Bauen

War eine bautechnische Herausforderung, die Thermenwelt Erding. (Foto: Thermenwelt Erding)

12.07.2013

Facettenreich wie kaum ein anderer Bereich

Bautechnik: Was ist das eigentlich genau?

Als ich gefragt wurde, die erste Bautechnik-Seite in der Bayerischen Staatszeitung inhaltlich zu gestalten, da habe ich mir zunächst die Frage gestellt, was umfasst eigentlich die Bautechnik? Wie facettenreich ist sie? Ich habe mich an einen ruhigen Ort gesetzt und mir Stichpunkte aufgeschrieben, die schier nicht enden wollten. Als ich sie dann systematisieren wollte, da fiel mir ein, dass sich in der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau die Kolleginnen und Kollegen Bautechnik-Fachgruppen zuordnen – siehe www.planersuche.de. Genau elf Fachgruppen gibt es, die insgesamt 101 Untergliederungen aufweisen. Diese Vielfalt hat selbst mich erstaunt.
Die Fachgruppen gliedern sich in: Konstruktiver Ingenieurbau und Hochbau, Projekt- und Objektmanagement, Vermessung und Geoinformation, Wasser und Abwasser und Abfall, Verkehrswesen und Raumplanung, Geotechnik, Bauphysik, Technische Ausrüstung, Elektrotechnik, Baubetrieb, Umwelt und Energie. Schaut man sich die Fachbeiträge der Zeitschrift „Bautechnik“ an, so findet man rund 40 Fachbereiche, die wiederum anders zugeordnet sind als die Fachgruppen der Kammern. Was schließen wir daraus? Eine einheitliche Definition für „Bautechnik“ gibt es nicht. Bautechnik ist wahnsinnig vielfältig.
Ein anderer Zugang zur Erfassung der Vielfalt der Bautechnik ergibt sich durch die Beantwortung der Frage, arbeiten in der Bautechnik eigentlich nur Bauingenieure? Die Antwort ist: Nein! Am „Bau“ arbeiten Architekten, Bauingenieure, Geodäten, Geophysiker, Geologen, Physiker, Chemiker, Informatiker, Elektroingenieure, Maschinenbauer, Anlagentechniker, Biologen, Geografen, Wirtschaftsingenieure, Betriebswirte, Mediatoren, Designer, Künstler und Juristen.
Jetzt mag der geneigte Leser fragen, womit beschäftigen sich diese Fachleute denn den ganzen Tag? Diesbezüglich möchte ich auf eine Kolumne in der Staatszeitung meines Kollegen Werner Weigl zurückgreifen, der unlängst geschrieben hat: „Beim Aufstehen morgens tritt man auf eine Stahlbetondecke, die meist ein Bauingenieur berechnet hat. Man geht ins Badezimmer, benutzt die Toilette: Die dabei entstehenden Abwässer werden mit von Ingenieuren geplanten Kanälen gesammelt und in von Ingenieuren geplanten Kläranlagen gereinigt. Beim Händewaschen und Zähneputzen erwarten wir sauberes Trinkwasser. Gewinnung, Aufbereitung und Netze planen am Bau tätige Ingenieure. Auf dem Weg zur Arbeit benutzen wir von Bauingenieuren geplante Straßen und Schienen. Die Standsicherheit der Gebäude für unsere Arbeitsplätze und die Schulen haben Bauingenieure als Tragwerksplaner berechnet. Ingenieure … haben bei deren Bau sichergestellt, dass das Risiko eines Brandes auf ein Minimum reduziert wird.“
Nun sind wir erst am Beginn eines Arbeitstags und sind bereits sieben verschiedenen Arbeitsbereichen der Bautechnik begegnet. Meistens nehmen Laien die Ingenieurleistungen erst dann wahr, wenn etwas einmal nicht funktioniert. Einerseits wird davon ausgegangen, dass alles funktioniert und sicher ist, andererseits müssen wir strukturbedingte Nutzungseinschränkungen zum Beispiel von Verkehrswegen hinnehmen, die Schließung von Turnhallen, einen „blackout“ in München (15. November 2012) erleben oder die Beeinträchtigungen im Hochwasserfall. Und dann stellt sich die Frage, wäre das zu verhindern gewesen? Die Antwort lautet: Im Prinzip ja.

Risiko und Sicherheit
sind miteinander verbunden


Theoretisch können wir bautechnisch alles sicher machen. Doch die Gesellschaft hat sich vor dem Hintergrund von Risikoakzeptanz und bezahlbarer Sicherheit eine Sicherheit auferlegt, die relativ ist. Risiko und Sicherheit sind untrennbar miteinander verbunden. Absolute Sicherheit gibt es nicht.
Welche Unsicherheiten und Herausforderungen beschäftigen uns derzeit im Hinblick auf die Bautechnik ganz besonders? Da haben wir Klimawandel und Energiegewinnung sowie Alterung von Gesellschaft und Infrastruktur sowie Urbanisierung. Die Nachhaltigkeit erfordert Ressourcen schonendes Bauen und das Wiederverwerten von Baustoffen. Das sind gigantische Herausforderungen, die wir zu lösen haben.
Wenn das definierte Jahrhunderthochwasser mittlerweile alle paar Jahre auftritt, dann ist das Jahrhunderthochwasser neu zu definieren, mit entsprechenden Folgekosten für die Ertüchtigung der Bestandsinfrastruktur. Die Lastmodelle für Naturereignisse und Verkehr müssen ständig überarbeitet werden. Man denke an die neuen Schneelastmodelle nach dem Winter 2005/2006 (Bad-Reichenhall-Unglück), die heftig diskutiert wurden. Der Energiewandel erfordert von den Ingenieuren die Umsetzung komplexer Infrastrukturprojekte. Die alternde Bevölkerung erwartet nicht nur Barrierefreiheit, sondern klimafreundliche Gebäude und eine auf Ältere abgestimmte (Notfall-)Versorgung.
Ein Großteil unserer Infrastruktur ist in die Jahre gekommen. Gebäude werden für eine Nutzungsdauer von 50 Jahren ausgelegt, Ingenieurbauwerke für 100 Jahre. Somit stellt sich die Frage nach der Resttragfähigkeit baulicher Anlagen, die wir heute nicht sicher beantworten können. Arbeiten wir in einem Umfeld sicherer Unsicherheit oder in einer unsicheren Sicherheit? Die Folgen der Urbanisierung können wir noch gar nicht abschätzen.
Bautechnik ist mehr denn je gesellschaftlich verflochten. Deshalb hat die Universität der Bundeswehr in München das Forschungszentrum RISK (Risiko, Infrastruktur, Sicherheit und Konflikt) gegründet. Bautechnik entwickelt die Gesellschaft und ist ihr verpflichtet. Bautechnik ist so faszinierend wie der Mensch und die Gesellschaft faszinierend sind.
(Norbert Gebbeken - Der Autor ist zweiter Vizepräsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau)

(Hebauf eines vormontierten fahrbaren Dachs - Foto: Gebbeken)

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