Bauen

Das Biblische Haus in der Neißstraße 29. (Foto: Wiegand)

16.09.2011

Farbenfrohes Gesamtkunstwerk

Görlitz - Lexikon für Architekturgeschichte und Restaurierung

Görlitz ist die schönste Stadt Deutschlands“, sagt Gottfried Kiesow, bis Ende 2010 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Wie ein Lexikon der Architekturgeschichte und ganz ohne Bausünden bietet sich die Altstadt dar. Romanik, Gotik, Renaissance, Barock und Historismus – all das nur wenige Kopfsteinpflasterschritte voneinander entfernt. Besucher sind begeistert. Der Blick aus dem Hotel Börse, einem Barockbau, zeigt prachtvolle Renaissancehäuser, so das Haus Nr. 23 mit dem schönen Volutengiebel, erbaut 1536. An der Ecke die ehemalige Ratsapotheke von 1552, verziert mit zwei Sonnenuhren. Die pastellfarbene Bemalung wurde 1999 unter Putzschichten entdeckt und fein restauriert. Über die Dächer ragen die Türme der Peterskirche.
„Vor der Wende war Görlitz genauso grau wie die übrigen Städte in der DDR“, sagt Stadtführer Rudolf Hippe. Kaum vorstellbar angesichts der leuchtenden Farben. Nur das um 1235 errichtete romanische Westportal der Peterskirche zeigt sich historisch schlicht, aber mit reicher Ornamentik.
Görlitz erweist sich als Lehrbuch der Restaurierung. Schon die Hausportale in der Brüderstraße 10 und 11 oder das in der Langenstraße 1 lassen staunen und schmunzeln. In der Neißstraße 19 fällt ein rotes Barockportal mit güldenen Beschlägen auf. „Gott hilft, Gott hat geholfen, Gott wird helfen“, steht auf dem Schlussstein darüber. Als offenes Buch gibt sich das Biblische Haus in der Neißstraße 29. Hochrenaissance von 1572. Auf den Brüstungsfeldern im 1. und 2. Obergeschoss sind Szenen aus dem Alten und Neuen Testament dargestellt.
Görlitz’ Blütezeit begann nach dem Stadtbrand von 1525. Ausschlaggebend war die günstige Lage auf der „via regia“, dem Handels- und Pilgerweg von Kiew nach Santiago de Compostela. Auch Städte wie Nürnberg und Augsburg nutzten diese europaweite Verbindung.
Görlitz exportierte vor allem feine Tuchwaren. Davon künden noch immer die Hallenhäuser der reichen Kaufleute. Hinter repräsentativen Fassaden verbergen sich diese bis ins zweite Stockwerk hinauf reichenden Hallen. Durch breite Portale gelangten die hoch beladenen Fuhrwerke ins Haus und wurden dort be- und entladen. Paradebeispiel ist der leuchtend rote Schönhof, errichtet 1526. Nomen est omen. Wendel Roßkopf schuf dieses deutschlandweit erste Bürgerhaus im Renaissancestil und mit der Rathaustreppe gegenüber ein weiteres Meisterwerk.

Der Obermarkt
mit dem Napoleonhaus


„Typisch für die Görlitzer Renaissance ist die Verbindung der Fenster durch Gesimse und Pilaster. Oft sind sie kanaliert und haben schöne Kapitelle und Sockel“, erklärt Hippe. All das sieht der Soldat auf einer der beiden Rathausturmuhren genau. Jede Minute reißt er die Augen auf. Der Legende nach muss er das tun, weil er während der Wache eingeschlafen war. Hinter dem Rathaus öffnet sich der Obermarkt mit dem barockisierten „Napoleonhaus“ und der gotischen Dreifaltigkeitskirche, einst Teil des Franziskanerklosters. Görlitz besitzt sogar ein Heiliges Grab, veranlasst von Georg Emmerich. Von einer Bußreise nach Jerusalem hatte er Skizzen mitgebracht und ließ hier ein Pendant errichten. Da das dortige Heilige Grab inzwischen verändert wurde, ist das in Görlitz nun originaler als das Original.
Dass sich die Stadt als farbenfrohes Gesamtkunstwerk präsentiert, ist nicht zuletzt einem geheimnisvollen Wohltäter zu verdanken, der seit 1995 jährlich gut 500 000 Euro für die Restaurierung spendet. Mehr als 600 Gebäude konnten dadurch saniert werden, auch die großartigen Gründerzeitbauten jenseits der Altstadt. Ausgehend vom Brautwiesenplatz reihen sie sich wie Perlen auf einer Schnur, so in der Landeskronstraße, der Berliner- und der Jakobstraße. In diesen großstädtischen Häuserzeilen wohnten einst pensionierte Beamte und Offiziere aus Berlin. Fabrikanten bauten sich in der Augustastraße feine Villen. Görlitz hatte zu Kaisers Zeiten 100 000 Einwohner. Heute sind es nur noch 55 000. (Ursula Wiegand)

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