Bauen

Das CeReM von Architekt Stefano Boeri. (Foto: Wiegand)

02.11.2012

Das Fundament ist gelegt

Marseille erbaut sich eine neue Zukunft

Marseille-Provence ist, gemeinsam mit Kosice (Slovakei), Kulturhauptstadt Europas 2013 und baut sich schön. Vielerorts drehen sich die Kräne, so am Vieux Port, dem Alten Hafen. Das surreale Bau-Ballett vor schunkelnden Yachten inszeniert Norman Foster. Der Architekt der Berliner Reichstagskuppel verwandelt das Herzstück der vor 2600 Jahren von den Griechen gegründeten Stadt in die größte Fußgängerzone Europas. Bis zur Eröffnung des Kulturjahrs am 12./13. Januar 2013 soll sie fertig sein. „Nicht so schnell am Vormittag, langsam am Nachmittag“, lautet jedoch das Arbeitsmotto der Mittelmeerstadt. Doch alle geben sich überzeugt, dass es klappt. „Wir können auch schnell sein“, sagt Stadtführerin Josiane Bercier.
„Die Wahl zur Kulturhauptstadt ist ein Weckruf und ein Stipendium“, betont der gebürtige Bayer Ulrich Fuchs, Vize-Intendant des umfänglichen Kulturprogramms. „Marseille hatte diese Wahl nach der Algerien- und Hafenkrise am notwendigsten, wurde doch in den 1970er Jahren der Umbau zur Metropole versäumt. Das wird jetzt nachgeholt“, fügt er hinzu. Fuchs, seit drei Jahren vor Ort, kann das beurteilen. In gleicher Funktion hat er bereits Linz, Europas Kulturhauptstadt 2009, zum Erfolg geführt.
Auch anderswo wird nicht gekleckert, sondern geklotzt, insbesondere an den früheren Docks. So entstehen am Dock J 4, zu Füßen von Fort Saint Jean, gerade zwei besondere Bauten: MuCEM und CeReM. MuCEM („Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée“) wird zum ersten Nationalmuseum Frankreichs außerhalb von Paris. Ein Quantensprung. Das 40 000 Quadratmeter große rechteckige Gebäude bietet Ausstellungen, Theater, Kino und Musik mit Schwerpunkt Mittelmeerkultur. Der 72 Meter lange, 5-stöckige Bau wirkt trotz der bläulich schimmernden Glasfassade sehr streng. Minimalistisch mag ihn Architekt Rudi Ricciotti dennoch nicht genannt wissen. Eröffnung: Frühjahr 2013.
Anders das benachbarte weiße CeReM („Centre régional de la Méditerranée“), das die Partnerschaft zu den Mittelmeeranrainern pflegen will. Ein optisch kühnerer Entwurf, der laut Architekt Stefano Boeri das Meer ins Herz des Gebäudes eintreten lässt. Wie Geschwister wirken beide Bauten nicht, wollen es wohl auch nicht. Stark ist auch der Kontrast zur nahen neobyzantinischen Kathedrale La Major. Hinter ihr zeigt sich der grün schimmernde CMA Tower von Stararchitektin Zaha Hadid. Ein statisch anspruchsvoller Bau. Doch selbst aus 162 Meter Höhe, wo die Madonna „Notre Dame de la Garde“ – Marseilles Wahrzeichen – in den Himmel ragt, besticht dieser Turm durch seine Eleganz. Ein Solitär im Häusermeer.

Pure Notwendigkeit


Seit 1995 verwirklicht Marseille Visionen durch das bis 2020 terminierte Projekt „Euroméditerranée“. Es geht um die ökonomische, soziale und kulturelle Aufwertung Marseilles. Dieser gewaltigste Stadtumbau Europas ist kein Wolkenkuckucksheim, sondern pure Notwendigkeit, stehen doch den armen, hauptsächlich von Ausländern bewohnten Vierteln im Norden die reichen Stadtteile im Süden entlang der Corniche J.F. Kennedy gegenüber. Die Bodenpreise liegen zwischen 2000 und 9000 Euro/Quadratmeter. Durch die Entwicklung von Zentren soll die Diskrepanz verringert werden. Immerhin ist die Arbeitslosenquote durch den Bauboom bereits von 20 auf 12,5 Prozent gesunken.
Erbaut sich also Marseille, mit 860 000 Einwohnern die ärmste Großstadt Frankreichs, eine neue Zukunft? Das sieht so aus. Auch die Bank J.P. Morgan ist offenbar davon überzeugt und hat kürzlich die schon fertigen Dock-Bauten erworben, um alles umzukrempeln und den schäbigen Uferstreifen in einen attraktiven Bereich zu verwandeln. Auf 17 000 Quadratmetern Fläche entstehen schöne Häuser und 80 feine Läden. Vielleicht shoppen dort auch die vier Millionen Touristen, die die Bänker pro Jahr erwarten.
Bleibt zu wünschen, dass all’ diese Rechnungen aufgehen, damit die Stadt wieder „Marseille, la Vermeille“ – „Marseille, die Leuchtende“ – genannt wird. Das Fundament ist gelegt. (Ursula Wiegand)

(Das MuCEM von Architekt Rudi Ricciotti - Foto: Wiegand)

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