Bauen

Das Dach wird von 40 Stahlbetonsäulen getragen. (Foto: Sabine Schmalfuss)

04.03.2011

Ein Dach wie eine Wolke

Neubau der Eisschnelllaufhalle in Inzell

Die am 10. März 2011 beginnenden Einzelstrecken-Weltmeisterschaften im Eisschnelllaufen im bayerischen Inzell werden auf dem „schnellsten Eis der Welt“ in der weltweit ersten Eisschnelllaufhalle mit blendfreier Tageslichtnutzung stattfinden.
Die ehemalige Natureisanlage feierte im Oktober 1965 als witterungsunabhängige Kunsteisschnelllaufbahn Premiere und wurde mehrfach modernisiert. In seiner über 40jährigen Geschichte bewährte sich das Eisstadion Inzell bei zahlreichen internationalen und nationalen Wettkämpfen und wurde, auch dank seiner wunderschönen Lage am Fuße des Falkensteins, weltberühmt. 2009 beauftragte die Gemeinde Inzell die Projektarbeitsgemeinschaft Behnisch Architekten Pohl Architekten mit der Modernisierung und Überdachung des Stadions um dessen Attraktivität auch für die Zukunft zu sichern.
Die Architekten, sahen es als besondere Herausforderung an, den einmaligen Charakter der Freianlage soweit wie möglich zu erhalten, und erarbeiteten einen Entwurf, der diese nicht einzwängt, sondern rücksichtsvoll schützend umhüllt. Eine umlaufende Glasfassade und das scheinbar wie eine luftige Wolke schwebende Dach mit seinen markanten Lichtöffnungen sind das wesentliche Merkmal der neuen Anlage, die seit Kurzem „Max Aicher Arena“ heißt.
Das von 40 Stahlbetonsäulen getragene 200 x 100 Meter große Dach ist aber nicht nur optisch, sondern auch technisch und klimatisch ein Meisterwerk. Es ist als Fachwerkkonstruktion mit Holz-Stahl-Bindern ausgeführt, deren einzelne Binder eine freie Spannweite von 82,50 Metern von Stütze zu Stütze und eine Bauhöhe von neun Metern haben. Der Abstand der Hauptträger voneinander beträgt 12,65 Meter und wurde so gewählt, dass er mit dem Nebentragwerk noch wirtschaftlich überspannt werden kann. Im Inneren ist die Halle stützenfrei.
 

Metallisch beschichteter textiler Kälteschirm


Raumseitig ist das Dach mit einem metallisch beschichteten textilen Kälteschirm ausgerüstet, der Licht reflektiert und verhindert, dass Kondenswasser am Dachtragwerk entsteht. Dadurch konnte die Luftmenge, die für den Erhalt der optimalen Eisqualität entfeuchtet und gekühlt werden muss erheblich verringert werden. Die hohe Schallabsorption der Membran garantiert zudem eine gute Raumakustik mit kurzen Nachhallzeiten.
17 nach Norden orientierte Gauben in der Dachgeometrie versorgen die Halle mit Tageslicht, das sich dank des textilen Kälteschirms blendfrei im Raum verteilt. Der hohe Anteil an Tageslicht verringert nicht nur die Energiekosten, sondern trägt auch zu der leichten und offenen Atmosphäre in der Halle bei, die an die Freiluftanlage erinnert.
Abgedichtet wird das Dach von einer drei Millimeter starken Folie mit den Ausmessungen von zwei Fußballfeldern. Die Dachkonstruktion ist für eine Gesamtschneelast von bis zu 7300 Tonnen, das entspricht etwa 5600 VW Golf, ausgelegt. Rund 4500 Kubikmeter Nadelholz und 1200 Tonnen Stahl wurden für das Hallendach verbaut.
Die das Erscheinungsbild der Halle prägenden Dachgauben werden zum Schutz vor Wärme mit dreilagigen ETFE-Kissen verschlossen. Diese „Sheds“ genannten Dachaufbauten mit einer Einzelgröße von 35 x 6 Metern wurden komplett am Boden gefertigt und mit Raupenkränen auf das Dach gehoben.
Die Glasfassade bietet freien Ausblick auf die Berge und den unmittelbar angrenzenden Zwingsee und erlaubt umgekehrt, von außen das Geschehen in der Halle zu beobachten. Sie steht starr unter dem Hallendach und ist an die Stahlbetonstützen gekoppelt. Der Anschluss zwischen Fassade und Hallendach ist flexibel und nimmt 12 Zentimeter Verschiebewege auf. Eine umlaufende Tribüne aus Stahlbeton bietet Platz für bis zu 7000 Zuschauer und erscheint wie ein modellierter Teil der umgebenden Landschaft.
Um die Verbindung der Halle mit der Natur zu stärken, wurden die teilweise asphaltierten Außenanlagen südlich der Eisbahn rückgebaut, sodass sich die Uferwiesen des Zwingsees bis zur Halle ausbreiten können. Ein südorientierter Besucherbalkon bietet schöne Ausblicke auf den See sowie Einblicke in die Halle.
Mehrere Bestandsgebäude wurden in das Gesamtkonzept eingebunden, energetisch saniert und zum Teil baulich ergänzt. Hier sind Bürobereiche für die Stadionleitung und den Trainerstab sowie Werkstätten und Garagen für die Eisbereitungsfahrzeuge untergebracht. Unter dem Gelänge liegen, für Besucher unsichtbar, die großen Technikzentralen und die Umkleidebereiche für die Sportler.
Das Energiekonzept der Max Aicher Arena sieht, neben optimaler Tageslichtnutzung, noch eine Reihe von Maßnahmen vor. So kommen klimaneutrale regenerative Energieträger wie Holzpellets zum Einsatz. Die Abwärme aus der Eiskälteerzeugung wird zur Heizung der Raumluft genutzt. Für die richtige Eisqualität sorgen spezielle Düsen über der Eislauffläche, die die entfeuchtete und heruntergekühlte Luft punktgenau im richtigen Winkel auf das Eis blasen.
Die Überdachung und Modernisierung der Eisschnelllaufhalle Inzell wurde von der Projektarbeitsgemeinschaft Behnisch Architekten Pohl Architekten realisiert. Behnisch Architekten hat bereits zahlreiche Sportanlagen gebaut, darunter die Therme in Bad Aibling und die Max-Linde-Halle in München. Das Büro wurde 1989 als Zweigbüro von Behnisch & Partner, das unter der Leitung von Günter Behnisch die Anlagen für die Olympischen Spiele 1972 in München geplant hatte, gegründet. Pohl Architekten Stadtplaner werden von Göran und Julia Pohl geführt und sind unter anderem verantwortlich für den Bau der Eisschnelllaufhalle in Erfurt, die 2001 eröffnet wurde. (BSZ)

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