Bauen

Das Ensemble mit Kongresshalle im Vordergrund und dem Deutschen Museum dahinter. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1970. (Foto: Deutsches Museum & BLFD)

09.12.2011

Auf der Suche nach dem städtebaulichen Leitbild

Der Kongressbau am Deutschen Museum soll einem spektakulären Neubau weichen – dort soll ein Konzertsaal Platz finden

Es herrscht Einigkeit über Parteigrenzen hinweg. Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) möchte den Kongressbau am Deutschen Museum abreißen für einen neuen Konzertsaal, möglichst von der Hand eines „internationalen Stararchitekten“. Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) bekennt: „Ich würde diesem Nazi-Bau keine einzige Träne nachweinen.“ Einmal abgesehen davon, dass es eine Naziarchitektur als eigenen Stil nicht gab: Den Grundstein zum Kongressbau legte 1928 der Reichspräsident der Weimarer Republik Paul von Hindenburg. Nur die Weltwirtschaftskrise verzögert die Einweihung bis 1935.
Der Bau entstand übrigens auf ausdrücklichen Wunsch von Museumsgründer Oskar von Miller. Ihm schwebte eine Verbindung aus Schausammlungen, Studienbibliothek und einem Ort des Austauschs zwischen Wissenschaft und Kunst vor. Auch baulich komplettiert der Kongressbau den Museumskomplex stimmig; seine vorgetragene Sachlichkeit trägt Gabriel von Seidls Neoklassizismus weiter. Dass der ausführende Architekt German Bestelmeyer ein Antisemit und glühender Nazi war, steht auf einem anderen Blatt. Hitler ließ ihm ein Staatsbegräbnis ausrichten, zu dem Goebbels eigens anreiste. Ebenso stellt sich die Frage, warum in München seit 1956 eine Straße Bestelmeyers Namen trägt, obwohl er zu den unappetitlichsten Vertretern einer Zunft gehört, die in ihrer Geschichte an Opportunisten nie Mangel hatte.
Übrigens hatte Hitler in die Umbaupläne für seine Hauptstadt der Bewegung die Museumsinsel und die Neubauten von Bestelmeyer nicht einbezogen. Deren Dächer waren nach den Vorstellungen der Nazis nämlich zu flach.
Geplant war der Kongresssaal mit 2400 Sitz- und hunderten Stehplätzen als Mehrzweckbau. Aber aufs engste verbunden ist er mit der Münchner Musikgeschichte. Die schier endlose Liste der Orchester, Dirigenten und Solisten, die dort gastierten, liest sich wie das Who’S who der Klassikszene im 20. Jahrhundert. Nach dem Krieg traten dann fast alle Jazzlegenden auf und Stars der Schlager- und Rockmusik. Maria Callas, Hildegard Knef, Tina Turner, Nicolai Gedda, Udo Jürgens, Jimmy Hendrix: Einen derartigen Kessel Buntes hat kein anderer Konzertsaal angerührt.
Die Deutsche Grammophon nutzte ihn für Musikaufnahmen und in den 1950er Jahren übertrug der Bayerische Rundfunk von dort die legendären Sonntagskonzerte des Münchner Rundfunkorchesters: „Im Zauber schöner Melodien“, „Beschwingt und heiter“ versammelte man sich vor den Rundfunkgeräten im Land, um die Katastrophe zu vergessen.

Zusehends verwahrlost


Für den Kongresssaal begann der Niedergang mit der Eröffnung der Philharmonie im Gasteig im Jahr 1985, trotz unbefriedigender Akustik. „Burn it“, knurrte Leonard Bernstein und gastierte weiterhin lieber nebenan im Kongresssaal. Das letzte Konzert fand 1991 statt; Ricardo Muti stand damals am Pult.
Nach allerlei Umbauten und kurzlebigen Nutzungen verwahrloste das Gebäude zusehends. Immerhin wurde die überzeugende Idee noch nicht ganz fallen gelassen, daraus im Rahmen der Generalsanierung des Deutschen Museums den Eingangsbereich zu gestalten mit Kartenschalter, Museumsladen und Restaurant. Denn dort befindet sich die eigentliche Schauseite, das Entree des Areals und direkt davor die Straßenbahnhaltestelle. Momentan betritt man das Museum quasi von hinten, durch den Innenhof. Für Ortsunkundige ist das verwirrend.
Der Kongressbau würde nicht nur die Eingangssituation klären. Im städtebaulichen Kontext bilden Bestelmeyers versteinerter Funktionalismus und die entspannte Normalität der über Flügel angebundenen Gebäudegruppen einen wohltuenden Kontrast zum aufgeregten Gasteig, der den Stadtraum als klotziger Schmarotzer beherrscht und von einem baulichen Leitbild im Sinn vorsätzlicher Gleichgültigkeit gegenüber der Umgebung und der Historie kündet. Im Vergleich wirken das Museumsareal und das Müllersche Volksbad schräg gegenüber durch die architektonische Grandezza wie ein Vorwurf. Eine Mahnung, anspruchsvoll zu sein und sich nicht im Kleinlichen wohl zu fühlen oder in parvenühaften Renommierbauten zu verzetteln.
Bayerns oberster Denkmalpfleger, Egon Greipl, hält sich beim Thema Kongressaal erstaunlich bedeckt, verweist auf die architekturgeschichtliche Bedeutung und erhaltene Innenausstattung, bezieht aber nicht ausdrücklich Position gegen einen Abriss (Seite 2, Frage der Woche). Der von politischer Seite offenbar favorisierte „prominente Architektenauftritt“ (Ude) läuft aber darauf hinaus. Denn für die kleinere Lösung – Einbau eines neuen Konzertsaals in das bestehende Gebäude – bräuchte man keine „Stararchitekten“.
Denn Kerngeschäft sind die durchgestylten Solitäre, exzentrische Bauskulpturen, die sie als ihr Markenzeichen weltweit abwerfen, weil sie von der Wiedererkennbarkeit ihres formalen Repertoires leben. Dazu agieren sie in einer Sphäre ästhetischer Autonomie und generell zulasten der gewachsenen Stadtlandschaft. Millers Museumskomplex und Müllers Hallenbad gehören aber zu den Kernzonen der Münchner Identität. Die ist umso mehr gefährdet, als die Stadt immer bereitwilliger stromlinienförmig jede Tradition aufgibt und auch noch stolz darauf ist.
Der Alte Hof, die Residenzpost, die monströsen Lenbachgärten: So sieht Baupolitik aus, die keine städtebaulichen Leitbilder mehr entwickelt, sondern Marketingstrategien hinterher hechelt. Wenigstens wird es zunehmend schwieriger, hunderte Millionen Euro teure Luxusprojekte wie die angedachte „Isarphilharmonie“ zu realisieren, die auf Kosten der Steuerzahler gehen, denen man immer neue Abgaben und Kürzungen zumutet. Das Desaster um die Hamburger Elbphilharmonie der Stararchitekten Herzog & de Meuron ist ein Beispiel. (Rudolf Maria Bergmann)
(Detailaufnahmen aus dem historischen Zuschauerraum - Fotos: BLFD)

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