Bauen

Die ursprüngliche Stahlhalle von 1908 ist jetzt unter anderem überdeckt von transparenten Membrandächern. (Foto: Hettler)

17.10.2014

Ein Denkmal mit modernen Elementen

Die Architektur des neuen Salzburger Bahnhofs

Der Hauptbahnhof Salzburg ist zusammen mit dem Hauptbahnhof Wien eines von zwei Großprojekten der ÖBB-Infrastruktur AG, das in diesem Jahr 2014 abgeschlossen werden soll. Baubeginn war 2008. Bereits 1999 war ein zweistufiger, gutachterlicher Wettbewerb unter zwölf Architektenteams zugunsten des Entwurfs von kadawittfeldarchitektur (Aachen/Graz) entschieden worden.
Um den Bahnhof neu in die Stadt zu integrieren, bestand die komplexe Aufgabe für kadawittfeldarchitektur nicht nur darin, die neu angeordneten Gleisanlagen zu berücksichtigen. Es ging vor allem darum, den historischen und zum Teil denkmalgeschützten Bahnhof von 1860 in seiner authentischen Erscheinungsform in eine neue Gesamtkonzeption zu integrieren, die die Stadtteile über mehrere Brücken- und Passagenbauwerke neu verbindet. Über 18 Gleise hinweg war die Stadt neu zu vernetzen.
Bisher waren die angrenzenden Stadtteile Elisabeth-Vorstadt und Schallmoos im Bahnhofsbereich lediglich mit einem schmalen Steg oberhalb der Gleise verbunden. Der hoch liegende Gleiskörper und Lärmschutzwände verstärkten die Barrierewirkung. Die Neuplanung integriert den Bahnhof jetzt in die Urbanität der Stadt. Darum sieht er funktionale, ebenso wie städtebauliche Elemente vor: eine zentrale, bis zu 20 Meter breite Passage unterhalb der Gleise, im Westen des Bahnhofs den Austausch von drei Eisenbahnbrücken und darüber hinaus den Entwurf von Neubauten am Rand des Gleisfelds.
Der ehemalige zentrale Mittelbahnsteig aus dem Jahr 1909, der zum Zweck der Zollabfertigung als Kopfbahnhof angelegt war, wurde aufgehoben. Trotz der Beliebtheit des inzwischen für einen Wiederaufbau eingelagerten Marmorsaals war die räumliche Situation des damaligen Mittelbahnsteigs unbefriedigend und angesichts der offenen Grenzen nach dem Schengener Abkommen überflüssig. Die dunklen unterirdischen Gleiszugänge und die sicherheitstechnischen Anforderungen an einen zeitgemäßen Bahnhof waren ein weiterer Anlass zum Umbau des Bahnhofs.

Dynamische
Bahnsteigdächer


Ein großer Reiz des Neuen liegt in der ästhetischen Harmonie aller historischen und modernen Elemente. Die neuen dynamischen Bahnsteigdächer bilden mit den filigranen historischen Bahnsteighallen von 1908 eine überraschende und komfortable Großform. Die Gleise sowie die Bahnsteige werden zur Gänze überdeckt, zu großen Teilen mit Glas, transparenten Membrandächern und pneumatischen Luftkissen. Dabei entsteht eine sehr helle und transparente Bahnsteighalle in völlig neuer Ausprägung.
Die große Höhe historischer Bahnsteighallen, die seit der Einstellung des Verkehrs mit Dampflokomotiven funktional nicht mehr notwendig ist, verlagert sich in Salzburg in eine zweite, untere Ebene. Die quer zu den Bahnsteigen geführte, über die historische Empfangshalle erschlossene und nach oben offene Passage unterhalb der Gleise weitet den Blick bis unter die historischen Stahlhalle der Bahnsteige. Damit wird die Bahnsteighalle in Salzburg zu einem neuen Bautyp des Bahnhofsbaus.
Die Schwierigkeit der unterirdischen Gleiserschließung überspielte kadawittfeldarchitektur mit der neuen Raumtypologie einer dynamischen Passagenführung. „Mit ihrer lebendigen Linien- und natürlichen Lichtführung vermittelt die Passage das Bild eines offenen, sich aufweitenden und wieder verengenden Straßenraums in bewegter urbaner Topographie“, heißt es im Informationsblatt der ÖBB zur Architektur des Salzburger Bahnhofs.
Der Ausbau des Bahnhofs unter laufendem Betrieb war bei täglich etwa 500 Zügen und 25 000 Passagieren eine sehr komplexe Planungsaufgabe. Für den Umbau der bestehenden Gleisanlagen oberhalb der Passage wurden acht, zum Teil weit gespannte Gleistragwerke neu errichtet und auf 30 Meter tief reichenden Pfählen gesetzt. Die darin integrierte Erdwärmeanlage deckt einen Großteil des Wärme- und Kältebedarfs am Salzburger Hauptbahnhof ab.
Versorgungstunnel sichern die Logistik der 3800 Quadratmeter großen Ladenflächen und der ÖBB-Serviceeinrichtungen im Verborgenen. Für jede Bauphase war eine neue Kundenführung erforderlich und verlangte von den ÖBB-Kunden ein hohes Maß an Flexibilität und Verständnis.
Der Hauptbahnhof Salzburg ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt im transeuropäischen Netz, wie auch im neu geschaffenen S-Bahn-Verkehr. Bis zum Ende des Jahrzehnts werden täglich mehr Passagiere als heute erwartet. Umso wichtiger wird es, die Verkehrsströme des Fern- und S-Bahn-Verkehrs über die historische Empfangshalle und den neuen Vorplatz des Bahnhofs im Stadtteil Schallmoos unmittelbar an das Nahverkehrssystem der Stadt anzuschließen. (Friedrich H. Hettler)

(Detailaus dem neuen Salzburger Hauptbahnhof; das historische Bahnhofsgebäude und ein Blick von der Passage hinauf zu den Bahnsteigen - Fotos: Hettler)

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