Bauen

Die Kaiserburg ist das Wahrzeichen Nürnbergs. Durch einen neu geschaffenen Raumverbund von Palas und Kemenate wurde zum ersten Mal ein geschlossener Rundgang durch alle Museumsräume ermöglicht. (Foto: Bayerische Schlösserverwaltung)

23.08.2013

Der „zweite Wiederaufbau“

In diesem Jahr wurden umfangreiche Baumaßnahmen auf der Nürnberger Kaiserburg durchgeführt

Die Kaiserburg Nürnberg, Wahrzeichen der zweitgrößten Stadt Bayerns, hatte – ebenso wie die Stadt Nürnberg selbst – enorm unter den Folgen des Zweiten Weltkrieges zu leiden. Kaum eine andere bayerische Stadt wurde ähnlich massiv zerstört wie die Stadt der Reichsparteitage, die Alliierten hatten hier bewusst Zeichen setzen wollen.
Nur langsam erhielt die Altstadt wieder ihr Gesicht zurück. Diese „kosmetischen Operationen“ dauerten über mehrere Jahrzehnte. Heute kann man sich bei einem Spaziergang durch die Altstadt kaum noch vorstellen, wie grundsätzlich diese Zerstörungen gewesen waren. Die Kaiserburg wurde nach dem Krieg in mehreren Wellen wieder aufgebaut und erhielt schließlich unter der gestalterischen Federführung des damaligen Präsidenten der Schlösserverwaltung, Rudolf Esterer, ihr weitgehend am ursprünglichen Erscheinungsbild orientiertes Gesicht zurück.

Neues museales Konzept


Zunächst wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit im Burgbereich Wohngebäude in Stand gesetzt (Burgamtmannsgebäude, Himmelsstallung), in den 1950er und 1960er Jahren erfolgte der Wiederaufbau des Palas (Saalbau und kaiserlicher Wohntrakt) und in den 1970er und 1980er Jahren wurden weitgehend zerstörte Gebäude in der Vorburg gemäß ursprünglichem Erscheinungsbild rekonstruiert (Kastellansgebäude, Finanzstadel).
Die museale Präsentation auf der Kaiserburg Nürnberg begrenzte sich über Jahrzehnte nur auf die Raumkunst selbst sowie auf eine sehr reduzierte museale Darstellung der kaiserlichen Repräsentations- und Wohnräume im Palas. Der Sinwellturm und der Tiefe Brunnen waren nicht viel mehr als „nette Attraktionen“; ohne den engagierten Burgführer, der mit beherztem Schwung Wasser aus einem Krug in die Tiefe des Brunnenschachtes schüttete und die Besucher die Sekunden bis zu dessen Auftreffen am Grund mitzählen ließ, sowie den sensationellen Blick vom Sinwellturm über die Altstadt, hatte die Kaiserburg nicht viel zu bieten. Sicher, die Rüstungen, Waffen und Burgenmodelle im Kaiserburgmuseum des Germanischen Nationalmuseums (GNM) in der Kemenate waren sehenswert, aber es fehlte der geschlossene museale Rundgang auf der Kaiserburg.
Trotz dieser Einschränkungen besuchten jährlich zirka 160 000 Menschen die Museen von GNM und Schlösserverwaltung auf der Kaiserburg. Bei jährlich zirka zwei Millionen Burgbesuchern war damit aber das Potential an möglichen Besuchern der Museen nicht einmal annähernd ausgeschöpft. Die hohen Besucherzahlen und das gepflegt wirkende Erscheinungsbild der Gesamtanlage konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kaiserburg als Museum den Anschluss an die Standards vergleichbarer nationaler und internationaler Einrichtungen verloren hatte.
Auf Initiative von Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) wurde deshalb ab dem Jahr 2011 intensiv an einem neuen Museumskonzept für die Kaiserburg gearbeitet. Mit der Eröffnung der Sonderausstellung „Kaiser-Reich-Stadt“ konnte am 13. Juli 2013 schließlich eine moderne, informative und gestalterisch überzeugende Ausstellung über die Rolle der Kaiser auf der Nürnberger Burg und das Spannungsverhältnis von Kaiser, Reich und Stadt im Palas der Kaiserburg eröffnet werden. Die Ergebnisse einer zum Teil sehr intensiven Planungs- und Umsetzungsphase wurden von der Öffentlichkeit begeistert angenommen und werden nach Ende der Sonderausstellung in eine Dauerpräsentation überführt. Durch einen neu geschaffenen Raumverbund von Palas und Kemenate wurde zum ersten Mal ein geschlossener Rundgang durch alle Museumsräume ermöglicht, der alle Ausstellungsbereiche der verschiedenen Träger einbindet.
Der Rundgang durch die Burg beginnt im Erdgeschoss des Palas im Rittersaal mit einem mechanisch bewegten Kaisereinzug, führt über die Doppelkapelle zum Kaisersaal im ersten Obergeschoss, wo spektakuläre Exponate zeigen, wie das Alte Reich funktionierte. Ergänzende Medienstationen ermöglichen einen individuellen, auf das Zeitbudget des Einzelnen abgestimmten Ausstellungsbesuch. Über die ehemaligen Wohnräume des Kaisers, Stube und Kammer, geht es weiter zum Eckraum, in dem das Verhältnis von Kaiser und Stadt eindrucksvoll dargestellt wird. Durch den Insigniengang führt der neue Museumsrundgang schließlich über einen an alter Stelle neu geschaffenen Mauerdurchbruch in das Kaiserburgmuseum des GNM in der Kemenate.
In der Vorburg wurden das Brunnhaus des Tiefen Brunnens und der Sinwellturm saniert und museal neu gestaltet. Während der Sinwellturm über eine Besucherschleuse geregelt frei zugänglich ist, bleibt der Tiefe Brunnen – wie bisher schon – nur im Rahmen von Führungen zugänglich. Natürlich waren einige, zum Teil technisch komplexe Baumaßnahmen im Vorfeld des neuen Museumskonzepts auf der Kaiserburg erforderlich, die unter hohem Zeitdruck parallel zur Ausstellungskonzeption geplant, aufeinander abgestimmt und durchgeführt werden mussten. Diese Maßnahmen seien im Folgenden kurz dargestellt.


Bauliche Maßnahmen des Jahres 2013

 Die größte Herausforderung bei der Umsetzung des neuen Museumskonzeptes auf der Kaiserburg war die zwingend erforderliche klimatechnische Verbesserung des Kaisersaals im Palas. Langjährige Messreihen ergaben für dieses im wahrsten Sinne des Wortes „herausgehobene Zentrum der Burganlage“ mit massiver Sonnenbestrahlung im Sommer und entsprechender Auskühlung im Winter Klimawerte, die weder für die Besucher noch für empfindlichere Ausstellungsexponate verträglich waren. Die dortige, in die Jahre gekommene Raumluftheizung konnte die erforderlichen Klimawerte nicht sicherstellen. Auch die energetische Ertüchtigung der Fenster oder eine verstärkte Dämmung der Geschossdecke zum Dach waren nicht ausreichend, um das Raumklima auch nur in die Nähe der erforderlichen Grenzwerte zu rücken. Eine zusätzliche Klimaanlage war nötig und musste im sehr beengten Baubestand eingefügt werden. Die einzige Möglichkeit war, diese sehr komplexe Anlage direkt über den Ausstellungsräumen im Dachraum des Palas zwischen den Trägern, Sparren und Pfetten des Dachstuhls unterzubringen. Eine besondere Herausforderung war es, Ein- und Ausblasöffnungen der Klimaanlage denkmalverträglich – also weitgehend unsichtbar – in den Kaisersaal des Palas zu integrieren, aber auch dieses Kunststück ist gelungen. Die Öffnungen wurden in langen, schmalen Schlitzen längs der Deckenträger geführt, so dass diese in der Deckenuntersicht nur für den aufmerksamsten Betrachter bemerkbar sind.
Alle technischen Einrichtungen, insbesondere die elektrischen Anlagen, wurden erneuert und an den Einsatz neuer Medien angepasst, bleiben aber für den Besucher praktisch unsichtbar.
Der bei Jung und Alt seit Jahrzehnten beliebte Besuch des Tiefen Brunnens im Brunnhaus in der Vorburg wurde noch spannender. Der Besucher bekommt bislang nicht mögliche, faszinierende Einblicke in das Innere des Burgfelsens vermittelt. Eine Kamerafahrt in die Tiefe des Brunnenschachtes und eine neu gestaltete Medienwand schaffen neue Erlebnisse und lassen das Burgleben mit der damaligen Wasserversorgung besser verstehen.
Die Aussichtsplattform des Sinwellturms wurde erweitert und neu gestaltet. Besucher können den Blick über die Nürnberger Altstadt mit historischen Bildtafeln vergleichen, Kriegszerstörungen in der Nürnberger Altstadt können mit dem wieder aufgebauten Stadtbild verglichen werden. Der Sinwellturm war bislang nur als Aussichtspunkt zugänglich, jetzt ist er mit seiner neuen Ausstellung auf der Besucherplattform Teil des Museumskonzepts der Burg geworden. Das bislang provisorisch wirkende hölzerne Ausstiegsbauwerk auf der Plattform wurde durch eine Stahl-Glas-Konstruktion ersetzt. Der Aufgang im Inneren des Turms wurde saniert, neu beleuchtet und bislang störend wirkende Installationsleitungen wurden neu geordnet und zusammengefasst. Sie fallen heute praktisch nicht mehr auf.
Der nächtliche Blick auf die Kaiserburg ließ diese bisher in einem eher bescheidenen Licht erstrahlen. Nach umfassender Analyse der Situation wurden jetzt die planerischen Grundlagen geschaffen, dass die Burg künftig in ihrer Fernwirkung in einem „völlig anderen Lichte erstrahlen wird“. Auch die Burghöfe und die Wege zur Burg wurden in dieses Konzept mit einbezogen, das Schritt für Schritt umgesetzt wird. Die nächtliche Beleuchtung von Dachflächen, Türmen und Fassaden der Kaiserburg wird mit dem Einsatz modernster LED-Technik – energetisch optimiert – erfolgen, wesentliche Teile dieses Konzepts, darunter die Beleuchtung der Dachflächen des Palas und des Heidenturms sowie die Fassadenbeleuchtung der Kemenate konnten bereits zum Eröffnungstermin der Sonderausstellung „Kaiser-Reich-Stadt“ am 13. Juli 2013 realisiert werden. Die restlichen Teile des Beleuchtungssystems werden im Herbst dieses Jahres installiert.
Was wäre eine romantische Burg ohne die entsprechenden Plätze. Die ehemalige Wachstube des Rittersaals im Erdgeschoss des Palas wurde zu einem heute bereits gern genutzten Hochzeitszimmer umgestaltet. Mit relativ überschaubarem Aufwand konnte dieser Raum attraktiver gestaltet werden. Der Sandsteinboden wurde geschliffen, die Wände gestrichen, eine würdevolle Möblierung und Ausstattung ergänzt den feierlichen Raumeindruck. Paare, die sich auf der Burg trauen lassen, können seit dem 13. Juli 2013 auch das neu gestaltete „Hochzeitsgärtlein“ am Heidenturm für ihre Empfänge nutzen. Eine moderne Umgestaltung hat dieser, in Maria-Sybilla-Merian-Garten umbenannte, ehemaligen Verwaltergarten erfahren. Der stimmungsvolle und aussichtsreiche Garten wird künftig zeitweise auch für die Öffentlichkeit, insbesondere aber für die auf der Burg getrauten Hochzeitspaare und kleinere Veranstaltungen zugänglich sein.
Im Frühjahr 2014 ist – nach Abschluss der noch bis zum 10. November 2013 andauernden Sonderausstellung „Kaiser-Reich-Stadt“ – die Fortsetzung der bereits 2013 begonnenen Sanierung des Kanalsystems vorgesehen. Die Schlösserverwaltung nutzt dabei die Chance, die sich bei der Wiederverfüllung der Kanalgräben ergibt, in diesem Zusammenhang auch die Zugänglichkeit der Burganlage für mobilitätseingeschränkte Besucher zu verbessern, für die es immer wieder eine Mühsal ist, die auf Wehrhaftigkeit hin ausgerichteten Burganlagen zu betreten. Die Oberflächen der Kanaltrassen werden jetzt – zumindest in Teilbereichen – barrierefrei gestaltet. Durch entsprechende Materialwahl kann künftig sichergestellt werden, dass zum Beispiel der Rollstuhlfahrer die wichtigsten Teile der Burganlage erreichen kann.

Zukunftsperspektiven


Mit den geschilderten Maßnahmen ist zunächst ein erster wichtiger Zwischenschritt getan. Was der Kaiserburg aber noch fehlt, ist die Ausstattung mit neuzeitlicher Besucher-Infrastruktur, wie eine Museumskasse bereits in der Vorburg, und nicht – wie bisher – im hintersten Hof der Kernburg. Der Besucher will bereits zu Beginn seines Besuchs informiert und „abgeholt“ werden, es kann nicht sein, dass er sich auf einer derart großen Burganlage selbst zurechtfinden muss. Zum Kassenbereich gehört ein moderner Museumsshop, ein Café und weitere Einrichtungen, die zum Beispiel zur Betreuung von Schulklassen und Besuchergruppen genutzt werden können. Planerisch wurde dies im Rahmen einer Machbarkeitsstudie bereits untersucht. Das Bayerische Finanzministerium hat der Schlösserverwaltung auf Basis dieser Studie inzwischen den Auftrag erteilt, die erforderlichen Schritte einzuleiten, damit eine umfassende Sanierung und Neugestaltung des Vorburgbereichs in Bälde erfolgen kann.
Der Initiative des „Herrn über die bayerischen Burgen und Schlösser“, des bayerischen Fi-nanzministers Markus Söder, der mit großem Engagement sämtliche Maßnahmen zur Aufwertung der Kaiserburg Nürnberg vorangetrieben hat, ist es zu verdanken, dass der mit den 2013 fertiggestellten Baumaßnahmen erst begonnene „zweite Wiederaufbau“ der Kaiserburg Nürnberg in den nächsten Jahren durch ein ganzes Bündel weiterer Bau-Investitionen abgeschlossen werden kann. Mit einem Investitionsvolumen von insgesamt dann zirka 16 Millionen Euro wird die Kaiserburg endlich unter touristischen, museumstechnischen und denkmalpflegerischen Aspekten den Anschluss an die heutige Zeit gefunden haben, wie es ihr als einem der bedeutendsten bayerischen Wahrzeichen auch zukommt. (Mathias Pfeil)

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