Bauen

Das Projekt "Case Study #2" in Pfullingen. (Foto: Friedrich H. Hettler)

13.03.2015

Bis zur Hochhausgrenze komplett aus Holz

Mehrgeschossige Gebäude mit vorgefertigten Modulen

Während einer Informationsfahrt des Bundesverbands Deutscher Fertigbau (BDF) zum Thema „Mehrgeschossiges Bauen in Fertigbauweise“ wurde SchörerHaus im schwä- bischen Hohenstein-Oberstetten und deren Modellprojekt „Case Study #2“ in Pfullingen sowie das neue Kampa Verwaltungs- und Ausstellungsgebäude K8 – Deutschlands erster Holzbau mit acht Vollgeschossen – in Aalen/Wald- hausen besucht.
Das „Case Study #2“ ist ein mehrgeschossiges Stadthaus mit hohem Vorfertigungsgrad und loftartig organisierten Wohnungen. Es wurde erstmals zur Internationalen Bauausstellung IBA 2013 in Hamburg errichtet. „Case Study #1“ erfüllte alle von der IBA aufgestellten Exzellenzkriterien des nachhaltigen und Ressourcen sparenden Bauens und ging erfolgreich in der Kategorie „Smart Price“ aus dem ausgeschriebenen Qualifikationsverfahren als Projekt der Zukunft hervor.
Der Prototyp eines mehrgeschossigen Stadthauses im Baukastensystem kam beim internationalen Publikum sehr gut an und genoss hohe Beachtung. Die Marktneuheit zeigt anschaulich, wie sich die erfolgreich beim Einfamilienhausbau erprobten Prinzipien der Vorfertigung im urbanen Kontext umsetzen lassen. „Genauso wie in Hamburg stellt auch Case Study #2 in Pfullingen eine zukunftsweisende Neuinterpretation des Fertighauses als kostengünstiges, flexibles Stadthaus dar“, sagt Geschäftsführer Johannes Schwörer. Das Unternehmen trägt den Entwicklungen von Anforderungen an Nachverdichtung sowie großen Bedarf an bezahlbaren innerstädtischen Wohnraum Rechnung und bietet mit diesem Konzept ein anspruchsvolles innerstädtisches Fertigbausystem als Alternative zum suburbanen Wohnen an.
Das Gebäude zeichnet sich durch seine kubisch-modulare Konzeption mit optionalem Aufzug aus. Je nach Nutzung können die Einzelmodule in jeder beliebigen Variante verkleinert oder vergrößert, horizontal oder durch eingestellte Treppen vertikal miteinander verbunden sowie durch wechselnde integrierende Elemente, wie Mobiliar, Raumtrennungen oder Schiebeelemente ergänzt und charakterisiert werden. Voraussetzung dafür ist eine große Deckenspannweite, die eine loftartige Struktur ermöglicht, mit Räumen, die klar gegliedert und minimal gestaltet sind und extrem flexibel für unzählige differenzierte Einrichtungen benutzt werden können.
Architekt Paolo Fusi generiert die unterschiedlichen Größen der Module entsprechend der Lebenssituation und des Nutzungswunsches der Baufamilien in Mikro-Lofts, Meso-Lofts und Makro-Lofts. Entsprechend eingeteilt und umgestaltet, auch barrierefrei oder mit Einliegerwohnung ausgestattet, passen sie sich ganz unterschiedlich den Wohnbedürfnissen an. So kann zum Beispiel das Makro-Loft, das als Maisonette-Wohnung über zwei Geschosse gebaut wurde, später in zwei Wohneinheiten geteilt werden. Umgekehrt können zwei Mikro-Lofts, die als zwei getrennte Wohnungen gedacht sind, später zusammengelegt werden.
Auf diese Weise wird lebenslanges Wohnen im selben Haus ermöglicht – ob als Single, Paar, Familie mit Kindern und vor allem auch im Seniorenalter. Bietet so eine Hausgemeinschaft doch Sicherheit und mögliche altersgerechte Unterstützungskonzepte. Zudem ermöglicht das Gebäude eine flexible Durchmischung von Wohnen und Arbeiten.
Das Konzept basiert auf der Weiterentwicklung von ökonomischen Lösungen für individuelle Einfamilien-Fertighäuser. Die witterungsunabhängig und qualitätsüberwacht im Werk vorfabrizierten Bauteile werden in einem völlig neuen Kontext eingesetzt: im Geschosswohnungsbau. Die unterschiedlichen Werkstoffe und Bauelemente für die Hybridbauweise stammen aus den verschiedenen Werken der Schwörer Unternehmensgruppe mit Schwerpunkt Holzbau, Betonbau, Kellerbau, Spannbetondecken, Design- Fertigbäder.
Dank des hohen Vorfertigungsgrades und einem perfekt aufeinander abgestimmten Konstruktionssystem können in Ressourcen schonender Bauweise und kurzer Bauzeit bei hoher Qualität und Termintreue energieeffiziente, kostensichere Wohntypen in großen Dimensionen und für eine breite Anzahl von Einwohnern in der Stadt realisiert werden. „Mit dem Konzept“, so Johannes Schwörer, „sind angemessene Preiskalkulationen möglich, weil Überraschungen auf der Baustelle weitestgehend ausgeschlossen werden.“
Wegen seines innovativen Modulsystems und seiner typologischen Flexibilität betreffend Fassade, Balkone, Dachgestaltung, eignet sich das Haus für den Einsatz in unterschiedlichen innerstädtischen Szenarien. Es füllt Baulücken, kann Teil einer Reihenhaus- oder Blockrandbebauung sein oder es steht frei als mehrgeschossiges Wohnhaus – wie hier in Pfullingen. Eine Idee, die in der Tat ein starker Impuls für eine nachhaltige, ökologisch und sozial ausbalancierte Stadtentwicklung sein kann.
Alle sieben Pfullinger Loft-Wohnungen haben unterschiedliche Zuschnitte, entweder mit Garten, Dachterrasse oder Balkon. Zwei Wohnungen sind barrierefrei geplant, fünf Wohnungen sind als Maisonette mit interner Treppe gestaltet. Im Treppenhaus befindet sich ein Aufzug. Die Wohnflächen liegen zwischen 102 und 162 Quadratmetern. Die Wohnungen verfügen über ein modulares Raumprogramm, das offen gestaltet ist. Trennwände sind auch als Einbaumöbel realisierbar.
Das Gebäude ist eine Hybridkonstruktion in Fertigbauweise. Es gibt aussteifende und lastabtragende Betonwände mit vorgehängten Holztafel-Wandelementen als kombiniertes 2-schaliges Wandsystem. Die Elektro-Installationen werden in der Massivbetonwand geführt und bereits werkseitig in die Elemente eingebaut. Die deutlich erhöhte Wandmasse trägt als Massenspeicher zum Ausgleich des Wohnraumklimas bei. Gleichzeitig werden durch die Betoninnenwände Schall- und Brandschutzverhalten deutlich verbessert.
Die Holztafel-Wandelemente sind bereits werkseitig mit Fenstern, Verschattungssystemen wie Rollladen oder integrierter Jalousie und einer Luftdichtheitsmembran versehen. Die Dampfbremse in den Holzwandelementen bleibt auch bei nachträglichen Installationen unbeschädigt. Durch die Spannbeton-Hohldecken VARIAX sind große Spannweiten stützenfrei überbrückbar, eine flexible Innenraumgestaltung ist dadurch auch später jederzeit möglich.
Das Gebäude ist ein KfW Effizienzhaus 55 nach der EnEV 2014. Eine kontrollierte Be- und Entlüftung mit Wärmerückgewinnung sorgt für kontinuierlichen Luftaustausch und angenehmes Raumklima. Ferner gibt es eine Fußbodenheizung mit effizienter Wärmepumpe.

Kompakte Module für
die urbane Nachverdichtung


Neben dem mehrgeschossigen Stadthaus als Fertighaus hat SchwörerHaus auch noch eine clevere Lösung für urbane Nachverdichtung: die FlyingSpaces. Sie sind kostensicher, schnell errichtet, versetzbar und funktionieren als Single-Apartments ebenso wie als Kindertagesstätte. Die kompakten Module sind neben der urbanen Nachverdichtung auch prädestiniert als Dachaufsatz oder Alternative für Baulücken.
Jedes Modul kann als eigenständige Einheit funktionieren, ausgestattet mit Küche, Wohnen, Bad und Privaträumen. Sobald das FlyingSpace an seinem Platz steht, wird es nur noch an Wasser, Elektrizität und Kommunikation angeschlossen. Die Räume haben je nach Bedarf eine bereits montierte Sanitärausstattung, Kücheneinrichtung, sogar Beleuchtung. Schon am gleichen Abend ist der Einzug mit den eigenen Möbeln möglich.
Darüber hinaus lassen sich die Multitalente bausteinartig horizontal wie vertikal zusammenschließen, wodurch zusätzlich Carports, Überdachungen, Dachterrassen und noch viel mehr entstehen können. Ein kreatives Spiel, bei dem man vor allem eins gewinnt: viel urbanen Raum vom Kindergarten über die Schule und den Stadtteiltreffpunkt bis hin zur Mehrzweck-Wohnanlage – umgesetzt zum Beispiel in Metzingen als Atrium-Anlage mit einer im Innenhof liegenden Erschließung über eine eingestellte Stahltreppe.
Die Module werden im Werk witterungsunabhängig und computergesteuert vorgefertigt und danach fix und fertig per Tieflader an Ort und Stelle gebracht, mit einem Kran platziert und von einem eingespielten Montageteam erstellt – ein einzelnes Modul in wenigen Stunden, eine Wohnanlage innerhalb weniger Tage. Große Eingriffe in die Umgebung sind dabei nicht notwendig, auch Dachaufstockungen im Bestand sind aufgrund der vorgefertigten leichten Bauweise möglich.
Dank ihres durchdachten Energiekonzepts und ausgestattet mit einer Photovoltaik-Anlage können FlyingSpaces bis zu doppelt so viel Strom aus erneuerbaren Energiequellen generieren wie sie selbst verbrauchen. Der Gedanke dahinter: Neubauten sollen sich in Zukunft nicht nur selbst mit Strom versorgen, sondern dazu auch noch andere Bestandsgebäude, bei denen eine energetische Sanierung zum Beispiel wegen des Denkmalschutzes nicht möglich ist.
Viel Beachtung diesbezüglich fand das im Juli 2014 eröffnete „Aktivhaus B10“ in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, das auf Basis der FlyingSpaces umgesetzt wurde. Der Prototyp demonstriert im Rahmen des Forschungsprojekts „Schaufenster Elektromobilität“, wie sich zukunftsfähige Gebäude, neue E-Mobilitätskonzepte und eine intelligente Energieversorgung nachhaltig miteinander verbinden lassen.
Deutschlands erster Holzbau mit acht Vollgeschossen, dessen tragende Konstruktion aus Massivholz besteht, ist ein eindrucksvoller Beweis für die Leistungsfähigkeit modernen Holzbaus. Innovativ, energieeffizient, ressourcenschonend sowie nachhaltig und im Ergebnis sehr wirtschaftlich für den Objekt- und Gewerbebau sowie für den Wohnbau.
Ab dem Gründungsgeschoss ist das K8 komplett aus Massivholz in hochwertiger Brettschichtholz- beziehungsweise Kreuzlagenholzkonstruktion. Auch die brandtechnisch sensiblen Bereiche wie Treppenhaus und Aufzugsschacht sind komplett aus Holz errichtet.
Alle Holzbauelemente für das Tragsystem, die Wände, Decken und das Dach des K8 sind in industrieller Produktion vorgefertigt worden, was eine gleichbleibende Qualität und eine enorm kurze Bauzeit ermöglicht. „Das Untergeschoss ist konventionell in Beton entstanden, danach haben wir für 3052 Quadratmeter Nutzfläche nur sechs Monate benötigt, von der Kellerdecke bis zum Einzug“, berichtet Kampa-Geschäftsführer Josef Haas. Und nennt diesen Effekt „Time to market“, also viele Monate frühere und damit zusätzliche Erträge aus dem Objekt.
Insgesamt wurden 1350 Kubikmeter Holz aus heimischen Wäldern verbaut. „Klingt nach viel, wächst aber innerhalb von nur sechs Minuten nach“, so Haas. Das sei ein wesentlicher Aspekt der Nachhaltigkeit des Holzbaus, die auch in der positiven Ökobilanz mit 825 Tonnen absorbiertem CO2 zum Ausdruck kommt.
Energieeffizienz hat bereits heute ganz wesentlichen Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit eines Gebäudes. Die hochgedämmte Gebäudehülle des K8 in Verbindung mit einer effizienten Heiz- und Lüftungstechnik reduzieren den Energiebedarf auf ein Minimum, weit unter den Anforderungen der geltenden Energie-Einsparverordnung (EnEV) 2014/16. Die Endenergie beträgt 15,1 kWh/m²a, das sind rund 46 000 kWh im Jahr für das gesamte Gebäude und ist so gering, dass sie am Gebäude selbst aus Sonnenenergie erzeugt werden kann.
Die auf dem Flachdach installierte PV-Anlage leistet 60 kWp, das sind etwa 60 000 kWh Stromerzeugung pro Jahr und damit mehr als das Gebäude für Heizen, Lüften und Warmwasser in der Jahresbilanz verbraucht. „Also keine Heizkosten im Betrieb des Gebäudes und etwa 14 000 kWh Plusenergie jährlich, zur Verwendung für Bürogeräte, Beleuchtung oder für e-Mobilität“, erklärt Haas.
Das Gebäudekonzept K8 ist flexibel übertragbar auf zukünftige Gebäude ähnlicher Typologie. Dazu ist es in den Achsmaßen des Tragwerks beziehungsweise in der Anzahl der Geschosse skalierbar und es sind bereits eine Vielzahl von Grundrissvarianten insbesondere für die wohnwirtschaftliche Nutzung entstanden.
Laut Haas ist das K8-Konzept vor allem für die Wohnungswirtschaft interessant, da es nicht nur durch die kurze Bauzeit und die selbst erzeugte, kostenfreie Energie wirtschaftlich überzeugt, sondern weil es mit staatlichen Zinsvorteilen und Tilgungszuschuss für jede Wohnung verbunden ist. „So entsteht für den Investor eines solchen Wohngebäudes insgesamt eine Kosteneinsparung in Höhe einer zusätzlichen Monatsmiete, Jahr für Jahr.“ (Friedrich H. Hettler)

("Case Study #2" und ein FlyingSpace; ab dem Erdgeschoss komplett aus Massivholz, das K8; Rückseite des K8 - Fotos: Friedrich H. Hettler)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 33 (2017)

Soll die elektronische Gesundheitskarte abgeschafft werden?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 18. August 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:


Wieland Dietrich,
Vorsitzender der Freien Ärzteschaft e.V.

(JA)


Melanie Huml (CSU), bayerische Gesundheitsministerin

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.