Bauen

Skizzen der ISB-Seminarteilnehmer zu den einzelnen Projekten – Gaswerk Augsburg, Schule Niederaudorf und Innbrücke der Gemeinde Simbach am Inn. (Foto: ISB)

03.06.2011

Ein Spielcasino im Gaswerk

Baureferendare entwickeln neue Ideen zur Lösung komplexer planerischer Aufgaben

Es ist eine Perle der Industriekultur: das alte Gaswerk in Augsburg Oberhausen. Ein schlossartiges Ensemble in parkartigem Ambiente. Nach den Plänen der berühmten Münchner Architekten-Brüder Rank ließ die Stadt in den Jahren 1912 bis 1915 im Norden der Stadt ein neues Gaswerk bauen. Dieses seinerzeit modernste Gaswerk produzierte bis in die 1960er Jahre aus Steinkohle das Stadtgas. Infolge der Umstellung von Stadtgas auf Erdgas diente die Anlage nur noch der Verteilung und Speicherung von Erdgas.
2001 wurde das Gaswerk stillgelegt. Den Stadtwerken gehört auch heute noch das historische Areal. Was mit dem Grundstück und seinen denkmalgeschützten Gebäuden in Zukunft passiert, hängt im Wesentlichen davon ab, wie gut es vermietet oder verpachtet wird. Die neuen Nutzungsmöglichkeiten sind dabei breit gefächert: Für Ausstellungen, Festveranstaltungen und sportliche Aktivitäten hat die Eventkultur die innerstädtische Industriebrache für sich entdeckt.
Um das Denkmal von europäischem Rang wirtschaftlich zu nutzen und damit langfristig vor dem Abriss zu bewahren, wurden in einem Pilotprojekt mehrere Szenarien der möglichen Nachnutzung durchgespielt. Das Ganze fand im Rahmen eines Seminars für angehende Regierungsbaumeister statt. Das Institut für Entwerfen, Stadt und Landschaft der TU München bietet jedes Jahr im Auftrag der Obersten Baubehörde ein zehnwöchiges interdisziplinäres Seminar für die Baureferendare (ISB) an, das ein wesentlicher Bestandteil der zweijährigen Ausbildung zum Regierungsbaumeister ist.
Was 50 Diplomingenieure der Fachrichtungen Architektur, Bauingenieurwesen, Maschinenbau und Elektrotechnik hier in fachübergreifender Teamarbeit lernen, wurde in einem öffentlichen Vortrag deutlich. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der interdisziplinären Entwicklung von Planungsszenarien und Realisierungsstrategien. Bayernweit erhielten vier Gemeinden die Möglichkeit, ihre komplizierten Planungsfragen im Rahmen des ISB darzustellen und das Knowhow zukünftiger Führungskräfte der staatlichen und kommunalen Verwaltung in Anspruch zu nehmen.
Wie mit minimalen Umbaumaßnahmen große Wirkung erzielt werden kann, wurde am Beispiel eines ehemaligen Schulgebäudes aus den 1960er Jahren in der idyllisch-ländlichen Gemeinde Niederaudorf im Landkreis Rosenheim deutlich. Durch energetische Ertüchtigung der Fassade wurde hier dem Gebäude nicht nur ein neuer Charakter gegeben, sondern ein Mehrwert durch Energieeinsparung erzielt.

Leerstand
von Gebäuden


Verkehrsplanerische Konzepte und ganzheitliche Betrachtungsweise standen bei der Gemeinde Simbach am Inn im niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn im Vordergrund. Die an der Grenze zu Österreich gelegene Grenzstadt, die über die Innbrücke mit Braunau wie eine Nabelschur verbunden ist, leidet unter den klassischen Phänomenen vieler klein-städtischer Gemeinden der Peripheriezonen: Bevölkerungsrückgang, mit dem demografischen Wandel einhergehende Überalterung sowie Leerstand von Gebäuden.
Die beiden an der Bahn gelegenen Grenzstädte, die sich einst im 19. Jahrhundert voneinander weg entwickelt haben, sollen wieder zusammenwachsen. Dies kann realisiert werden durch Nachverdichtung der Innenstadt, Schaffung einer gemeinsamen grünen Mitte, Vermeidung von doppelten Service-Einrichtungen, Ausbau des defizitären ÖPNV sowie neue Verkehrsführungen mit Anbindung beider Städte an Umgehungsstraßen und Verkehrsberuhigung durch share space – der Idee gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer.
Österreich und Deutschland verbindet auch die Donaukraft Jochenstein AG. Sie ist Träger des Pumpspeicherkraftwerks Riedl bei Passau. Mit der Erweiterung des bestehenden Donaukraftwerks durch einen Energiespeicher soll ein Beitrag zur CO2-Reduktion sowie zu einer nachhaltigen Energiezukunft geleistet werden. Überschüssige Energie soll hier in Form von Wasser effizient und umweltfreundlich gespeichert und im Bedarfsfall rasch ins Stromnetz eingespeist werden. Bei der Bevölkerung ist dieses Großprojekt nicht unumstritten, weshalb die jungen Architekten und Ingenieure versucht haben, im Interessenkonflikt Lösungen mittels Mediation zu erarbeiten.

Reaktivierung
der Infrastruktur


Wie ein roter Faden zieht sich das Thema „erneuerbare Energien“ durch alle Projekte des diesjährigen ISB. Beim Speicherkraftwerk Riedl wie beim Gaswerk Augsburg heißt die neue Zauberformel Smart Grid: intelligente Steuerung von Stromerzeugung, -netzen, -speicherung und -verbrauch. Für Augsburg bedeutet das: Zu den Zeiten, in denen Strom im Überschuss im Netz vorhanden ist, soll dieser in einer Elektrolyse genutzt werden, in der Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten wird. Der erzeugte Wasserstoff wird in einer Methanisierungsanlage unter Zunahme von Kohlendioxid aus der Luft in Methan umgewandelt. Dieses Methan kann dann in den auf dem Gelände vorhandenen Gasbehältern gespeichert werden. Zu Spitzenlastzeiten kann das gespeicherte Methan verstromt und gleichzeitig die dabei anfallende Wärme genutzt werden.
Diese Form der Stromspeicherung zeichnet sich durch CO2-Neutralität aus. Für die Realisierung dieser Stromspeicherung kann die bereits im Gaswerk vorhandene Infrastruktur reaktiviert werden. Da nur ein Teil des alten Gaswerks für das beschriebene Energiekonzept benötigt wird, werden die übrigen Gebäude für ein Innovations- und Gründerzentrum und Zwischennutzungen verwendet. Als Nutzungsmöglichkeiten konkret angedacht wurden hier eine Laienwerkstatt, eine Sportfactory sowie Gas Vegas mit Spielbank, Hotel und Gastronomie.
(Angelika Irgens-Defregger)

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