Bauen

Diese Balkonbrüstung schmückte ein Austragshaus in der Jachenau. (Foto: Michael Forstner)

01.08.2014

Eine einmalige Schatzkiste

Das Bayerische Bauarchiv in Thierhaupten wird weiter gemeinsam vom Freistaat und dem Bezirk Schwaben finanziert

Im Norden von Augsburg, am Rande des Lechrains, liegt das Kloster Thierhaupten. Das 1803 säkularisierte Benediktinerkloster zählt zu den frühen bayerischen Klostergründungen an der Westgrenze des agilolfingischen Herrschaftsgebiets. Es soll der Legende nach von Herzog Tassilo in der Mitte des 8. Jahrhunderts gegründet worden sein und gehört damit zu den ältesten Klöstern in Bayern. Über 1000 Jahre wirkten hier, an der Nahtstelle des altbayerisch-schwäbischen Raumes, bis zur Säkularisation die Söhne des heiligen Benedikt. Die 1170 erbaute und im Kern romanisch gebliebene Basilika erhielt zusammen mit den Konvent- und Ökonomiegebäuden im 18. Jahrhundert nach Plänen von Johann Jakob Herkomer ihr heutiges barockes Aussehen.
Nach 180 Jahren privater, gutsherrschaftlicher Nutzung sicherte der Markt Thierhaupten 1983 durch den Kauf (Kaufpreis: 1,5 Millionen Mark) die in vielen Bereichen ruinöse Klosteranlage und legte damit den Grundstock für die dringend notwendige und umfangreiche Substanzsicherung und Sanierung, die gemeinsam vom Freistaat Bayern, dem Bezirk Schwaben, dem Landkreis Augsburg und der Gemeinde selbst getragen wurde. Insgesamt 36 Millionen Mark wurden laut Toni Brugger, Thierhauptens Bürgermeister, in das Sanierungs- und Nutzungskonzept investiert – 11,2 Millionen Mark kamen von der Städtebauförderung, zehn Millionen Mark aus dem Entschädigungsfonds, 3,3 Millionen Mark vom Bezirk Schwaben, 2,3 Millionen Mark vom Landkreis Augsburg, 300 000 Mark von der Bayerischen Landesstiftung und 5,9 Millionen Mark vom Markt Thierhaupten.

Ein Bildungs-
und Kulturzentrum


Darüber hinaus investierte die Marktgemeinde laut Brugger nochmals 5,8 Millionen Mark in die Ausstattung. Trotz der enormen Investitionen ist der Markt Thierhaupten glücklich über das Kloster, so der Bürgermeister. Mit dem neuen Nutzungskonzept begann gleichzeitig auch ein neuer Zeitabschnitt für das historische Baudenkmal. Denn damit besitzt der Markt jetzt ein Bildungs- und Kulturzentrum mit der Schule für Dorf- und Landesentwicklung sowie der Außenstelle Schwaben der Abteilung für Vor- und Frühgeschichte des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege und nicht zuletzt das Bauarchiv mit den Werkstätten für Holz, Mineralien und Nassholzkonservierung.
Das Bauarchiv in Thierhaupten, das dort seit 1989 seinen Sitz hat, bietet ein deutschlandweit einzigartiges Angebot: eine umfangreiche Sammlung historischer Bauteile, Werkstätten mehrerer Restaurierungsfachbereiche und ein Seminar- und Beratungsangebot zu aktuellen Fragen der Denkmalpflege. Grundstein hierfür ist die enge Zusammenarbeit zwischen dem Bezirk Schwaben und dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, der bereits am 7. März 1991 gelegt wurde. Seither bauten die Mitarbeiter im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege eine umfangreiche historische Sammlung mit über 5000 Exponaten auf rund 4000 Quadratmetern Fläche auf, die heute eine der größten Sammlungen dieser Art in Deutschland ist.
Die Bandbreite der Sammlung reicht von Fragmenten römischer Gebäude bis hin zu Bauteilen des Münchner Olympiastadions. Historische Türen, Fenster, Ziegel zählen ebenso dazu wie Modelle von Dachtragwerken. Ein beeindruckendes Beispiel ist hier sicherlich das Modell vom Dachtragwerk der Wieskirche im Maßstab 1:10. Das Archiv folgt der Idee, von der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft zu lernen. In den Werkstätten des Bauarchivs werden Erhaltungstechniken und Verfahren für die Praxis erprobt. In Thierhaupten befinden sich auch, wie bereits erwähnt, die Restaurierungswerkstätten für Holzkonstruktion und Mauerwerk und Putze.
Bereits im April 2014 haben der Freistaat Bayern und der Bezirk Schwaben die Fortsetzung der erfolgreichen Kooperation besiegelt. Diese Zusammenarbeit ist nun bis Ende 2025 beschlossen. Der Bezirk trägt dabei die Miet- und Bewirtschaftungskosten, der Freistaat die Personal- und Investitionskosten.

Das Herzstück ist
die Bauteilesammlung


Das Bayerische Bauarchiv dient dabei nicht nur als Sammlung historischer Bauteile, sondern organisiert darüber hinaus auch Fortbildungsveranstaltungen zu denkmalfachlichen Themen. Dieses Angebot richtet sich an Handwerker, Restauratoren, Planer, Vertreter von Hochschul- und Forschungseinrichtungen, kommunale Entscheidungsträger und selbstverständlich auch an Denkmaleigentümer. Bei der Durchführung von Fortbildungsveranstaltungen wird es verstärkt Kooperation mit Partnern aus Handwerk, berufsständischen Organisationen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie dem „Verein zur Förderung der Handwerkerfortbildung in praktischer Altbau- und Denkmalpflege e.V“ geben. Ein spezielles Angebot an Jugendliche rundet das zukünftig sehr breit angelegte Fortbildungsangebot ab.
Als Juwel bezeichnet Mathias Pfeil, Generalkonservator des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, das Bauarchiv, dessen Herzstück seiner Ansicht nach die Bauteilesammlung ist. Er bezeichnet es als „Großtat“ der Gemeinde Thierhaupten, „sich das Kloster ans Bein zu binden“. Mit alten Gebäuden könne man heute gut leben, so der Generalkonservator. „Mit alt kann man auch modern sein.“ Gleichzeitig bewahre man durch Denkmalschutz und Denkmalpflege Kultur und zeige anschaulich Geschichte. Denn Heimat ist für Pfeil kein negativer Begriff, sondern „ist unser Ursprung“.
Im Bauarchiv soll Wissen tradiert werden, sagt Referatsleiterin Julia Ludwar, denn früher wurde repariert und nicht weggeworfen. Gleichzeitig will man dokumentieren, was einmal „in“ war. So findet man hier nicht nur Bayerns ältestes Fenster, um 800, sondern auch eine moderne Aluminiumtür aus den 1970er Jahren. Dabei spielt nicht die Ästhetik eine Rolle, sondern das Bauteil selbst. Ludwar kann sich auch vorstellen, dass zum Beispiel die historische Haustechnik ein neues Sammelgebiet des Bauarchivs werden kann.
„Der Betrieb dieser Einrichtung ist ein Musterbeispiel gelungener Kooperation über mehrere Ebenen der kommunalen Familie hinweg“, so Schwabens Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert. Der Kauf des Klosters durch den Markt sei eine weise und zukunftsorientierte Entscheidung gewesen. Landrat Martin Sailer betont die Bedeutung Thierhauptens als ein bedeutendes Bildungszentrum der Region. Da das Bauarchiv nicht im Verborgenen arbeiten soll und will, so Pfeil, werden auch öffentliche Führungen auf Anfrage zusätzlich angeboten. Und der Bezirk Schwaben will laut Reichert das Kloster in den Blick der Öffentlichkeit stellen, um so auch eine breite Wirkung zu erzielen.
Um eben diese breite Wirkung zu erzielen, findet heuer die Auftaktveranstaltung sowie der Tag des offenen Denkmals – 13./14. September 2014 – im Kloster Thierhaupten statt. (Friedrich H. Hettler)

(Landrat Martin Sailer, Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert, Generalkonservator Mathias Pfeil und Bürgermeister Toni Brugger (v.l.) präsentieren das Plakat für den diesjährigen Tag des offenen Denkmals; Kloster Thierhaupten; Blick in die Werkstatt für mineralische Baustoffe und Konstruktionen; Fenster an Fenster; handgeschmiedete Eisennägel und Fensterläden - Fotos: Andreas Lode/Michael Forstner)

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