Bauen

3,1 Millionen Euro wurden in den Umbau und die Sanierung des Ratskellers investiert. (Foto: Breunig Architekten)

16.03.2012

Ausgefeiltes Lichtdesign

Umbau und Sanierung des Würzburger Ratskellers

Der Würzburger Ratskeller befindet sich unter dem so genannten Grafeneckert, einem der bedeutendsten Zeugnisse romanischer Profanbauten in Würzburg und Bayern. Der Ratskeller als Gaststätte wurde zwischen 1912 und 1918 dort eingerichtet und nach der vollständigen Zerstörung in der Bombennacht 1945 im Jahr 1973 wiederhergestellt. Der Ausgangspunkt und die Problemstellung für die im Jahre 2010 dringend anstehende Sanierung waren vielfältig: Die Technik im Bereich Licht, Lüftung und insbesondere Küchentechnik entsprachen nach fast 40 Jahren Benutzung in keiner Weise mehr den heutigen Anforderungen. Die logistischen Abläufe innerhalb der Gaststätte waren sehr problematisch, zeitaufwändig und damit für den Betreiber unwirtschaftlich und für den Gast nach heutigen Gesichtspunkten nicht mehr befriedigend.
Eine Barrierefreiheit in den auf verschiedenen Ebenen befindlichen Räumen der Gastronomie war nicht gegeben. Das gesamte Interieur im historisierenden Stil und die teilweise überdekorierten und schummrigen Räume entsprachen nicht mehr dem aktuellen Zeitgeist einer frischen und freundlichen Gastronomie. Als weiteres Problem hatte sich im Zuge der Maßnahme herausgestellt, dass die durchaus noch vorhandene wertvolle romanische Bausubstanz im Zuge der Sanierung der 1970er Jahre weitestgehend versteckt, überputzt oder historisierend verfälscht worden war.
Diese Punkte hatten im Laufe der Jahre zu einer Überalterung des Publikums geführt, eine jüngere Zielgruppe fühlte sich in den Räumen nicht mehr wohl, beziehungsweise konnte durch die mangelhaften gastronomisch technischen Voraussetzungen auch nicht mehr adäquat befriedigt werden.
Das Büro archicult GmbH – breunig architekten aus Würzburg wurde im Oktober 2010 von der Stadt Würzburg mit der umfassenden Umgestaltung und Sanierung des Würzburger Ratskellers beauftragt. Da die Gastronomie im Interesse des Pächters nur in einem möglichst kurzen Zeitraum geschlossen bleiben sollte, verliefen sowohl die Planungen, als auch die Umsetzung unter extremen Zeitdruck. Bereits Anfang Januar wurde die Möblierung ausgeräumt, im Februar begannen die Bauarbeiten und Ende September 2011 wurde die Gaststätte wieder eröffnet.
Die Lösungsansätze und Entwurfsideen für die Problemstellungen waren vielfältig und bewegten sich parallel auf verschiedenen Ebenen. Unter der engagierten Beratung des Bauhistorikers Christian Naser wurde zum einen die Baugeschichte des Grafeneckerts umfassend recherchiert. Es stellte sich rasch heraus, dass die Geschichte des Grafeneckert und damit die historischen Räume des Ratskellers untrennbar mit 1000 Jahren Würzburger Stadtgeschichte verwoben sind. Aus diesem Grund wurde parallel die Stadtgeschichte im Zusammenhang mit dem Baudenkmal eruiert. Im Zuge der Spurensuche stellte sich heraus, dass bereits im 16. Jahrhundert im historischen Rathaushof ein Bierschankrecht bestand – eine absolute Besonderheit für das bis dahin fast ausschließlich weintrinkende Würzburg.

Ein Lokal für alle Schichten


Anhand eines historischen Zeitdiagramms wurden die verschiedenen geschichtlichen Ebenen grafisch visualisiert, um diese anschließend in das neue Gastronomiekonzept einzubauen.
Es war von vornherein klar, dass der Würzburger Ratskeller eine Gaststätte für ein möglichst breites Zielpublikum sein sollte – der Ratskeller sollte wieder ein Lokal für alle Bürger aus allen Schichten werden. Selbstverständlich sollten sich auch und insbesondere die Touristen in der neugestalteten Gaststätte wohl fühlen und einen bleibenden Eindruck mitnehmen.
So wurde zum einen die vielfältige Baugeschichte von der Romanik bis zur Renaissance innerhalb des Gebäudes wieder sichtbar und ablesbar gemacht. Diese Bereiche wurden durch eine unterschiedliche Mobiliar- und Farbwahl inszeniert. Szenen aus der Würzburger Stadtgeschichte werden über Lichtprojektionen oder Wandgrafiken unaufdringlich und sozusagen als narrative Dekoration dem Gast näher gebracht und ermöglichen so einen Gang durch die Würzburger Stadtgeschichte.
In der Ratsbierstube, die sich im jüngsten Teil des Ratskellers befindet, zeigen künstlerisch gestaltete Wandgrafiken die wichtigsten Persönlichkeiten Würzburgs aus den letzten 1000 Jahren. Die Baugeschichte wird weiterhin vertieft durch 25 unaufdringlich angebrachte Schautafeln, die dem interessierten Gast einen tieferen Einblick in die Baugeschichte des Gebäudes, die Sanierung und die bauhistorischen Funde bieten.
Im Zuge der Sanierungsmaßnahmen wurden konsequenterweise historisierende Zutaten der letzten Sanierung entfernt und die historische Grundsubstanz freigelegt. Es konnten hier überraschenderweise bedeutsam historische und als zerstört geltende Bauteile wie historische Bögen oder Verschlusssteine und Konsolen unter der fachkundigen Anleitung eines Restaurators wieder freigelegt werden. Die Baugeschichte des Gebäudes ist somit auch für den Laien wieder erkenn- und erlebbar.
Die verschiedenen konzeptionellen Schichten ermöglichen es dem Gast das Gebäude zum einen als Ganzes wahrzunehmen und zu erleben, bei Bedarf aber auch tiefer in die dargestellten Schichten und Geschichten einzusteigen. Dies erhöht und stärkt sowohl bei dem Würzburger als auch dem Touristen die Identifikation mit der Gaststätte, dem Gebäude und mit Würzburg.
Konstruktiv betrachtet wurde die sich im Erdgeschoss und Untergeschoss befindliche Gaststätte im Wesentlichen bis auf die historische beziehungsweise statische Grundsubstanz entkernt und neu aufgebaut. So wurde die Haustechnik zu einem Großteil erneuert, es wurde eine komplett neue Küche mit Nebenräumen eingerichtet und auch die Theken und Schankanlagen wurden im Gesamten technisch und gestalterisch komplett neu errichtet. Durch das Öffnen von bisher geschlossenen beziehungsweise mit nicht durchsichtigen Verglasungen versehenen Fenstern entstehen nun neue Ein- und Durchblicke, die es ermöglichen, das historisch gewachsene und damit verschachtelte Gebäude zu verstehen, aber auch die Gastronomie von außen sichtbar und damit interessant zu machen.
Durch den Einbau eines Lifts und entsprechenden Sanitäranlagen ist nun die auf zwei Ebenen befindliche Gaststätte barrierefrei zugänglich und nutzbar. Ein ausgefeiltes Lichtdesign betont im Zusammenhang mit der Material- und Farbwahl zum einen die historische Baustruktur und schafft durch eine Helligkeitsinszenierung interessante Raumstrukturen und Stimmungen.

320 Plätze


Entsprechend der Bauhistorie wurde die Gastronomie im Wesentlichen in zwei Bereiche aufgeteilt, zum einen den etwas rustikaler mit Eichenboden und klassischer Möblierung versehenen Bereich der Ratsbierstube als großzügigen und offenen Bereich und den mit eleganten italienischen Holz- und Polstermöbeln ausgestatteten romanischen Bereich, der sich unter historischen Kreuzgratbögen eher weinlastig präsentiert.
Die Gastronomie hat über 320 Plätze zuzüglich Außenbestuhlung und damit mehr als vor dem Umbau. Die Bruttobaukosten beliefen sich auf rund 3,1 Millionen Euro.
Nach einigen Monaten Betrieb zeigt sich, dass das Konzept tatsächlich eine deutlich breitere Zielgruppe anzieht: Touristen und Würzburger sitzen bei Bier und Wein einträchtig beieinander und während die ältere Dame andächtig an ihrem Weinglas nippt, sitzen Studenten beieinander und diskutieren gestikulierend das aktuelle Tagesgeschehen. Ein Ratskeller für alle Bürger. (BSZ)

(Die Gastronomie verfügt über 320 Plätze zuzüglich Außenbestuhlung - Fotos: Breunig Architekten)

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