Bauen

Gold ging an die Nürnberger Kettenbrücke. (Foto: SÖR Nürnberg)

21.09.2012

Der Oscar der Denkmalpflege

Sechs Bauwerke ausgezeichnet

Sechs bayerische Bauwerke wurden gestern in feierlichem Rahmen im Neuen Schloss Schleißheim mit dem Bayerischen Denkmalpflegepreis 2012 ausgezeichnet. Der „Oscar der Denkmalpflege“ wird alle zwei Jahre von der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau gemeinsam mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege vergeben. Mit dem Preis werden Bauherren gewürdigt, die sich in vorbildlicher Weise für den Erhalt von denkmalgeschützten Bauwerken in Bayern eingesetzt haben. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den herausragenden Leistungen der Ingenieure, die maßgeblich zum Erfolg der Instandsetzung beigetragen haben. Ausgezeichnet werden öffentliche und private Bauwerke.
„Es war nicht leicht, aus der Vielzahl der Bewerbungen die besten Objekte auszuwählen. Die denkmalpflegerischen Maßnahmen an den eingereichten Bauwerken waren von sehr hoher Qualität. Sie zeigen eindrucksvoll, dass die Ingenieurkunst für eine gelungene Denkmalpflege von großer Bedeutung ist“, sagte Heinrich Schroeter, Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau. „Wer denkmalgeschützte Objekte saniert, kann niemals mit Standardlösungen arbeiten. Vielmehr muss man sich in das Gebäude einfühlen, die Ideen der Erbauer verstehen und die künftige Nutzung des Bauwerks in die Überlegungen einbeziehen. Nur so kann ein gutes individuell passendes Ergebnis erzielt werden. Wir haben in diesem Jahr zwei öffentliche Bauwerke mit Gold ausgezeichnet. Beide Lösungen waren herausragend, aber die Schwerpunkte der Ingenieurlösungen nicht miteinander vergleichbar. Daher: zwei Mal Gold“, erklärte Schroeter.
Innenminister Joachim Herrmann hatte es sich nicht nehmen lassen, den Gewinnern persönlich ihre Preise zu überreichen. „Ich freue mich, dass die Bayerische Ingenieurekammer-Bau in Partnerschaft mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege sich so aktiv für den Schutz und Erhalt unserer bayerischen Denkmäler einsetzt. Die Vergabe des Bayerischen Denkmalpflegepreises ruft auch der Öffentlichkeit den Wert der Denkmalpflege ins Bewusstsein“, sagte Herrmann. Die Denkmalpflege sei ein hohes Gut. Der Preis würdige in idealer Weise das Engagement der Ingenieure und Bauherren, die sich um die Denkmalpflege verdient gemacht haben.

Identitätsstiftend


„Denkmalpflege stiftet Identität - denn sie bewahrt die gebaute Welt, so wie wir sie kennen. Wie wichtig dabei ein gelungenes Zusammenwirken aller Beteiligten ist, zeigt der Denkmalpreis. Nur die erfolgreiche Zusammenarbeit von Eigentümern, Denkmalpflegern, Ingenieuren, Handwerkern und Restauratoren schafft so herausragende Ergebnisse“, sagte C. Sebastian Sommer vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.
In der Kategorie „Öffentliche Bauwerke“ gab es das erste Gold für die Wallfahrtskirche Maria Birnbaum im schwäbischen Sielenbach. Der Vorsitzende der Jury, Eduard Knoll, erklärte: „Mit dem Einbau eines raffinierten subsidiären Raumtragwerks zur Aufhängung des zentralen Turms über der Kuppel unter Belassung eines historischen Ertüchtigungsversuchs wurde eine überzeugende Verbindung zwischen einem denkmalpflegerischen Konzept und einer intelligenten Ingenieurleistung gefunden.“
Bereits im 18. Jahrhundert zeigte der Apostelturm im Zentrum der gemauerten Kuppelkonstruktion Absenkungen. Dies führte zu Rissen und Verformungen an den angrenzenden Bauteilen. Nach gründlichen Voruntersuchungen wurde ein Sanierungs- und Instandsetzungskonzept erarbeitet, das zu einer „Speichenradkonstruktion“ in der Form eines räumlichen Fachwerks führte. Diese Konstruktion stellte äußerst hohe Anforderungen an die Projektierung und Ausführung, doch sie kann sowohl den Apostelturm als auch die anschließenden Bauteile des Dachs tragen. Diese Ingenieurleistung behebt die grundlegenden Fehler der Erbauer und beeinträchtigt das Erscheinungsbild des Denkmals so wenig wie möglich.
Das zweite Gold ging an die Kettenstegbrücke in Nürnberg. Der Kettensteg stellt als älteste erhaltene Hängebrücke Europas ein besonderes Architektur- und Ingenieurbaudenkmal dar. Die Unzulänglichkeiten früherer Umbauten und Sanierungsversuche erforderten eine grundlegende ingenieurtechnische Aufarbeitung der schwingungsanfälligen Konstruktion. Das Sanierungskonzept geht von einer annähernden Wiederherstellung des Systems der ursprünglichen Hängebrücke aus.
Die besondere Leistung der Ingenieure bestand darin, den Steg zur Vermeidung der systembedingten Schwingungen mit einem geschweißten Stahlhohlkasten zu verstärken, der gleichzeitig als gerade verlaufender Träger die ursprünglichen „Durchhängungen“ der Brücke aufhebt. Nach der erfolgreichen Sanierung birgt das Bauwerk eine Dokumentation der historischen Entwicklung in sich. Dabei wurde die Funktion als echte Hängebrücke wiederhergestellt und auch das originale Hängewerk von 1824, die Geländerkonstruktion sowie die stählernen Pylone von 1909 konnten erhalten werden.
Noch ein weiteres öffentliches Bauwerk aus Nürnberg wurde mit dem Bayerischen Denkmalpflegepreis ausgezeichnet: Das Herrenschießhaus erhielt Bronze. Die Sanierung dieses Objekts ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass eine energetische Sanierung auch bei Baudenkmälern möglich ist. Aufgrund umfassender bauphysikalischer Untersuchungen wurde für das Gebäude ein beispielgebendes Konzept gefunden, das im Einklang mit den gestalterischen, denkmalpflegerischen und ingenieurtechnischen Anforderungen steht.
Es bestätigte sich, was die Berechnungen im Vorfeld ergeben hatten: Durch energieeinsparende Maßnahmen wurden die Anforderungen der EnEV 2009 um 30 Prozent beim Transmissionswärmeverlust und 20 Prozent beim Primärenergiebedarf unterschritten. „Mit der Auszeichnung dieses Projekts möchten wir ein Bewusstsein für die immense Verantwortung der Planer und der Bauherrn beim Umgang mit Innendämmungen schaffen“, so die Jury.
Bei den privaten Bauwerken ging Gold an die historische Ofenhalle der Glashütte Lamberts im oberpfälzischen Waldsassen. Die Gewinner konnten sich zusätzlich über ein Preisgeld von 4500 Euro freuen. Die Hallenkonstruktion mit Bogenfachwerkbindern wurde für die Industrieausstellung 1896 in Nürnberg erstellt. An ihrem neuen Standort in Waldsassen wird sie heute als Ofenhalle verwendet. Durch Feuchte- und Fäulniseinwirkungen an der Dach- und Binderkonstruktion entstanden Schäden an den Hölzern, die zu erheblichen Verformungen und letztlich zum Bruch wesentlicher tragender Teile führten.
Bei einer Überprüfung der Standsicherheit im Jahr 2009 wurde akute Einsturzgefahr festgestellt. Außergewöhnlich ist, dass die Halle bei laufendem Betrieb instand gesetzt wurde, wobei das ursprüngliche statische System beibehalten werden konnte. Das Ziel, den Gesamtcharakter der Ofenhalle zu bewahren, und die Wirkungsweise der Konstruktion in Reminiszenz zu der damaligen herausragenden Ingenieursleistung wiederherzustellen, wurde auf beeindruckende Weise erreicht.

Einfühlsame Instandsetzung


Mit dem Denkmalpflegepreis in Silber und einem Preisgeld von 3500 Euro wurden die Beck’schen Häuser in Nördlingen ausgezeichnet. Mit einer aufwändigen und einfühlsamen Instandsetzung sowie Ertüchtigung der tragenden Bauteile wurde eine überzeugende Lösung erzielt. Die ruhige Gestaltung der Fassaden erfüllt die Anforderungen an das Stadtbild und lässt weiterhin den Denkmalwert erkennen. Besonders ist der Mut des neuen Eigentümers hervorzuheben, die stark beschädigten Bauten zu übernehmen und seine Bereitschaft, diese zu sanieren. Die Unterbringung von schutzbedürftigen Personen der Lebenshilfe in den Beck’schen Häusern stellt eine ideale Lösung für die Nutzung der Gebäude dar.
An den Dachtragwerken, den Fachwerkwänden und der Gründung mussten gravierende Substanzschäden behoben werden. Um die Mindestraumhöhen im Erd- und Obergeschoss einzuhalten, durften die Raumhöhen nicht reduziert werden. Deshalb sah das statische Konzept vor, die Decke über dem Obergeschoss durch Aufrippung und den Einbau von Hängewerken aus Holz freitragend auf die Außenwände auszubilden. Dies erleichterte vorwiegend die vertikale Lastabtragung der versetzten Wände und Unterzüge im Erd- sowie Obergeschoss und minimierte die erforderlichen Unterzugsverstärkungen der Decken im Erdgeschoss.
Bronze in der Kategorie private Bauwerke sowie ein Preisgeld von 2000 Euro ging an den Peschl-Bräu in Passau. Der Peschl-Bräu, am Eingang zur Passauer Altstadt gelegen, wurde 1258 erstmals urkundlich als Braustätte erwähnt. 2010 wurde für die historische Bausubstanz eine Mischnutzung aus Gewerbe, Gastronomie und Wohnen in der Altstadt konzipiert und 2011 umgesetzt.
Nach umfangreichem Aufmaß und Substanzuntersuchungen wurde ein Sanierungskonzept entwickelt, das einen größtmöglichen Erhalt der historischen Bausubstanz mit den heutigen Anforderungen an Haustechnik, Schallschutz und Nutzungskomfort verbindet. Ein Aufzug ermöglicht den barrierefreien Zugang zu den oberen Stockwerken. Durch die Schaffung eines gläsernen Laubengangs wurde das Dachgeschoss für Wohnnutzung erschlossen. Kastenfenster bieten sowohl einen guten Wärmeschutz, als auch durch den verbesserten Schallschutz einen erhöhten Wohnkomfort in der Innenstadt. (Sonja Amtmann)

(Gold ging auch an die historische Ofenhalle der Glashütte Lamberts - Foto: ALS Ingenieure und Glashütte Lamberts; mit Bronze ausgezeichnet wurde der Peschl-Bräu in Passau - Foto: Peschl GmbH - Toni Scholz; Silber ging an die Beck'schen Häuser - Foto: MBI Mittnacht Beratende Ingenieure)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 33 (2017)

Soll die elektronische Gesundheitskarte abgeschafft werden?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 18. August 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:


Wieland Dietrich,
Vorsitzender der Freien Ärzteschaft e.V.

(JA)


Melanie Huml (CSU), bayerische Gesundheitsministerin

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.