Bauen

Die aufgefrischte Bibliothek in der Altstadt. (Foto: Wiegand)

09.08.2017

Es wird geackert und gebaggert

Paphos: Der Kulturhauptstadt-Titel beflügelt die Bauwirtschaft

Paphos ist – neben dem dänischen Aarhus – Kulturhauptstadt Europas 2017. Das eröffnet der Stadt an Zyperns Südwestküste neue Chancen, geht es doch beim Auswahlverfahren nicht darum, einer urbanen Beauty mit teurem Festprogramm den begehrten Titel zu verleihen. Vielmehr sollen Entwicklungen angestoßen und gefördert werden, die bisher versäumt wurden oder nicht finanzierbar waren. Es geht um nachhaltige Verbesserungen für die Bewohner in dem Wissen, dass bei einer erfolgreichen Bewerbung stets Gelder fließen, die bisher Unmögliches möglich machen.

In Paphos fehlt so manches. Die Stadt besitzt weder einen Konzertsaal noch ein Opernhaus und auch die Rekonstruktion des früheren Markideion-Theaters hat sich verzögert. Im Sommer soll es bespielbar sein. Doch Paphos weiß sich helfen und nutzt erhaltene oder ausgegrabene Bauten aus seiner 2300-jährigen Geschichte mitsamt ihren Kunstschätzen als Spielorte für das Programm. Das aber erlaubt keine großen Sprünge. „Statt der ursprünglichen 15 Millionen Euro standen uns nach der Finanzkrise nur noch fünf Millionen zur Verfügung“, sagt Georgia Doetzer, die künstlerische Leiterin von Pafos2017 in bestem Deutsch. Es ist das kleinste Budget aller bisherigen Kulturhauptstädte und auch bei der Bevölkerung ist das Geld noch knapp. Daher gibt es vieles gratis und draußen, das warme Sommerwetter erlaubt das. Selbst das Konzert der Berliner Philharmoniker erklang unter freiem Himmel vor der mittelalterlichen Hafenfestung. Ein großartiger Hintergrund.

Der nahe archäologische Park mit den ausgegrabenen Römer-Villen, in seiner Gesamtheit ein UNESCO-Weltkulturerbe, wird ebenfalls genutzt. Das Theaterstück „Lysistrata“ läuft dort im Haus des Aion mit seinen herrlichen Mosaikböden. Angesichts dieser Pracht müsste jeder Bühnenbildner erblassen. Die Besucher werden sich auch die fabelhaften Mosaike im Haus des Theseus und des Dionysos anschauen, die viele Geschichten erzählen, auch die tragische von Pyramus und Thisbe, die antike Version von Romeo und Julia.

Noch weit ältere Bauten umschließt ein zweiter, weiter nördlich gelegener archäologischer Park im einstigen Nea-Paphos; die sogenannten Königsgräber. Der Name trügt. „Es waren reiche Bürger, die im 3. Jahrhundert v. Chr. diese aufwendigen Grabanlagen bauen ließen“, erklärt Guide Eugenios Neofytou. Winzig wirken die Menschen, die von oben in die gewaltigen Gräber hineinschauen.
Diese große Vergangenheit ist die eine Seite der Medaille, das heutige Paphos die andere, eine Stadt in einem geteilten Land, in dem man bisher vergeblich auf die Wiedervereinigung hofft. „Wir müssen optimistisch sein“, sagt Georgia Doetzer. Immerhin ist die Grenze durchlässig, die Menschen pendeln hin und her. Künstler aus dem griechischen und dem türkischen Teil gestalten das Kulturhauptstadtjahr.

Karawanserei zu
neuem Leben erweckt

Paphos selbst hat ebenfalls zwei Seiten. Die untere Stadt (Kato Paphos) rund um den hübschen Hafen ist mit seinen modernen Hotels am Meer samt dem Spitzenreiter „Alexander the Great“ ein beliebtes Urlauberziel. Die hügelan gelegene Altstadt wurde dagegen jahrelang vernachlässigt. Gerade ihr kommt der Kulturhauptstadt-Effekt zugute. Nun wird geackert und gebaggert, werden zur Freude der Bewohner Plätze, Straßen und Häuser saniert. Der weitläufige Rathausplatz ist schon fertig, blütenweiß erstrahlt dort die 1946 errichtete klassizistische Bibliothek.

Ein Architektenteam hat die ehemalige Karawanserei Ibrahim’s Khan zu neuem Leben erweckt. Das nicht mehr genutzte Kino verwandelt sich in ein Multimedia-Center. Investitionen von bleibendem Wert. Doch was wären Paphos und seine Insel ohne die jahrhundertealten Kirchen und Klöster. Für die Zyprioten geht wohl nichts über die nur 1,20 Meter messende Paulus-Säule. Im Jahr 45 n. Chr. soll der Apostel auf Zypern gelandet und an dieser Säule ausgepeitscht worden sein.
Die Kirche Agia Kyriaki Chrysopolitissa im Hintergrund, errichtet auf den noch erkennbaren Fundamenten einer siebenschiffigen Basilika, stammt aus dem 13. Jahrhundert. Architektonisch bemerkenswerter ist die 5-kuppelige byzantinische Kirche Agia Paraskevi aus dem 9. Jahrhundert im Dorf Geroskipou gleich hinter Paphos’ östlichem Stadtrand. Ein Trutzbau mit einem Turm aus dem 17. Jahrhundert.

Eine Fundgrube für Architektur- und Kunstliebhaber sind die Klöster im Troodos-Gebirge. Das reichste und berühmteste, das Kykkos-Kloster, wurde um 1200 gegründet. Wegen der angeblich vom Evangelisten Lukas gemalten, jedoch verhüllten Marien-Ikone kommen die Menschen in Scharen. Da öfter Brände das Kloster beschädigt haben, musste vieles erneuert werden. Das ist unverkennbar. Der Eingangsbereich mit Malereien aus den 1990er Jahren wirkt auf weniger Fromme ernüchternd.
Weitaus authentischer zeigt sich das im gleichen Jahrhundert gegründete Chrysorrogiatissa-Kloster. Dort hat man behutsam saniert, die mystische Aura ist noch erhalten. Hier wird ebenfalls eine dem Evangelisten Lukas zugeschriebene Marien-Ikone verehrt. Dennoch herrscht angenehme Stille, in der die alten Steine zu flüstern scheinen.

Als größte Überraschung bleibt die byzantinische, 1474 ausgemalte St. Michaelskirche im Bergdorf Pedoulas in Erinnerung. Nicht das neue weiße Gotteshaus ist gemeint, sondern das versteckte Scheunendachkirchlein. Ein schlichter Natursteinbau, dessen Dach auf der Wetterseite zum Schutz gegen Feuchtigkeit bis zum Boden reicht. Drinnen verblüffen die leuchtenden Fresken-Zyklen, die die Wände schmücken. „Die wurden nur gereinigt, nicht restauriert“, erklärt Eugenios. Wenn’s stimmt, wäre es fast ein Wunder. (Ursula Wiegand)

(Altstadtsanierung in Paphos; Grab Nummer 8 der sogenannten Königsgräber in kubischer Form und die Michaelskirche in Pedoulas - Fotos: Wiegand)

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