Bauen

Das Sanoma-Haus und das Kiasma-Museum. (Foto: Wiegand)

06.07.2012

Architekturbegeisterte Finnen

Helsinki ist Welt-Designhauptstadt – das merkt man auch an den Gebäuden

Welt-Designhauptstadt 2012 – diesen Titel trägt jetzt Helsinki. Das passt, denn gutes Design gehört zur finnischen Identität und umfasst dort auch die Architektur. „Design und Architektur sind zwei Zweige am selben Baum“, erklärt Direktor Pekka Timonen, verantwortlich für die Festjahresprojekte. Nach seinen Worten geht es um soziales Design und eine menschliche Architektur, zunehmend auch um Energiesparen und Umweltschutz. Wegweisend wird das „Low2No-Bauprojekt“ in Jätkäsaari. Low2No steht für „from low carbon to no carbon“. Umweltschädliches CO2 soll zunächst vermindert, dann aber ganz vermieden werden. Das neue Viertel entsteht innerstädtisch, auf den nicht mehr benötigten Hafen-Arealen.
Was, wo und wie gebaut wird, interessiert laut Timonen auch „den Mann auf der Straße“. Ständig gibt es Bauwettbewerbe und die Vorhaben werden heiß diskutiert, verändert oder verworfen. Kürzlich hat der Stadtrat gegen den Bau eines Guggenheim-Museums votiert.

Kapelle der Stille


Große Zustimmung findet jedoch der besondere Bau zum Festjahr, die neue, bereits mit einem internationalen Architekturpreis bedachte „Kamppi Kapelle der Stille“ (Architekten: Mikko Lintula, Niko Sirola und Mikko Summanen). Der bescheidene, braun-golden schimmernde Holzbau steht mitten im quirligen Einkaufszentrum. Der Bau zog schon die Blicke auf sich, als daran noch gewerkelt wurde. In dem 11,5 Meter hohen Innenraum sollen die Menschen still werden, ihre Sorgen aber auch einem Priester oder Sozialarbeiter anvertrauen. Gottesdienste sind nicht geplant, doch über ein Taufbecken wird nachgedacht.
Insgesamt bildet die Kapelle der Stille einen starken Kontrast zu Helsinkis klassizistischem Dom im Regierungsbezirk. Den schuf der deutsche Architekt Carl Ludwig Engel (1778 bis 1840), der im Auftrag von Zar Alexander I. das gesamte Zentrum gestaltete. In Bronze steht Alexander am Fuß der breiten Treppe vor dem gewaltigen Gotteshaus. Zur Rechten und Linken rahmen die Universität und das Senatsgebäude den weiträumigen Platz ein. Überdies künden orthodoxe Kirchen von der rund 200 Jahre andauernden russischen Herrschaft. So die riesige am Westhafen. Davor setzt sich ein weißer Waben-Bau in Szene, die Hauptverwaltung des Unternehmens Stora Enso. Die entwarf Alvar Aalto (1898 bis 1976), Finnlands berühmtester Designer/Architekt.
Organisches Bauen war sein Prinzip, gut zu sehen in seinem Wohnhaus in Helsinki, errichtet 1936. Drinnen beeindruckt das ebenso formvollendete wie praktische Interieur. Aaltos Vasen, Leuchten, Hocker und Sessel wurden zu Design-Ikonen. Mit der Finlandia-Halle (Bauzeit 1962 bis 1975) setzte Aalto der Stadt ein bemerkenswertes Denkmal.
Andere folgten Aalto und machten Helsinki zu einem Mekka für moderne Architektur. Ein Beispiel ist „Kiasma“ (von 1992), das Museum für moderne Kunst, ein Werk des amerikanischen Architekten Steven Holl. Ging der noch zurückhaltend mit der Innenausleuchtung um, so setzten die SARC-Architekten beim Sanoma Haus (von 1999) dezidiert auf Lichteinfall und Glas. Zu ihnen gesellte sich 2011 das Helsinki Musikzentrum mit seiner gewaltigen Glasfront, gestaltet von Marko Kivistö, Mikko Pulkkinen und Ola Laiho.
Licht und Beleuchtung haben in Finnland wegen der langen dunklen Winter einen hohen Stellenwert. Siehe die neue Universitätsbibliothek inmitten der Stadt, errichtet vom Architektenteam Anttinen Oiva. Äußerlich passt sich das siebenstöckige Gebäude mit seiner Backsteinfassade perfekt den Nachbarhäusern an. Drinnen fasziniert der Lichteinfall von der Decke her und durch zahlreiche Fenster. Das gewichtsmäßig größtmögliche fertigte ein deutsches Tochterunternehmen der britischen Firma Pilkington. Die Bibliothek soll im Herbst fertig sein und allen Menschen offenstehen.

Das Futuro-Haus von 1968


Und die Kinder? Die besten Architekten des Landes bauen ihre Schulen, freundliche und gut durchdachte Gebäude, wie die Kirkkojärvi Schule in Espoo, Helsinkis Nachbarstadt. Die „Verstas Architekten“ haben dafür bereits einen internationalen Architekturpreis gewonnen. Graffitis sind nirgends zu sehen, die Kinder haben Besseres zu tun. Die Ausstattung mit Büchern, Computern, Musikinstrumenten, Bastel- und Technikräumen ist fabelhaft.
Viel Spaß haben die Kids und die Architektur-Fans auch an dem „Ufo“ im WeeGee Ausstellungszentrum von Espoo. Es ist das von Marko Home restaurierte allererste Futuro-Haus von 1968. Das eliptische Plastik-Heim, designed von Matti Suuronen, machte weltweit Schlagzeilen, war aber teuer. Nur 70 bis 80 Stück wurden produziert und die Ölkrise von 1973, in der sich der Plastik-Preis verdreifachte, brachte alsbald das Aus.
Inzwischen setzt man wieder auf Holz, Finnlands naturgegebenen Werkstoff. Gerade haben Studenten der Aalto-Universität Helsinkis Museen für Architektur und Design durch einen hölzernen Pavillon miteinander verbunden. Der wird Ende des Jahres wieder abgetragen, die „Kapelle der Stille“ aber bleibt. Bestehen bleibt auch das hübsche „Kapelli“, eine „Kapelle“ der feinen Küche von 1867 auf der Flaniermeile Esplanade. (Ursula Wiegand)

(Helsinkis Dom und das Futuro-Haus Nr. 1 von 1968 - Fotos: Wiegand)

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