obergeschoss signalisiert eindeutig den Hauptzugang und überdacht ihn gleichzeitig.
Die Turnhalle markiert von Weitem sichtbar das ausdrucksvolle Sägezahnprofil ihrer Fassade. Die schräg gestellten Oberlichte des Sheddachs zeichnen sich hier an der Halle ab.
Der gesamte Innenausbau erfolgte nach individueller Planung. Für ein harmonisches Ganzes liefen Architektur und Innenarchitektur von der Entwurfsphase an Hand in Hand. Mit den handwerklich gefertigten Einbaumöbeln und Elementen der Innenarchitektur erhielt die Schule ihren eigenen Charakter aus einem Guss. Neben dieser Qualität zeigten sich diese Innenausbauten auch wirtschaftlich von Vorteil gegenüber dem einfacheren Weg mit Fertigmöbeln.
Sitzfenster und Nischen lockern die Räume auf, bieten Möglichkeiten zum Rückzug, schaffen Blickbeziehungen, setzen Farbtupfer in allen Zonen. In betonten Elementen wie Geländern, Möbeln, Bodenflächen und Wandbereichen zieht sich das abgestimmte Farbkonzept als roter Faden und Orientierungssystem durch Architektur und Innenarchitektur, lässt sich überall im Gebäude finden und wiedererkennen.
Als große Aula mit hoher Aufenthaltsqualität präsentiert sich das Atrium nach dem Eingang. An diesem zentralen Platz im Haus bieten sich auf der abgetreppten Galerie Sitzflächen für die Pause. Bei Veranstaltungen verwandelt sich der Bereich zur Zuschauertribüne für die gegenüber in die Wand integrierte Bühne.
Die zwei offenen Hallen spielen auch eine wesentliche Rolle im Lüftungskonzept. Die Glasbrüstungen der umlaufenden Gänge der Geschosse unterstützen dazu Transparenz und Lichteinfall zwischen den Ebenen.
Über der Aula schwebt ein Porträt von Namensgeber Christoph Willibald Gluck als moderne Grafik. Dieses Bild ist nicht nur Dekoration, sondern dient ebenfalls durch seine Materialität der Optimierung der Raumakustik. Auch die lamellenförmigen Flächen in den Atrien wie in den Klassenräumen schaffen beste Akustik für hohe Lern- und Aufenthaltsqualität im ganzen Haus. Neben ihrer Funktion sind sie bewusst platzierte gestalterische Objekte im Raum.
Klare und durchdachte Grundrisse sorgen überall für leichte Orientierung. Die optimierten Raumabfolgen und Funktionszonen wurden von den Planern im durchgehenden Dialog mit den Nutzern diskutiert und abgestimmt. Alle Grundrissabläufe und Funktionen sind auf das Konzept Ganztagesschule ausgerichtet. Die Klassenräume liegen allesamt im Osten oder Westen. Dadurch reduzieren sich die Aufheizung und Blendung durch die Sonne in den Räumen auf ein Minimum.
Die zentrale Anordnung der flexiblen Bereiche sorgt für kurze Anbindung aus allen Klassen. Im gesamten Schulhaus erleben Schüler und Lehrer offene und helle Räume, nicht nur wegen Fenstern nach außen, wie auch nach innen: Licht und Blickbeziehungen für eine offene und kommunikative Schule. Für Tageslicht innen sorgen die zwei großen Atrien. Helle Verkehrswege verbinden alle Bereiche, den klassischen langen, dunklen Schulflur gibt es hier nicht. Die Erschließungsflure sind eher wie offene Straßen, an denen sich immer wieder Plätze für offene Kommunikation oder ruhige Nischen zum Rückzug öffnen.
 Die große Treppe unterstützt die Leichtigkeit des großen Raums über alle Geschosse, schwebt frei auskragend in den Raum des Atriums.
In der Turnhalle sind die Sheddächer in Nord-Süd Richtung orientiert, sorgen für optimale Tageslichtausbeute. Durch die Lage der Fenster in den Sheds nach Norden kann der Sonnenschutz entfallen, in die Turnhalle kommt ausreichend gleichmäßiges Tageslicht, ohne zu blenden, kein störendes Streiflicht fällt auf die Spielfelder der Halle. Die Südseiten der Sheds sind optimal orientiert als Grundfläche für die Module der Photovoltaik.
Für das Fensterband der Halle in der Außenwand, mit Ausblick von den Tribünen Richtung Altstadt, gewährleisten automatisch gesteuerte Lamellen den Sonnenschutz im Osten.
Die Elementierung des Rohbaus in Fertigteile brachte viele Vorteile. Durch den großen Planungsaufwand für einen hohen Vorfertigungsgrad verkürzte sich die Bauzeit vor Ort auf ein Minimum. Die Montage der Betonelemente erfolgte im Baukastensystem. Beim Einbau hatten die Wände bereits ihre fertigen, unempfindlichen Oberflächen innen wie außen. Dadurch entfielen zusätzliche Arbeitsgänge und Kosten.
Die Dämmebene steckt bereits fertig im Sandwich-Aufbau der Außenwand. Dazu stehen durchdachte Details für das klare Erscheinungsbild, ebenso wie für die wirtschaftliche Baukonstruktion und Ausführung.
Die Innenwände zeigen sich ehrlich in ihrer Materialität als Beton, nur teilweise lasierte Betonflächen, als ausdrücklich gesetzte farbige Akzente im Gebäude zur Orientierung.
Auf dem Gebäude liegt ein Holzdachstuhl. Das von unten nicht sichtbare geneigte Dachgeschoss erfüllt mehrere Funktionen. Hier findet sich ausreichend Raum für die gesamte Technik von Heizung und Lüftung. Damit konnte man auch problemlos auf ein Kellergeschoss verzichten. Die flach geneigten Dächer sind optimal für die Aufnahme der Photovoltaik-Module.
Die großen Oberlichte über den Atrien sind freitragende Holzkonstruktionen. Filigrane Brettschichtträger garantieren maximale Glasflächen für maximale Tageslichtausbeute.
Als Reminiszenz an den Altbau des Willibald-Gluck-Gymnasiums, den das für ihn typische Orange seiner Fensterbänder prägte, findet sich diese Farbe an mehreren Stellen im Haus wieder: als Treppenoberfläche, an Wänden oder in Fensterflügeln und Sitzmöbeln.
Als 3-fach-Sporthalle ist der Raum auch teilbar für parallele Nutzung in kleinen Hallen. Die dreiseitig umlaufende Tribüne mit drei zusätzlichen mobilen Tribünen bietet Platz für insgesamt 900 Zuschauer. Eine stützenfreie Zuschauergalerie erlaubt ungestörte Sicht auf das Spielgeschehen. Die Glasbrüstungen gewähren dazu optimale Licht- und Sichtverhältnisse für alle Aktivitäten und Veranstaltungen in der Halle.
Einen Synergieeffekt liefern die auskragenden Elemente der Tribünen nach außen, da sich unter ihnen die so wettergeschützten Buswartebereiche im Freien und Stauräume für Außengeräte finden.
Die Landschaftsarchitekten gestalteten die Außenanlagen als harmonische Ergänzung der Architektur. So findet sich außen die gleiche hohe Aufenthaltsqualität wie in der Schule. Die Schüler erleben hier attraktive Möglichkeiten für alle Aktivitäten von Ruhe bis Bewegung. Das Regenrückhaltebecken ist eine vielfältig gestaltete Wasserfläche im Außenbereich. Die bespielten Freianlagen bieten der Ganztagesschule ansprechende Flächen für Freizeit und Pausen ebenso wie für den Unterricht im Freien.
Neben dem Bauherrn, dem Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz, hat das Planungsbüro die Schule als Nutzer mit allen Gremien durchgehend in den intensiven Planungs- und Bauprozess integriert. Damit konnten Berschneider + Berschneider die optimalen Abläufe und Raumkonstellationen für den Lehrbetrieb mit dem jeweiligen pädagogischen Konzept in Architektur und Funktionen des Gebäudes, der Außenanlagen bis hin zur Haustechnik integrieren. Besonderes Augenmerk lag auf den Ganztagesklassen. Deren Anforderungen konnten nur mit einem flexiblen Raumkonzept und variablen Grundrissen umgesetzt werden. Neben dem eigentlichen Unterricht sind beispielsweise Zonen für ruhiges Arbeiten, Präsentation, Ruhe sowie Sport und Spiel zu bieten.
Bereits in der Planungsphase wurden den jetzigen Nutzern von den Architekten und Fachplanern alle Steuerungen für Licht, Lüftung und Raumklima erläutert. Wichtig war es zu vermitteln, dass bei aller automatischer Steuerung je nach Bedarf, zum Beispiel Licht und Lüftung jederzeit und individuell in jedem Raum geregelt werden können. Die Hausmeister haben dabei immer alles zentral im Überblick. Eventuelle Fehler oder Fehlbedienungen werden sofort erkannt, können für einen durchgehend optimalen wirtschaftlichen Betrieb korrigiert werden.
Als regenerative Energiequelle nutzen die Wärmepumpen Erdwärme. Als synergetisches Bauteil gehen Energiepfähle an den statisch notwendigen Gründungen ins Erdreich. Ein Agrothermiefeld im Sportplatz zieht zusätzliche Energie aus dem Erdreich. Den Strom für die Wärmepumpen liefern direkt die Photovoltaik-Anlagen auf Schule und Turnhalle. Modernste Batterieanlagen speichern überschüssig erzeugten Strom zur späteren Eigennutzung im Haus. Ein Steuerungssystem überwacht und sorgt immer für den optimalen und wirtschaftlichsten Einsatz der regenerativen Energien. Die CO2 gesteuerte Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung sorgt ebenfalls für bestes Lernklima im Willibald-Gluck-Gymnasium.
Die Projektsteuerung lag beim Sachgebiet Kreiseigener Hochbau/Gebäudeverwaltung am Landratsamt Neumarkt. Für den Neubau des Willibald Gluck Gymnasiums flossen FAG-Zuwendungen des Freistaats in Höhe von 15 Millionen Euro. Die Eigenmittel des Landkreises Neumarkt betrugen 20 Millionen Euro. (BSZ)

(Die rote Fassade des Neubaus; die Eingangshalle mit der abgetreppten Galerie; helle Verkehrswege und Nischen, die die Räume auflockern - Fotos: Petra Kellner)

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