Bauen

Auf ihrer Fahrt nach St. Emmeram fährt die Linie 16 auch unter der Mae-West-Skulptur durch. (Foto: SWM/MVG)

20.01.2012

Eine der modernsten Tramstrecken Europas

In München wurde das Straßenbahnnetz wieder verlängert – die Linie 16 fährt jetzt bis St. Emmeram

Seit dem 11. Dezember 2011 fährt die Straßenbahn der Linie 16 bis nach St. Emmeram: Das 75 Kilometer lange Tramnetz der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) ist damit pünktlich zum Fahrplanwechsel um weitere 4,3 Kilometer im Stadtbezirk Bogenhausen gewachsen. Die Neubaustrecke wird ganztägig von der neu über die Max-Weber-Platz geführte Linie 16 bedient – tagsüber im 10- und abends im 20-Minuten-Takt. Morgens fährt außerdem die ebenfalls neu geführte Linie 18 alle zehn Minuten vom Effnerplatz weiter nach St. Emmeram, um im Berufsverkehr und an Schultagen einen 5-Minuten-Takt herzustellen.
Die zweigleisige Strecke verläuft im Wesentlichen auf einem seit den 1960er Jahren freigehaltenen Mittelteiler in der Effner-, Englschalkinger- und Cosimastraße. Die Fahrzeit beträgt zwischen Effnerplatz und St. Emmeram etwa zwölf Minuten. Alle neun neuen Haltestellen ermöglichen einen barrierefreien Ein- und Ausstieg.
Elektronische Anzeigen für aktuelle Abfahrtszeiten (DFI) gibt es an fünf Haltestellen; für Fahrradständer ist an sieben Stationen Platz. Der mittlere Haltestellenabstand beträgt rund 460 Meter. Die MVG rechnet mit etwa 14 300 Fahrgästen pro Tag beziehungsweise 10 100 am stärksten Querschnitt. Die Kosten für die Neubaustrecke betrugen – inklusive Förderung durch den Freistaat Bayern – rund 43 Millionen Euro.
Bereits bei der vor zwei Jahren eröffneten Tram 23 in die Parkstadt Schwabing haben die Stadtwerke München (SWM) als Bauherr sowie die MVG viel Wert darauf gelegt, die technischen Anlagen attraktiv zu gestalten und ansprechend in das Stadtbild zu integrieren. Diesem Anspruch wird auch die Tram St. Emmeram gerecht: Eigene Gestaltungselemente verleihen der neuen Trasse ein hochwertiges, in München in dieser Form erstmals realisiertes Erscheinungsbild. Damit zählt die Neubaustrecke gestalterisch, aber auch technisch zu den modernsten Straßenbahnstrecken Europas. Sie steht Neubau-Projekten in anderen Metropolen in nichts nach.

Über 250 Bäume
neu gepflanzt


Die neue Tramstrecke zieht sich wie ein „grünes Band“ durch Bogenhausen und Oberföhring: „Grüne Gleise“ gehören zur Grundausstattung der Tram St. Emmeram. Die Schienen sind durchgängig von kurzem, dichten Rasen umgeben (außer Haltestellen und Überfahrten). Abseits des Fahrwegs, in den Randzonen zwischen Schiene und Straße, ist die Vegetation dagegen höher, bunter und heterogener. Hier wurden wiesenartige Flächen mit Blumen und Kräutern angelegt (die je nach Anpflanz-Zeitpunkt und Art teilweise erst im Frühjahr aufgehen).
Erstmals in München wurden auch die Bahnsteige in die Grüngestaltung einbezogen und damit optisch aufgewertet. Bis zu zwölf Bäume pro Haltestelle heben die Bahnsteige aus dem Straßenraum hervor und erzeugen eine angenehme Warteatmosphäre. In der Englschalkinger Straße wurden Robinien gepflanzt. In der Cosimastraße, am Effnerplatz und an der Endhaltestelle in St. Emme-ram stehen Gleditschien.
Mit über 250 Neupflanzungen vor Ort wurde der Kompensationsbedarf von rund 200 Bäumen deutlich übertroffen. Außerdem konnte der Alleecharakter der Baumstruktur vor allem in der Cosimastraße sichtbar gestärkt werden.
Die neue Linie ist nicht nur für all jene interessant, die an der Strecke wohnen oder arbeiten. Auch Ausflügler kommen auf ihre Kosten. Die Tram St. Emmeram hält unter anderem am Cosimabad, passiert die Kleingartenanlage Schlösselgarten und endet an der Oberföhriger Straße gleich gegenüber einem Biergarten und den Isarauen. Angebunden werden darüber hinaus öffentliche Einrichtungen wie das Umweltministerium, die Stadtbibliothek und Schulen wie zum Beispiel das Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium.
Die neue Tram kann sich auch in Bezug auf ihre technischen Einrichtungen sehen lassen. Sämtliche Anlagen für die Stromversorgung der Neubaustrecke wurden optisch ansprechend gestaltet.
Erstmals in München wurde ein neues, wesentlich einfacheres und zurückhaltendes System gewählt, das in besonderen Maße stadtbildverträglich ist. Es handelt sich dabei um eine Seilgleiter-Fahrleitung, die ohne Tragseil auskommt. Dies hat den Vorteil, dass auf der neuen Strecke insgesamt weniger Drähte zu sehen sind. Die anthrazitfarbenen runden Fahrleitungsmasten fallen besonders schlank aus und können überwiegend in der Mitte der Rasengleis-Trasse stehen. Auch deswegen ist das neue System im Straßenraum optisch weniger präsent. Die erneuerte Straßenbeleuchtung wurde in Material, Form und Farbe auf die Fahrleitungsmasten abgestimmt, um eine einheitliche Optik zu schaffen.
Die so genannten Gleichrichterwerke liefern den Strom für die Tram. Die neu errichtete Anlage an der Wendeschleife in St. Emmeram wurde optisch ansprechend mit Holz verkleidet. Besonders „schlank“ macht sich ihr Pendant am Effnerplatz. Hier ist die Stromversorgungstechnik in einem Komplex versteckt, der sich nach außen hin vor allem als einladend gestalteter Kioskbetrieb präsentiert.
Die Tram St. Emmeram ist Dank eigenem Gleiskörper und Beschleunigung schnell unterwegs und bietet beste Anbindungen – zum Beispiel zur U4 oder direkt in die Innenstadt.
Nahezu über die gesamte Länge fährt die Tram auf einem eigenen Bahnkörper baulich abgegrenzt vom übrigen Verkehr. In Kreuzungsbereichen sorgen Vorrangschaltungen und moderne Signal-technik dafür, dass die Straßenbahn beschleunigt passieren kann und gleichzeitig eine hohe Leistungsfähigkeit für alle Verkehrsteilnehmer erreicht wird. Dem Individualverkehr kommt aber auch die im Zuge des Gleisbaus erfolgte Erneuerung der Fahrbahn und der Straßenbeleuchtung zugute. Fußgänger und Radfahrer profitieren von neuen beziehungsweise erneuerten Fuß- und Radwegen.

Zahlreiche Umsteigemöglichkeiten


Die Tram ermöglicht umsteigefreie Direktverbindungen nach Haidhausen und in die Innenstadt. Die Züge brauchen beispielsweise vom Wiener Platz zum Cosimabad etwa 13 und vom Arabellapark zum Isartor rund 16 Minuten. Wer lieber U-Bahn fährt, kann am Arabellapark auf die U4 umsteigen, die in elf Minuten den Hauptbahnhof und dort alle S-Bahnlinien, drei weitere U-Bahnlinien und den Regional- und Fernverkehr erreicht.
Entlang der Neubaustrecke bestehen außerdem Umsteigemöglichkeiten von und zu den Buslinien 50, 154, 184, 185, 188, 189 und 232. Die Bushaltestellen wurden teilweise neu positioniert, um die Umsteigewege von und zur Tram zu optimieren. An der neu geschaffenen Haltestelle Cosimabad nutzen Tram und Bus das ÖPNV-Planum in der Mitte der Englschalkinger Straße gemeinsam und bieten damit besonders günstige Umsteigemöglichkeiten. Die Buslinie 59 wird durch die Tram St. Emmeram ersetzt. Nachts verkehrt der NachtBus N42 (Herkomerplatz – St. Emmeram). Am Effnerplatz sorgt eine Nummerierung der Gleise in Verbindung mit einer elekronischen Abfahrtstafel für einen schnellen Überblick bezüglich der nächsten Abfahrtsmöglichkeiten in Richtung Innenstadt.
Anlass für die Planung und den Bau der neuen Tramstrecke im Münchner Osten war und ist die rasante städtebauliche Entwicklung der Stadtteile Bogenhausen und Oberföhring. Inzwischen sind weite Teile der Bebauung entlang der Effner- und Cosimastraße realisiert, die übrigen sind in Planung oder bereits im Bau (zum Beispiel die Umnutzung der ehemaligen Prinz-Eugen-Kaserne). Die neue Tramstrecke wird erheblich zur Stärkung des Standorts Bogenhausen beitragen. In ihrem Einzugsbereich wird in absehbarer Zeit ein zusätzliches Potenzial von insgesamt rund 5000 Einwohnern und etwa 900 zusätzlichen Arbeitsplätzen hochwertig erschlossen. Dies ist mit der weiter entfernt liegenden U 4 im Süden allein sowie mit Bussen nicht zu gewährleisten.
MVG-Chef Herbert König: „Mit der Tram St. Emmeram setzen wir den Ausbau der Münchner Straßenbahn und ihre Revitalisierung konsequent und auf Grundlage des städtischen Nahverkehrsplans fort. Die Neubaustrecke gehört zu den modernsten Tramtrassen in Europa, setzt neue optische Maßstäbe und leistet damit auch in stadtgestalterischer Hinsicht eine herausragenden Beitrag. Für Bogenhausen und Oberföhring ist die Tram darüber hinaus ein echter Standortfaktor, der den gesamten 13. Stadtbezirk aufwertet. Die attraktive öffentliche Verkehrserschließung mit der Straßenbahn steht dabei vor allem für eine Reduzierung des Verkehrsaufkommens. Wer dessen Notwendigkeit bezweifelt, sollte sich bewusst machen: Angesichts des anstehenden Wachstums des Stadtteils ist mit einem massiven Verkehrswachstum zu rechnen. Alle neuen Bewohner nehmen die gleiche Mobilität für sich in Anspruch. Die Frage ist daher nicht, ob es mehr Verkehr gibt, sondern wie. Das ganze Viertel profitiert von der neuen und attraktiven Tram, ob als Nutzer oder nur als Anwohner.“
Die Erweiterung im Münchner Nordosten steht für die Renaissance der Trambahn in der Landeshauptstadt. Das Straßenbahn-Netz ist in gut 15 Jahren um mehr als 20 Prozent von 65 auf 79 Kilometer erweitert und komplett beschleunigt worden. Außerdem haben die SWM rund 55 Prozent der bestehenden Gleisanlagen modernisiert. Revitalisierung und Ausbau sind auch wesentliche Gründe dafür, dass die Fahrgastzahlen bei der Tram seit 1995 überproportional um knapp 30 Prozent zugelegt haben.
Künstlerisches Highlight der Strecke ist die Durchquerung des 52 Meter hohen „Mae West“ am Effnerplatz. Schöpferin des vom Baureferat errichteten Kunstbauwerks ist Rita McBride. Aber auch der Kiosk samt Gleichrichterwerk kann sich sehen lassen. (BSZ)

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