Bauen

Einer von vier lärmgeschützten Baukörpern. (Foto: Studentenwerk Augsburg)

25.11.2011

Buntes Dorf statt trister Bauten

In Augsburg wurden in der Bürgermeister-Ulrich-Straße 300 Wohnungen an Studenten übergeben

In der Wettbewerbsausschreibung für die neu zu schaffenden 300 Wohnheimplätze für die Studierenden-Wohnanlage in Augsburg aus dem Jahr 2008 stand lapidar: „Zusammen mit dem bestehenden Gebäude der Landesamts für Umwelt sollte eine prägende städtebauliche Entwurfsidee unter Berücksichtigung des Standorts“ gefunden werden.
Zwar liegt das dreieckige, rund 23 000 Quadratmeter große Grundstück gegenüber einer Berufsschule im Norden und dem anschließenden Universitätsviertel, das in nur fünf Minuten zu Fuß zu erreichen ist. Auch ist der Standort bestens an den öffentlichen Augsburger Nahverkehr angeschlossen. Trotzdem ließ sich dadurch nicht unmittelbar eine städtebauliche Idee ableiten, zumal sich nach Süden und Westen große ungenutzte Brachflächen anschließen.

Die Brachflächen machten den Architekten zu schaffen


Beim städtebaulichen Entwerfen gibt es jedoch zum Glück noch andere entscheidende Faktoren, wie beispielsweise das Raumprogramm, die Himmelsrichtungen und hier speziell die Bürgermeister-Ulrich-Straße, die das Grundstück im Norden und Westen begrenzt und laut Ausschreibungstext „einen großen Anteil am Durchgangsverkehr zu bewältigen hat“.
Daraus leitete das Architekturböro „Die drei Architekten“ ihr Konzept ab, das den Bauherrn schnell überzeugte: Im August 2009 wurde das Trio Kai Haag, Sebastian Haffner und Tilman Stroheker mit der Planung beauftragt.
Sie entwickelten eine viergeschossige gestaffelte Randbebauung, deren Wohnapartments alle zum Innenbereich orientiert sind, also abgewandt von der lauten Straße. Als baulicher Lärmschutz dient der umlaufende Erschließungsflur dieser Bebauung. Sie rückten die Gebäude ohne Lärmschutzwall relativ dicht an die Straße und ermöglichten dadurch einen großen, ruhigen Innenbereich.
Die Randbebauung legt sich gewissermaßen schützend um die Plätze und die kleineren zwei bis dreigeschossigen Häuser im Innenbereich. Diese sind schachbrettartig gegeneinander versetzt, um eine gute Belichtung der jeweiligen Bewohnerzimmer zu ermöglichen.
Das Preisgericht schrieb dazu: „Mit den Hauptwegen von Nord nach Süd und Ost nach West in Kombination mit mehreren Querwegen entsteht ein dichtes Wegenetz zwischen den Wohneinheiten. Dadurch wird eine hohe Durchlässigkeit des Gebietes erreicht. Gleichzeitig entstehen gut proportionierte Freiräume. Es bilden sich Höfe mit unterschiedlichen Größen zwischen den Gebäuden, die eine Abstufung von öffentlicher zu privater Nutzung erlauben“.
Alle geforderten 60 Stellplätze liegen außerhalb der Randbebauung. Im Innenbereich ist es ruhig: Für jeden Bewohner ist ein Fahrradstellplatz vorgesehen, die Hälfte der Plätze ist überdacht.
Bei Bedarf kann die Anlage mit einer analogen Gebäudezeile nach Süden um weitere 130 Wohnheimplätze erweitert werden.
Nördlicher Auftakt des Studentendorfes ist der winkelförmige Baukörper (Bauteil A), der einen zentralen Platz mit vielen Bäumen begrenzt. Im Erdgeschoss sind die Gemeinschaftsräume untergebracht. Unter anderem gibt es dort einen Veranstaltungsraum, der um ein Fernsehzimmer erweiterbar ist. Zusätzlich befinden sich dort das Foyer und eine Bierstube.
Die anschließenden vier gestaffelten Baukörper (Bauteile B), die dem Verlauf der Straße nach Süden folgen, sind jeweils durch verglaste Zwischenbauten verbunden, die zwar gegen den Lärm abschotten, sich aber nach Süden und zu den Plätzen hin als Loggien öffnen. Zusätzlich gibt es in jedem Haus B im Erdgeschoss einen Raum für die Hausgemeinschaft, ebenfalls, welcher ebenfalls einen direkten Ausgang zur Freifläche hat.
Die sechs kleineren Häuser (Bauteile C) profitieren von ihrer ruhigen Lage, deshalb orientieren sich hier die Apartments nach Ost und West. Da die Häuser in der Höhe gestaffelt sind, ergeben sich wie selbstverständlich attraktive, nach Süden orientierte und wettergeschützte Dachterrassen.
Die meisten Wohnungen sind als 1-Zimmer-Apartments ausgelegt. In einem B-Haus gibt es zwölf 2-Personen-Wohnungen mit Küche und Bad und in den C-Häusern zwei 5-Personen-Wohnungen für Wohngemeinschaften sowie eine familiengerechte 3-Zimmer-Wohnung. Alle Einzelapartments sind mit einer Pantry-Küche und einer studentenfreundlichen Grundmöblierung ausgestattet.

Die Anlage soll die Gemeinschaft fördern


Um die kurze Bauzeit und die vorgegebenen Baukosten einzuhalten, wurden alle Gebäude in Stahlbetonfertigteilen erstellt. Durch die Präzision dieser Vorfertigung mussten nur noch wenige Wände im Innern verputzt werden. Die eingesetzten Materialien und Farben wurden im Innenausbau bewusst auf ein Minimum reduziert. Die Wände, die Fliesen in den Bädern und die Möblierung in den Zimmern sind weiß gehalten, um der individuellen Einrichtung der Bewohner nicht vorzugreifen. Alle Böden sind anthrazit. Lediglich die schweren schallgedämmten Wohnungstüren wurden nussbaumfarben furniert, ab hier beginnt das „eigene Reich“ der Bewohner. Die Fenster der Wohnungen in den Bauteilen A und B haben außen als Blend- und Sonnenschutz bewegliche goldfarbene Schiebeelemente, die zusätzlich die Fassade durch ihre wechselnde Anordnung beleben.
Da die ganze Anlage mit ihren Wegen und Plätzen als kleine Siedlung konzipiert ist, gibt es neben der Nummerierung der Häuser auch eine markante Farbgebung, die sich deutlich von dem beigen und braunen Grundputz absetzt. Die Farben der Giebelwände und Fensterlaibungen lassen schon von außen die Adresse erkennen. Im Innern begegnet man diesen Farben wieder in den Wohnfluren der Randbebauung. Die Gemeinschaftsräume im Haus A sowie das anschließende Haupttreppenhaus werden als Sonderbereiche ebenfalls farblich betont.
Obwohl aus städtebaulichen- und Lärmschutzgründen eine kleine Siedlung mit insgesamt elf Häusern entstanden ist, wurden doch jeweils alle Häuser so kompakt wie möglich gebaut. Mit guter Wärmedämmung, einer umweltfreundlichen Fernheizung, die neben den Zimmern auch die Fußbodenheizung der Gemeinschaftsräume versorgt, konnte die aktuelle Energieeinsparverordnung (EnEV) 2009 im Primärenergiebedarf um zirka 40 Prozent und beim Transmissionswärmeverlust um gut 10 Prozent unterschritten werden.
Als Kompensation für die Neubebauung des vorher lange ungenutzten Grundstücks wurde auf dem südlich angrenzenden Grundstück eine 13 500 Quadratmeter große Biotopfläche hergestellt. Darüber hinaus sind alle Dächer extensiv begrünt worden. Anfallendes Regenwasser wird über die wassergebundenen Platzflächen, den Schotterrasen der Parkierungsflächen und über Rigolen gezielt versickert und belastet nicht im Geringsten die Abwasserkanäle.
Die Architekten hoffen, dass durch das Zusammenwirken aller genannten Aspekte und Entscheidungen eine Wohnanlage für Studierende entstanden ist, in welcher der einzelne nicht nur untergebracht ist, sondern dass dieses kleine „Dorf“ auch Nachbarschaften, Freundschaften und Gemeinschaften fördert. Die Bewohner sollen sich hier einige Semester zu Hause fühlen und nach dem Studiumsabschluss gerne an diesen Ort zurückdenken können.

Energieeinsparverordnung wurde sogar unterschritten


In zwei Jahren Planungs- und Bauzeit ist diese Wohnanlage in einer großen Gemeinschaftsleistung von dem Studentenwerk Augsburg als Bauherr und Architekten, Fachingenieuren, Gutachtern sowie Genehmigungsbehörden und nicht zuletzt von vielen ausführenden Firmen kosten- und termingerecht realisiert worden.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Es war ein langer, spannender und manchmal auch sehr mühsamer Weg vom ersten Wettbewerbsentwurf bis hin zur fertiggestellten Wohnanlage. (Kai Haag)

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