Bauen

Nachtschwärmer leitet ein raffiniertes LED-Band über den Platz. (Foto: WE-EF Leuchten)

20.06.2014

Der Bürger hat das Wort

Nach zwei vergeblichen Anläufen gelang jetzt die Neugestaltung des Hauptplatzes in Landsberg am Lech

Der Hauptplatz ist das pulsierende Herz der Stadt Landsberg am Lech. Er ist baulich und historisch der Mittelpunkt und Identifikationssymbol des städtischen Lebens und somit von großer Bedeutung für Landsberg und seine Bürger. Jede Veränderung an diesem Platz wurde von den Bürgern begleitet: 1996 und 2001 wurden die Umgestaltungen des Platzes jeweils durch einen Bürgerentscheid abgelehnt.
Somit bestanden eklatante städtebauliche Mängel auch weiterhin: ein hohes Verkehrsaufkommen von 17 000 Fahrzeugen pro Tag, keine Barrierefreiheit durch Hochborde und starke Lärmbeeinträchtigungen.
Im Herbst 2007 führte die Stadt Landsberg am Lech eine umfassende Bürgerbefragung durch. Und die ergab unter anderem: Eine überwältigende Anzahl der Befragten – 96 Prozent – lebt gerne in Landsberg am Lech. In der Initiative „STADTLeben – Landsberg gemeinsam gestalten“ entstand das Projekt „Landsberg in Bewegung – Neugestaltung des Hauptplatzes durch seine Bürger“. Aus dieser Initiative heraus war bald ein wichtiges Signal zu erkennen: Die Bürger meldeten mit großer Mehrheit Handlungsbedarf an: Der Hauptplatz, das Herz der Stadt, braucht eine Neugestaltung und Entlastung vom Verkehr.
Vor dem Hintergrund der beiden Bürgerentscheide setzte man auf einen konsequenten Bürgerbeteiligungsprozess unter der Moderation von Prof. Joachim Vossen, einen Experten für Stadt- und Regionalmarketing (unter anderem Ludwig-Maximilians-Universität München). Dieser Prozess war in seiner Art bundesweit wohl einmalig und kann als Verfahren in seiner innovativen und modellhaften Durchführung als „Landsberger Beteiligungsprozess“ beschrieben werden.
Am Anfang des Verfahrens stand die Meinung des Bürgers im Mittelpunkt des Verwaltungsinteresses. Die Bürger wurden im Rahmen eines Ratsbegehrens im September 2009 grundlegend befragt, ob das Verfahren einer Hauptplatzentwicklung nach zwei gescheiterten Versuchen überhaupt nochmals ins Leben gerufen werden sollte. Die Fragestellung des Ratsbegehrens lautete: „Die Neugestaltung des Hauptplatzes ist an folgenden Zielen auszurichten: Die Aufenthaltsqualität ist deutlich zu verbessern, d. h.
• Die Lärmbelastung durch den Straßenverkehr und der Durchgangsverkehr muss deutlich verringert werden.
• Der Platz muss barrierefrei und gut begehbar sein.
• Fußgänger und Fahrradfahrer müssen deutlich mehr Raum zur Verfügung haben.
• Um diese Ziele zu erreichen, wird ein Verfahren zur Auswahl von mindestens drei geeigneten Planungsbüros durchgeführt. Aus deren Entwürfen soll die Lösung umgesetzt werden, die die oben genannten Ziele am besten erfüllt.“

Bürger reden auch beim Ausschreibungstext mit


Mit einer deutlichen Mehrheit von 66,99 Prozent entschieden sich die Bürger der Stadt für die Durchführung des Verfahrens. Im Anschluss an diese Entscheidung wurden mit fünf Bürgergruppen Stärken und Schwächen des Hauptplatzes sowie die Anforderungen an die zukünftige Qualität erarbeitet.
Darauf folgte ein bürgerorientiertes VOF-Verfahren. Drei Planungsteams wurden ausgewählt, eine Entwurfsplanung für den Platz zu erstellen. Auch der Ausschreibungstext wurde zuvor intensiv mit allen interessierten Bürgern besprochen und war öffentlich einsehbar. Nach der Abgabe der Planentwürfe führte die Stadt mehrere Informationsveranstaltungen durch, die Entwürfe waren drei Wochen im Rathaus ausgestellt. Alle Landsberger Bürger ab 16 Jahren durften die Entwürfe bewerten (so genanntes Bürgervoting), 2700 Bürger haben diese Möglichkeit genutzt.
Der Landsberger Stadtrat schloss sich dem von den Bürgern ausgewählten Entwurf an, wollte jedoch eine legitimierte Absicherung durch ein Ratsbegehren vor einem weiteren Planungsschritt durchführen. Neben einem initiierten Bürgerbegehren gegen einen Umbau, setzte sich das Ratsbegehren im Sommer 2010 durch. Nach dem Ratsbegehren wurde durch die Bürgergruppen noch ein Arbeitsbuch für den Architekten ausgearbeitet. Der Planungsbeschluss zum Bau wurde durch den Stadtrat gegeben.
Der Umbau des Platzes erfolgte im Frühjahr 2012 mit einer Bauzeit von zwei Jahren in zwei Bauabschnitten mit jeweils einer Vollsperrung der zentralen Verkehrsachse.

Großsteinpflaster aus gesägtem Granit


Der Entwurf von den Münchner Landschaftsarchitekten lohrer.hochrein sah eine Verlegung der Fahrstraße parallel zur Ostseite des Platzes vor. Dadurch sollte ein großzügiger Platzraum nördlich und westlich des Marienbrunnens.
Als Material für den Bodenbelag wurde ein heller, mittelkörniger Granit als gesägtes Großsteinpflaster mit gestockter Oberfläche (zwei Steingrößen 20 x 20 und 20 x 30 cm) in dynamischer Bauweise im Flechtverband verlegt. Die Verlegung erfolgte in der Fahrbahn in gebundener Bauweise auf Monokornmörtelbett mit einer Verfugung aus Pflasterfugenmörtel auf Zementbasis. Im Platz- bzw. Gehwegbereich erfolgte die Verlegung in ungebundener Bauweise auf Splittbett mit einer Verfugung aus Kalkbrechsandgemisch. Unter allen Flächen befindet sich eine Tragschicht aus Dränbeton. Der Aufbau erfolgte nicht nach der deutschen Norm, sondern nach der Schweizer Norm.

Weitgehend barrierefrei in komplexer Topographie


Die Oberflächen sind eben, um Roll- und Gehfreundlichkeit sowie Lärmminderung zu gewährleisten. Als Besonderheit wurden an zwei Platzseiten Ausstattungsbänder mit Granitplatten 70 x 150 cm eingebaut. Die Gliederung des Fahrverkehrs erfolgt durch eingelegte Rinnen im Belag, die auch die Entwässerung beinhalten. Der Platz wurde nahezu barrierefrei aufgebaut, soweit es die komplexe Topografie zulässt.
Im Planungsbereich befinden sich 14 Be- und Entladestellplätze, 6 Behinderten- sowie 4 Taxistellplätze. Insgesamt wurden 25 mobile Fahrradständer in Gruppen über den gesamten Platz verteilt.
Der Standort des Marienbrunnens wurde beibehalten. Der Brunnen selbst wurde komplett saniert und eine neue Brunnenstube errichtet.
Die horizontale Ausleuchtung der Fahrstraße sowie der Fußgängerflächen in den Randbereichen erfolgt über LED-Leuchten; die Begrenzung der Fahrstraße wird an der Kurvenaußenseite wird durch ein LED-Band im Boden markiert. Zur Platzmitte nimmt die Beleuchtungsstärke ab; der Brunnen wird durch akzentuierte Beleuchtung hervorgehoben.
Bei den Bauarbeiten traten umfangreiche Bodendenkmäler zu Tage. Man fand zum Beispiel die Lage des alten Rathauses in der Mitte des Platzes und das alte Stadttor an der jetzigen Karolinenbrücke. Auch bislang nicht bekannte Abschnitte der inneren Stadtmauer zu den Seitengassen wurden archäologisch erfasst. Dazu ist eine Ausstellung geplant.
Der Bürgerprozess mit der Vorentwurfsplanung war sehr umfangreich und dauerte rund zwei Jahre. Die Kosten für den Bürgerbeteiligungs- und Vorplanungsprozess beliefen sich auf 420 000 Euro. Begleitet wurde die breite Bürgerbeteiligung durch ein Kommunikationskonzept von Bettina Barnet, barnet:b Beratung, das dem Projekt eine unverwechselbare Identität geben und eine höchstmögliche Informationspolitik verfolgen sollte. Dazu wurde ein individuelles Erscheinungsbild mit Logo und Gestaltungslinien entwickelt, um eine Identifikation aller Bürger und Projektbeteiligten mit dem Vorhaben zu erreichen.

1,5 von 5,15 Millionen Euro kamen von der Regierung


Neben der klassischen Pressearbeit wurden zahlreiche öffentlichkeitswirksame Medien wie Informationsbroschüren, eine Projektzeitung und schließlich zielgruppenorientierte Baustellen-Info-Flyer entwickelt. Ergänzt wurden diese Maßnahmen durch Veranstaltungen wie Informationsabende, Ausstellungen, Vorträge, den „Aktionstag für alternative Verkehrsmittel“ und der großen Feier zur Eröffnung des Hauptplatzes.
Die gesamte Bauzeit dauerte vom 10. April 2012 bis zum 19. September 2013. Dazwischen war in einer Winterpause die Straße kurzzeitig geöffnet. Die Gesamtkosten für den Umbau liegen bei etwa 5,15 Millionen Euro. Die Regierung von Oberbayern hat im Rahmen der Städtebauförderung im Programm Städtebaulicher Denkmalschutz mit 1,5 Millionen Euro den Umbau des Platzes unterstützt.
Die Resonanz ist sehr positiv. Die Aufenthaltsqualität ist seit diesem Sommer überall spürbar. Der Platz ist stark frequentiert, der Wochenmarkt findet nun dort jeden Mittwoch und Samstag statt. Die Fußgänger erfreuen sich an der erweiterten Fußgängerzone von der Stadtpfarrkirche bis zur Promenade am Lech. (Annegret Michler)
Die Autorin ist Stadtbaumeisterin in Landsberg am Lech.

(Foto: Das städtebauliche "Herz" Landsbergs während der "Operation"; Stadt Landsberg)

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