Bauen

Die Fuge gibt es zu allen Stationen der Baugeschichte, hier die Norishalle in Nürnberg (Architekt: Heinrich Graber). (Foto: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege)

13.04.2012

Die Erotik der Fuge

Denkmalpflege für Bauten der 1960er und 1970er Jahre

Um Missverständnissen vorzubeugen, „Erotik“ sei hier im ursprünglichen Sinn, als platonische, sprich sinnlich-geistige Zuneigung verstanden. Zugegeben, „Erotik der Fuge“ klingt auch dann noch ziemlich reißerisch. Zumal die nähere Themenbeschreibung „Denkmalpflege und Bauten der 1960er und 1970er Jahre“ auf den ersten Blick doch ein hinlänglich sprödes Thema zu sein scheint. Wenn die Fuge in der Architektur der Nachkriegszeit eine offensichtlich so wichtige Rolle einnimmt, wäre natürlich auch der Titel „Kunst der Fuge“ erwägenswert gewesen. Aber bekanntlich ist diese längst von der Musik vereinnahmt und zumindest für Architekten oder Designer geht von der Fuge und ihren Verwandten, der Nut und der Kante, tatsächlich eine erotische Wirkung aus. Und diese Wirkung kann durchaus ansteckend sein und zieht dann schnell in den Bann der Architektur der 1960er und 1970er Jahre.
Fuge kommt bekanntlich von (zusammen)fügen, passend machen und weil sie den mehr oder weniger großen Zwischenraum einzelner Bauelemente beziehungsweise Baumaterialien ausmacht, gibt es die Fuge zu allen Stationen der Baugeschichte. Man denke allein an die konstruktionsbedingten Stoß- oder Setzfugen von Natursteinquadern oder Mauerziegeln. Soweit so banal. Nur sind einzelne Epochen mit der konstruktiv notwendigen Fuge unterschiedlich umgegangen. In der Antike etwa hat man die Werksteine der Tempelanlagen passgenau gearbeitet und Fugen tunlichst kaschiert. Ähnliche Tendenzen sind von der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung bis zur Rotunde der Münchner Pinakothek der Moderne dann auch im 20. Jahrhundert zu beobachten.
Der Versuch, Fugen zu vermeiden, negiert allerdings ihre Funktion als Sollbruchstelle und führt mitunter zu unkontrollierten Rissformationen. Überhaupt sind Fugen nie so ganz problemfrei. An erster Stelle steht dabei die Dichtigkeit. Spannend wird es immer dann, wenn Fugen bewusst als Gestaltungsmittel eingesetzt sind. Auch das gab es zu allen Zeiten, aber selten erlebten Fuge und Co. so viel konsequente Beachtung und so detaillierte Planung wie in den 1960er und 1970er Jahren.
Fugen hatten zu korrespondieren, „aufzugehen“, sollten schlüssig, umlaufend sein und sich wiederfinden in den Fugen der Anschlussmaterialien. Keine Türe, kein Fenster ohne Schattenfuge, wo nötig brachte schon mal eine Lichtfuge ein Dach zum Schweben.

Marterinstrumente


Exemplarisch ist der Umgang mit Sichtmauerwerk und mit Fliesen. Dazu wurden in den Architekturbüros der 1960er Jahre exzessgleich Fugendetails ausgetüftelt. Rohbaumaß und Fertigmaß gehörten zu den vielbemühten Fachbegriffen. Die Zeichnungen lagen dann als moderne Form von Marterinstrumenten den Handwerkern vor. Maurer, Putzer, Fliesenleger und Installateure hatten dafür zu sorgen, dass Fliesen- und Ziegelformate möglichst nicht zurechtgeschnitten werden mussten und ein ausgewogenes Fugenbild ergaben. Nicht genug, in Sanitärräumen gab es die berühmte Kreuzfuge aus deren Zentrum die Armaturen zu erwachsen hatten. Selbst die Toilettenschüssel stand in einem symmetrisch-ausgewogenen Verhältnis zu den Fliesenfugen. Insgesamt war solches Detailwollen in diesen Jahren weit verbreitet und ist inzwischen häufig, weil unbeplant, der handwerklichen Ausführungsqualität beziehungsweise dem Zufallsprinzip überlassen.
Das charakteristische Baumaterial der 1960er und 1970er Jahre ist der ebenso geliebte wie verhasste Beton. Beton, sei es der an der Baustelle gegossene Ortbeton oder die Fertigteilkonstruktion, verlangt nach Fugen, nach Nutungen und abgephasten Kanten. Zudem eröffnet die Schalungstechnik schier unbegrenzte Möglichkeiten der Oberflächengestaltung. Aber, Beton ist bis heute auch ein Synonym für „Gefühllosigkeit“ oder die fast schon sprichwörtliche „Unwirtlichkeit“.
Irreführend wird dazu bisweilen der Stilbegriff „Betonbrutalismus“ negativ verwendet, obgleich er von der französischen Bezeichnung für Sichtbeton, béton brut, abgeleitet ist. Wie viel Potenzial, ja Raffinesse, auch und gerade hinter den Betonbauten steht, zeigt der genauere Blick auf die Fuge.
Schon kurz nach seiner Fertigstellung im Jahr 1967 wurde zum Beispiel die Nürnberger Norishalle (Architekt: Heinrich Graber, Fürth) als „Versuchsbau für panzerbrechende Waffen“ bespöttelt. Doch belegt der klargegliederte kubische Ausstellungsbau eine konsequente Detailplanung und damit die Gestaltungsqualität, welche die architekturhistorische Bedeutung der Epoche demonstriert. Da sind aber nicht allein die dreidimensional schlüssig geführten Fugen. Selbst die Stoßfugen der „sägerauhen“ Schalbretter nehmen Bezug auf Fensteröffnungen. Da kann der prosaische Blitzableiter schon mal systemstörend geraten.
Gleichzeitig fertiggestellt und ebenfalls in Sichtbeton ausgeführt ist die Evangelische Versöhnungskirche auf dem ehemaligen KZ-Gelände in Dachau (Architekt: Helmut Striffler, Mannheim). Anders als bei der statisch formulierten Architektursprache in Nürnberg, gibt es hier kaum einen rechten Winkel. Fuge, Nut und Kante werden aber mit der gleichen Detailfreude verfolgt. Mehr noch, die Dynamik der Bauformen wird durch das Thema noch gesteigert: So werden beispielsweise die Horizontalfugen bewusst als konstituierende Gestaltungsmomente eingesetzt und prägen die Architektur.
Wird in diese Gestaltungssysteme eingegriffen, wird ein Fugenbild nachträglich verändert, gerät die Architektur der 1960er und 1970er Jahre regelrecht aus den Fugen. Bereits auf die banalsten Verbrämungen und auf vernachlässigten Bauunterhalt reagieren diese Bauten äußerst empfindlich. Und wenn heutzutage bisweilen ein sehr sorgloser Umgang festzustellen ist, so wird dieser auch vom generellen Vorurteil geleitet, Nachkriegsbauten seien ausschließlich mit unzureichenden Konstruktionen und Materialien entstanden. Anders gesagt, „Baupfusch“.

Konstruktive Defizite


So gestalten sich die Gefährdungspotenziale für die Gestaltungsqualitäten dieser Epoche vielfältig. An erster Stelle steht die so genannte energetische Sanierung. Kommt die gestalterisch-bautechnisch wie ökologisch zu hinterfragende Standardlösung, das Wärmedämmverbundsystem zur Ausführung, verschwinden Fuge und Co. unter einer hohlklingenden und uniformen Kunststoff-Fassade. Wird auf diese verzichtet, werden häufig unsachgemäße Instandsetzungsmethoden angewandt, die regelmäßig von einer Erneuerung des vorgefundenen Bestands ausgehen.
Die Fragestellung, inwieweit konstruktive Defizite unter Umständen auch durch eine Reparatur behoben werden könnten, wird selten erhoben. Auf diese Weise sind inzwischen bundesweit bei einem Gutteil der architekturhistorischen Hauptwerke der 1960er und 1970er Jahre die Fassaden ausgetauscht.
Eine weitere Gefährdung der Nachkriegsarchitektur stellt schließlich die Nutzungsproblematik dar. Die Frage der Folgenutzung wird zunehmend prekär. Dies beginnt bei Kirchen und endet bei Wohnbauten, darunter auch Einfamilienhäuser, eine wichtige Bauaufgabe dieser Epoche, die wohl am stärksten dem Veränderungsdruck ausgesetzt ist.
Die Baukultur der 1960er und 1970er Jahre hat einen sensiblen Umgang verdient und mit Fug und Recht darf die These aufgestellt werden, dass jeglicher Unfug dann vermieden werden kann, wenn man sich die Bedeutung von Fuge und Co. für die Architektur dieser Zeit vergegenwärtigt.
(Bernd Vollmar - Der Autor ist Landeskonservator und Leiter der Abteilung Praktische Denkmalpflege Bau- und Kunstdenkmalpflege beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege)

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