Bauen

Die renovierte Pfarrkirche St. Emmeram. (Foto: Erzbischöfliches Ordinariat)

29.10.2010

Barocke Formensprache

Bei der Innenrenovierung der Pfarrkirche St. emmeram in Vogtareuth blieb man im Kostenrahmen

Hoch über dem Inn, im Rosenheimer Land, in markanter Lage auf einer Endmoräne erhebt sich weithin sichtbar der Ort Vogtareuth mit seinem Ortsbild prägenden Ensemble, bestehend aus der Pfarrkirche St. Emmeram, dem Friedhof sowie den Propstei- und Ökonomiegebäuden.
Der heutige Kirchenbau in Vogtareuth entstand im Wesentlichen in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts. Wie zahlreiche Kirchen in Altbayern erhielt auch die Vogtareuther Kirche nach dem 30-jährigen Krieg schrittweise eine frühbarocke Neuausstattung. Der weite, spätgotische Saalbau wurde jedoch nach einem Brand um 1720 einer tief greifenden Barockisierung unterzogen. Reicher, virtuos geformter Stuck aus Akanthusranken und frühen Bandlwerk, der die gesamten Gewölbe überzieht, trat an die Stelle der gotischen Rippen.
Der Hochaltar, wenn auch mehrfach verändert, und die Kanzel, beides von Wasserburger Meistern um Adam Hartmann und Hans Aberle geschaffen, zieren heute noch den Kirchenraum. Die umfängliche barocke Ausstattung entstand über 150 Jahre hinweg. Diese spiegelt eindrucksvoll den stilistischen Wandel vom majestätischen Frühbarock (Hochaltar 1664) über Hochbarock (Kanzel 1687) und Rokoko (Seitenaltäre, Kreuzaltar 1775) bis zum frühen Empire (Kommunionbank 1800) wider.

Morscher Hochaltaraufbau


Für die Ausstattung sind durchweg hervorragende Maler und Bildhauer verantwortlich, wie der kaiserliche Hofmaler Johannes Spillenberger (Hochaltarblatt) oder der Ignaz-Günther-Schüler Joseph Götsch (Seitenaltäre). Ein unglücklicher Eingriff in das gleichermaßen vielgestaltige wie stimmige Ensemble stellt die Verlängerung der Kirche nach Westen im Jahre 1923 dar. Die letzte durchgreifende Innenrenovierung erfolgte 1931 durch Georg Hilz (Aibling). Das so entstandene, an der barocken Fassung von 1720 orientierte Raumbild wurde zuletzt 1956 einer Reinigung unterzogen, als man auch den morschen Hochaltaraufbau erneuerte.
Nach zahlreichen Voruntersuchungen wurde die Pfarrkirche seit 2006 einer grundlegenden Innenrestaurierung zugeführt. Ziel der Maßnahme war im Wesentlichen die Pflege und Konservierung des gewachsenen Erscheinungsbilds, was insbesondere an der Stuckierung kein leichtes Unterfangen war, sowie die Schaffung einer der Qualität der Kirche adäquaten liturgischen Neuausstattung. Diese umfasst den Volksaltar, den Ambo sowie die Sedilien und wurde von der Münchener Bildhauerin Sabine Straub geschaffen. Der neue Volksaltar besteht aus kalt gewalztem, massivem Edelstahl von 15 Millimeter Stärke und wiegt 550 Kilogramm. Er ist aus zwei ineinander greifenden Spangen gebildet.
Da alle Flächen der Spangen, also auch die Tischoberfläche, gespannt sind, ergibt sich eine sehr dynamische und energiegeladene Linienführung. Diese Spannung setzt sich im Ambo, dem Osterleuchter und den drei Sedilien, den Priestersitzen fort. So antwortet die neue liturgische Ausstattung auf die barocke Formensprache der Kirche – es bildet sich eine harmonische Einheit im Altarraum.
Ein weiteres wichtiges Element ist der Farbwechsel von Silber und Gold in Altar und Ambo. Während die Außenflächen die Silberfarbe des Edelstahls zeigen, wurden die Innenflächen mit 24-karätigem Blattgold belegt. Die Außenseiten des Altares sind in unterschiedlich starken Graden geschliffen. Während die Tischoberfläche fast hochglanz poliert erscheint, wurde die Vorderfront der Mensa vergleichsweise stumpf belassen. So ergeben sich unterschiedliche Grade der Reflexion des Lichts, der Farben und Konturen.
Die Barock- und Rokokoaltäre wie auch die Stuckdecke spiegeln sich in den Oberflächen. Der Edelstahlaltar löst sich scheinbar in der Umgebung auf. Zugleich spielt diese Form in freier, origineller Weise mit der historischen Kommunionbank. Einen weiteren Schwerpunkt bei der Neuordnung der liturgischen Orte stellt die Neuaufstellung des klassizistischen Taufsteines im Westteil unter der Empore dar. Der Deckel des Taufsteins zeigt eine Taufgruppe von Johann Chrysostomus Geisenhofer. Das bestehende diagonale Schachbrettmuster aus Adneter und Untersberger Marmor wurde im Westteil neu ergänzt und schließt sich an den bestehenden Belag an.
Die neue Fassung der Raumschale mit ihren zarten Tönen in Gelb, Rosa und Grün als Folie für den gebrochen weißen Stuck nimmt die Farbgebung von Georg Hilz von 1931 wieder auf, der sich bereits eng an der barocken Farbtönung orientiert hatte. Als Farbstufe wählte man eine mittlere Tönung, etwas heller als die Farbgebung bei Hilz und etwas dunkler als der barocke Befund. Bei der Austattung einigte man sich auf eine gründliche Reinigung, die Festigung abplatzender Teile und die Retusche von Fehlstellen. Von einer Neufassung der Altäre sah man ab.
Die Nahwärmeversorgung wird von einer ortsansässigen Biogasanlage gespeist. Der Kircheninnenraum wird über eine Bauteiltemperierung mit einer Brüstungs- und Sockelschleife beheizt. Die Sockelschleife dient dem Ganzjahresbetrieb, für den Gottesdienst kann man zusätzlich die Brüstungsschleife aktivieren.
Im März 2004 begannen die konkreten Planungen und 2005 die Befundung der Raumschale und Ausstattung. 2007 konnte die Musterachse erstellt werden und 2008 mit statischen Maßnahmen zur Erhaltung der Standsicherheit und Substanz begonnen werden. Das Fundament wurde saniert, Risse verpresst, Dachstuhl und Dachdeckung saniert, die Bauteiltemperierung eingebaut und die Elektroinstallation samt neuer Lampen sowie das Anlegen eines barrierefreien Zugangs notwendig. Im Inneren wurde der Putz in der Sockelzone teilweise bis auf eine Höhe von 150 Zentimeter abgeschlagen und neu aufgebaut, um die vorhandenen Salzausblühungen zu entfernen und ein neues Auftreten zu verhindern. Auch das Vernichten des Holzwurms war notwendig. Besonders aufwändig gestaltete sich die statische Neukonstruktion der nicht mehr tragfähigen Orgelempore im Anbau.

Keine Überraschungen


Nach der Renovierung der Raumschale konnte 2009 dem Entwurf der Künstlerin zugestimmt werden. 2010 wurden die künstlerische Ausstattung instand gesetzt und neue Einbaumöbel entworfen. Die Planung und Bauleitung wurde vom Architekturbüro Sven Grossmann aus Rosenheim durchgeführt. Als zuständiger Projektleiter fungierte Markus Baukholt, der insbesondere das harmonische Miteinander aller Beteiligten hervorhebt und sich freut, dass der Kostenrahmen eingehalten werden konnte, da es keine unliebsamen Überraschungen während der Renovierungen gab.
Die Bauzeit betrug wie geplant ungefähr zweieinhalb Jahre. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 1,62 Millionen Euro und liegen damit im Kostenrahmen. Dabei sind die großartigen Eigenleistungen der Vogtareuther nicht außer Acht zu lassen. Einzelpersonen und ganze Vereine leisteten an die 4000 freiwillige Arbeitsstunden. Insgesamt 281 000 Euro trugen die Bürger so zur Renovierung ihrer Pfarrkirche bei. Durch verschiedene Veranstaltungen in der Kirche wie Konzerten und Passions-, Advents- und Dreikönigssingen sammelten sie Spendengelder.
Schwerpunkte der freiwilligen Arbeiten waren Maurer- und Putzarbeiten sowie Zimmerer- und Holzarbeiten. So wirkten die Vogtareuther vor allem bei der Sanierung von Fundament, Mauerwerk und Orgelempore sowie Auslagerung der Ausstattung unter Anleitung der Restauratoren mit. Auch das Reinigen des Dachstuhls übernahmen fleißige Freiwillige. Mit Wiedereröffnung und Neuweihe des Volksaltars am 26. September 2010 im Rahmen eines Festgottesdiensts mit Erzbischof Reinhard Marx, greifen die Vogtareuther die Tradition auf, um den 22. September den Festtag des hl. Emmeram zu feiern. (Barbara Hausmann/Alexander Heisig)

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