Bauen

Bambergs neuer Baureferent Michael Illk. (Foto: Bergmann)

18.03.2011

Auf ein Neues

Bamberg beruft binnen drei Jahren den dritten Baureferenten

Die Vorgeschichte lehrt, dass Michael Illk vermintes Terrain betrat, als er im Januar den vakanten Posten des Baureferenten der Stadt Bamberg übernahm. Seinen Vor-Vorgänger wählte der Stadtrat nach fünfzehn Dienstjahren im Jahr 2007 überraschend ab. Der Nachfolger warf dann das Handtuch bereits im September 2010. An das Amt eines Baureferenten oder Stadtbaumeisters knüpfen Viele viele Erwartungen.
Zuerst die Politiker: Sie denken kurzfristig in Legislaturperioden, wollen schnelle Lösungen, weil sie ihre Wiederwahl im Blick haben. Sorgfältige städtebauliche Planungen und nachhaltige Architekturprojekte brauchen aber Zeit und lassen sich meist nur langfristig realisieren. Dann sind die Belange betroffener Anwohner unter einen Hut zu bringen: Die einen wollen mehr Parkplätze, andere lieber Bäume statt Autoverkehr. Auch bei der Frage nach Umnutzung des Bestands oder Abriss und Neubau gehen in der Regel die Meinungen weit auseinander.

Schnell zwischen
den Fronten


Konflikte sind programmiert und der Baureferent gerät schnell zwischen die Fronten im Parteiengezänk, denn er steht an der Nahtstelle zwischen Verwaltung und Politik neben dem OB in der ersten Reihe. Dort wird er leicht zum Opfer, weil Politiker selten Verantwortung für eigene Fehler übernehmen. Außerdem betrachten sie Baureferenten mitunter nur als Erfüllungsgehilfen ihrer kommunalpolitischen Vorstellungen.
Ein engagierter Fachmann mit genauen Vorstellungen eckt dann an. Dabei berichten Architekten, dass Mitglieder von Kultur- und Bauausschüssen nicht immer Fachkenntnisse mitbringen, manche nicht einmal Grundrisse lesen können. Man stelle sich vor: Der Chefarzt der städtischen Klinik müsste sich vor einem Gesundheitsausschuss aus medizinischen Laien für Operationen rechtfertigen.
Insofern war es ein mutiger Schritt, als der 47-jährige Michael Illk eine unkündbare Führungsposition im Tiefbauamt der Stadt Stuttgart für den riskanten Posten in Bamberg aufgab, zumal sein Vertrag zunächst nur bis 2015 läuft. Angesichts der notwendigen Einarbeitungsphase bleibt ihm für größere Projekte erst einmal wenig Spielraum. Als Chef von 300 Mitarbeitern ist er mit dem Stadtplanungsamt zuständig für die Bereiche Flächennutzungs- und Stadtentwicklungsplanung, Vermessung, Verkehrsplanung, Bebauungsplanung, Stadtsanierung und Stadtgestaltung. Als Leiter des Bauordnungsamts obliegen ihm Bauberatung und Denkmalpflege.
Der Wechsel seiner Arbeitsumgebung könnte krasser kaum sein: Dort die hektische Industriemetropole, eine radikale Autostadt, die ihre Baugeschichte permanent entsorgt, weltoffen, aber auch geprägt vom spröden württembergischen Pietismus. Hier das überschaubare, erzkatholische Bamberg, das sich ausschließlich über seine Historie definiert.
Mitgebracht hat Michael Illk schwäbisches Understatement: Er ist „nur“ Bauingenieur und kein Architekt, betont er unter Anspielung auf ein verbreitetes Ressentiment der überheblichen Kollegen. Dabei verschweigt er bescheiden, dass Architekten zwar schöne Bilder liefern, aber erst Bauingenieure daraus Gebäude machen. Außerdem genießen Ingenieure aus Stuttgart Weltruf – nicht nur in Sachen Automobile.
Der große Fritz Leonhardt, Konstrukteur des Stuttgarter Fernsehturms (1953 bis 1956), war einer der bedeutendsten Bauingenieure des letzten Jahrhunderts. Das Zeltdach des Münchner Olympiastadions wäre ohne seine Tragwerksplanung nicht möglich gewesen. Führend daran beteiligt war auch Jörg Schlaich, dessen Stuttgarter Büro weltweit angefragt wird. Die Spektakelbauten eines Norman Foster oder von Zaha Hadid basieren zum guten Teil auf seiner Leistung.
Während Architekten zu Allüren und Visionen neigen, bleiben Bauingenieure auf dem Boden und greifen lieber zum Rechenschieber. Solchen Pragmatismus vertritt auch Michael Illk: Natürlich besteht er beim neuen Bauen in alter Umgebung auf einer zeitgemäßen Architektursprache, aber nicht jeder Neubau muss deswegen gleich zum gebauten Manifest werden. Und Stadtverschönerung soll nach seiner Überzeugung die Bedürfnisse der Bevölkerung bedienen, nicht das Ego des Architekten. Deshalb ist ihm die Beteiligung der Bürger an Entscheidungsprozessen sehr wichtig; er sieht sich als Partner von Bürgern und Politikern.

Umstrittene Neubauten
im Hainviertel


Seine offene Gesprächsbereitschaft wird er brauchen, denn Aufreger gibt es genug in Bamberg. Die neue Kettenbrücke über den Main-Donau-Kanal ist offenbar ein Dauerthema. Die Auseinandersetzungen um die Erba-Halbinsel, wo die Landesgartenschau 2012 stattfinden soll, sind sicher noch nicht beendet. Ebenfalls umstritten sind Neubauten im Hainviertel. Für das ganze Gebiet zwischen beiden Regnitzarmen, dessen Bebauung seit Mitte des 19. Jahrhunderts entstand, wurde nun ein denkmalpflegerischer Rahmenplan erstellt, um daran später Entwicklungsziele zu orientieren.
Dabei stellen sich Illk Aufgaben, die für die Stadt generell wichtig sind: Nachverdichtung im Bestand, Planungen für Freiflächen und die Weiterentwicklung von Bausünden. Denn das Weltkulturerbe macht den geringsten Teil der Stadtfläche aus. Mit zunehmender Distanz zur Altstadt nimmt die Zahl der Problemzonen zu und die Schönheit rapide ab. Schließlich franst die Stadt in eine hässliche Peripherie aus, die riesige Flächen frisst, ein Flickenteppich aus Autobahnzubringern, Abholmärkten, billig Gemachtem und teuer Bezahltem, gegen den sich die Postkartenvedute nur noch mit Mühe behauptet.
Handlungsbedarf sieht Illk zum Beispiel im Bahnhofsviertel: Man kommt mit dem Zug in einem beliebigen Ort an, nicht in einer Stadt des Weltkulturerbes. Eine einschüchternde Asphaltwüste, Baracken, Parkplätze und rüder Beton prägen den ersten Eindruck. Wahrhaft desaströs ist der Wohnungsmarkt für Studenten. Will die Stadt langfristig nicht nur als touristisches Sehnsuchtsziel sondern auch als Universitätsstandort bestehen, muss sie sich dringend um nachhaltige Verbesserungen bemühen. Studenten, die keine Wohnung finden, entscheiden sich für andere Universitäten, Welterbe hin oder her, bringt der neue Baureferent die Situation auf den Punkt.
Konkret angegangen wird derzeit ein Verkehrsprojekt in der Altstadt. Die Lange Straße wird probeweise mit einem Durchfahrverbot belegt, denn sie zerschneidet den breiten Fußgängerbereich zwischen Altem Rathaus und Grünem Markt. Unglaubliche 10 000 Fahrzeuge sollen sich täglich durch das Nadelöhr schieben. Gestritten wird darüber schon so lange wie erbittert. Ein heikler Auftakt für den neuen Baureferenten.
(Rudolf Maria Bergmann)

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