Bauen

Als "Stern von Sendling" wird die neue ADAC-Zentrale in München bezeichnet. (Foto: ADAC)

20.04.2012

Ein herausragendes bauliches Wahrzeichen

Der ADAC hat in München seine neue Zentrale in der Hansastraße offiziell in Betrieb genommen

Der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) hatte 2003 sein 100-jähriges Bestehen zum Anlass genommen, ein neues Gebäude zu planen, in dem wieder alle Mitarbeiter unter einem Dach vereint sind. Diese waren bis dato über sieben Standorte in München verteilt.
Da es für das Grundstück des ADAC an der Hansastraße 19 in München keinen Bebauungsplan gab, forderte die Landeshauptstadt für den Neubau der ADAC-Zentrale einen städtebaulichen Wettbewerb. Dazu lud der ADAC neun renommierte Architekturbüros zu einem Wettbewerb ein. Das Konzept des Berliner Architektenbüros Sauerbruch Hutton wurde auf den 1. Platz gewählt. Die herausragende Stellung dieses Vorschlags wurde auch dadurch deutlich, dass kein zweiter, sondern zwei dritte Plätze vergeben wurden.
Nach dem ersten Spatenstich am 15. November 2006 wurde am 16. April 2007 der Grundstein gelegt. Daraufhin begannen die Bauarbeiten. Der ADAC-Neubau besteht aus einem fünfgeschossigen Sockelbau, darüber erhebt sich das 18-geschossige Hochhaus. Außer den rund 2400 Arbeitsplätzen gibt es dort einen Schulungs- und Konferenzbereich, ein Casino, eine Cafeteria, eine Druckerei, ein Rechenzentrum, einen Lettershop, eine Packerei, einen großen Ladehof, eine Parkgarage mit 1000 Stellplätzen und eine Veranstaltungsfläche.
Mit seinem Neubau will der ADAC aber nicht nur seine Mitarbeiter wieder unter einem Dach zusammenführen, sondern sieht seine neue Zentrale auch als einen Schritt in eine zukunftsorientierte Arbeitswelt. Das Konzept sieht für die Mitarbeiter mobile Arbeitsplätze mit flexibler Gestaltung in hellen und großzügigen Büros vor. Mit der Nutzung von Photovoltaik, Geothermie (Erdwärme) und Fernwärme entspricht das Energiekonzept des Gebäudes dem modernen Charakter der Architektur. Diese wird am augenfälligsten durch die abwechslungsreiche Fassade. Allein der Turm hat mehr als 1100 Fassadenelemente in 21 unterschiedlichen Farbtönen.

325 Millionen
Euro investiert


Der Umzug der Mitarbeiter aus der Zentrale am Westpark 8 zum ADAC an der Hansastraße 19 erfolgte im Dezember 2011. Am 22. März 2012 wurde das 325 Millionen Euro teure Gebäude (ursprünglich waren 310 Millionen Euro kalkuliert) nach gut fünfjähriger Bauzeit feierlich eingeweiht. ADAC Präsident Peter Meyer betonte dabei, dass der Club mit dem neuen Gebäude ein städtebauliches Ausrufezeichen setzen wollte. „Von Anfang an wollten wir ein Bauwerk schaffen, das nicht nur die Silhouette Münchens stark mitbestimmt, es sollte auch eine hoch innovative und zeitgemäße Arbeitswelt bieten.“
Umweltminister Marcel Huber (CSU) betonte bei der Einweihung des Gebäudes: „Die beste Energie ist die, die nicht verbraucht wird. Deswegen stehen Energieeinsparungen an erster Stelle. Energieeffizientes Bauen leistet dazu einen wichtigen Beitrag.“ Gleichzeitig bezeichnete Huber den Neubau aber auch als architektonische Wegmarke und Bereicherung für das Stadtbild. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) stellte fest, dass die Stadt München „um ein herausragendes bauliches Wahrzeichen bereichert wird“. Der Bau steht laut Ude für Helligkeit, Farbigkeit und Transparenz, alles in wohldosierter Weise. Mittlerweile wird das neue Gebäude, das mit seiner außergewöhnlichen Architektur das Münchner Stadtbild prägt, der „Stern von Sendling“ genannt.
Der Entwurf von Sauerbruch-Hutton entsprach der Forderung des ADAC, einen Neubau zu schaffen, der „seine Bedeutung am Standort München signalisiert und genügend Raum für alle Mitarbeiter an einem Standort bietet“.
Neben der Funktionalität hatten die Architekten die zunächst paradox erscheinende „Vielfalt in der Einheit“ im Blick, die den ADAC ausmacht. 18 Millionen Mitglieder vertrauen derzeit dem Club, deren vielfältige und oftmals unterschiedliche Interessen er betreut. Der ADAC e.V. und seine Tochtergesellschaften, wie etwa die ADAC-Luftrettung GmbH, treten einheitlich in Erscheinung. Nach außen repräsentiert die Fassade in ihren verschiedenen Gelbtönen – der „Hausfarbe“ des ADAC – diese Vielfalt in der Einheit. Während die Grundfarbe stets dieselbe bleibt, entsteht durch die Farbnuancen der Fenster die Abwechslung in der einheitlichen Fassade.
Nicht nur die Außenfassade weist einen besonderen Farbstil auf. Auch im Inneren des Gebäudes wurde ein modernes Farbkonzept konsequent durchgezogen. Die neue ADAC Zentrale ist in sechs Bauteile unterteilt. Die Kennzeichnungen und Beschriftungen eines jeden Bauteils haben eine eigene Farbe. So sind die Beschilderungen im Turm im gleichen Farbton gehalten. Die anderen fünf Bauteile im Sockelbau sind orange, rot, lila, blau und grün gekennzeichnet. Dadurch können sich die Menschen besser orientieren.
Architektonisch und statisch interessant ist die so genannte Auskragung an der Gebäuderückseite. Der Turm ragt dort acht Meter weit über den 16 Meter hohen Sockelbau hinaus und bildet, wie der Bug eines Schiffs, einen Bogen nach außen. Die Last des Turmvorsprungs wird mit Hilfe von zwei Reihen Betonpfeilern, die sich bis in den neunten Stock des Turms ziehen, auf den Sockelbau und damit auf das Fundament übertragen.
Eine weitere bautechnische Herausforderung war es, die geschwungenen Formen von Sockelbau und Turm auf rechteckige Untergeschosse zu setzen. Die dadurch entstehende ungewöhnliche Lastenverteilung auf das Fundament musste aufgefangen werden, ohne durch den Einzug zu vieler Stützpfeiler Platz für die Technikzentren und Fahrzeuge der ADAC Mitarbeiter zu vergeuden.
Auf dem ADAC Grundstück verläuft unterhalb des Gebäudes diagonal in Ost-West-Richtung der Tunnel der U4 und der U5. Diese U-Bahn-Röhren durften durch das Bauwerk nicht belastet werden. Um die U-Bahn-Trasse in eine stabile und tragfähige Basis zu integrieren, waren Spezialisten im Einsatz. Sie verpassten der U-Bahn eine Art „Deckel“. Dieser trägt die Lasten über 1,50 Meter dicke Pfähle und leitet sie erst unterhalb der Röhren in den Baugrund ab.
Der U-Bahn-Tunnel wurde mit rund 290 Betonpfählen eingefasst und in das Fundament eingebunden. Besonders sensibel waren die Stellen, an denen die Röhren die Grundstückskanten durchstoßen. Baugrubensicherung und U-Bahn-Röhren mussten zu 100 Prozent dicht verschlossen sein. Dies gelang, indem die Röhren von einer Manschette aus Stahl und Beton umschlossen wurden, in die als weitere Sicherung grundwasserverträgliches Weichgel eingepresst wurde, das in Kontakt mit Wasser vollständig aushärtet.
Die Bedingungen waren kompliziert. Das Grundwasser musste vorab abgesenkt werden. Dafür wurden 69 so genannte Entspannungs-, Absenk- und Überlaufbrunnen eingerichtet. Die Baugrube wurde mit rund 890 sich überschneidenden Bohrpfählen aus Beton umschlossen, um dem zu bauenden Haus ein dauerhaft stabiles Korsett zu geben. 205 000 Kubikmeter Erdreich wurden aus der Baugrube ausgehoben. Das entspricht einem Gesamtgewicht von rund 390 000 Tonnen.
Die neue Hauptverwaltung des ADAC verfügt nicht nur über eine interessante Architektur und eine innovative Arbeitswelt, sondern auch über ein modernes, emissions- und immissionsarmes Energiekonzept. Der Neubau wird mit Fernwärme beheizt, produziert mittels Photovoltaik-Anlagen Solarstrom, nutzt Erdwärme und belastet somit die Umwelt so wenig wie möglich.
Allein 20 Prozent des Energiebedarfs entnimmt das Haus durch Geothermie dem Boden. 349 Energiepfähle mit einer Gesamtlänge von etwa 48 Kilometern tauchen in das Grundwasser in bis zu 37 Metern Tiefe ein. Sie übernehmen die Wärme aus dem im Durchschnitt zwölf Grad kühlen Wasser und übertragen diese in ein Wasserrohrsystem, dessen Leitungen sich durch die Betondecken des Neubaus ziehen. Somit wird das Gebäude im Sommer gekühlt. Im Winter wird das Wasser in den Rohren mit Wärmepumpen auf etwa 25 Grad Celsius angewärmt und heizt die Zentrale. Allein durch die Nutzung dieser Geothermie wird der ADAC in den nächsten 40 Jahren hochgerechnet 17 Millionen Euro sparen.
Auch die 36 000 Quadratmeter umfassende Fassade leistet einen Beitrag zur CO2-Einsparung. Sie ist doppelt verglast und dank der so genannten Prallscheibe, die außen eingezogen ist, bietet sie einen integrierten Sonnenschutz. Im Fassadenzwischenraum sind Jalousien angebracht. Sie werden dadurch vor Wind und Wetter geschützt und weisen die Sonneneinstrahlung ab. Gleichzeitig gelangt Frischluft in den Zwischenraum, wo sie zirkuliert und die Fassade kühlt beziehungsweise einen Hitzestau verhindert. Das ist vor allem im Sommer wichtig, denn es kostet fünfmal so viel Energie, ein Gebäude auf eine sinnvolle Arbeitstemperatur zu kühlen, als es im Winter zu heizen.

150 000 Kilogramm
CO2 weniger im Jahr


Etwa 1500 Quadratmeter Solarpaneele sind auf dem Flachdach des Sockelbaus angebracht. Insgesamt produzieren die 1452 Module bei maximaler Sonneneinstrahlung in der Spitze rund 200 Kilowatt Strom. Das vermindert die CO2-Emissionen um etwa 150 000 Kilogramm pro Jahr. Von diesem Solarstrom werden 100 Prozent für die Energieversorgung des Hauses verwendet. Nur 1,4 Prozent der benötigten Gesamtenergiemenge werden dadurch abgedeckt. Das reicht aber für 20 Prozent der Beleuchtung aus.
Das Bürokonzept der neuen ADAC Zentrale sieht mehr mobile Arbeit mit Laptops und deutlich flexiblere Gestaltungsmöglichkeiten vor. Es gibt Teamzonen für ein zeitlich begrenztes Arbeiten an einem Projekt. Cockpits fungieren als Rückzugsräume für ungestörtes Arbeiten. Steh-Besprechungstische und Kreativ-Ecken ermuntern zur unkomplizierten Ideen- und Lösungsfindung. Die schlanke Gebäudeführung um die Innenhöfe garantieren, dass alle Schreibtische in direkter Nähe der Fenster und damit dem Tageslicht stehen.
Die bisherige ADAC Zentrale am Westpark 8 wurde verkauft. Auf dem fast 30 000 Quadratmeter großen Gelände soll ein neues Objekt mit rund 380 Mietwohnungen errichtet werden. (FHH/BSZ)

(Diverse Ansichten des ADAC-Neubaus. Der Entwurf stammt vom Berliner Architekturbüro Sauerbruch Hutton - Fotos: ADAC)

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