Bauen

Der U-Bahn-Auf- und -Abgang Kaulbachplatz. (Foto: Schweinfurth)

27.01.2012

Fließender Formen-Kanon

Die Nürnberger U-Bahn-Linie 3 zwischen Friedrich-Ebert-Platz und Kaulbachplatz

Der U-Bahnhof Kaulbachplatz der Linie 3 in Nürnberg erstreckt sich unterirdisch in Ost-West-Ausrichtung unter der Schweppermannstraße. Das rund 240 Meter lange und etwa acht Meter tiefe Bahnhofsbauwerk wurde in offener Bauweise errichtet. Mit der Fertigstellung des Bahnhofs geht der 45. U-Bahnhof in Nürnberg/Fürth „ans Netz“.
Noch bevor die ersten Entwürfe für den U-Bahnhof Kaulbachplatz entstanden, war klar, dass das vom Jugendstil geprägte Stadtquartier Zurückhaltung in der Gestalt verlangt, nicht zuletzt auch wegen des relativ schmalen Straßenraums. Inspiriert von der naturnahen Wissenschaft und Formensprache der Bionik wurde eine organische Bauform gesucht und entwickelt, die als gestalterischer Pol zur floralen Jugendstil-Umgebung formuliert ist, erklärt das mit der Planung beauftragte Architekturbüro Haid + Partner.
Durch geschwungene Konturen der Baukörper entsteht ein fließender Formenkanon, der mit den dekorativen Stilelementen des Jugendstils einen lebendigen Dialog aufnimmt. So war es möglich, dem vorhandenen prächtigen Umfeld einerseits einen aktuellen Kontrapunkt zu geben, andererseits aber nicht die „sanfte Linie“ natürlicher Formgebung zu verlassen. Entstanden ist nach Ansicht des Planungsbüros eine zeitgemäße Architektur mit minimalistischer Dimension und reduziertem Materialeinsatz.
Der Aufzugsturm erhält dieselbe dynamische Grundgestalt wie die Bahnhofsaufgänge, die jeweils einen Übergangsraum vom oberirdischen Stadtraum zum unterirdischen Objektraum markieren.
Die einheitliche Gestaltqualität aller drei Baukörper erlaubt die Wahrnehmung als Ganzes, als ein zusammengehörendes Kontinuum, schreiben Haid + Partner. Dieser als „Bionik-Variante“ bezeichnete Entwurf fand im Nürnberger Baureferat Zustimmung; die Festlegung hierauf erfolgte Anfang 2005.
U-Bahn-Bauten haben immer auch etwas Faszinierendes, denn sie fördern etwas bislang nicht Sichtbares, Unbekanntes zutage. So auch beim aktuellen U-Bahnhof Kaulbachplatz. Wie ein geheimnisvolles Wesen schiebt sich der Baukörper aus dem Erdboden: „Eine imposante Manifestation der Verwerfungen im Untergrund“, so die Architekten.
Innovativ ist die Form des Baukörpers: Zwei „dynamisch” mit geschwungenen Konturen, der Bewegung folgende, geformte Scheiben stehen längs im relativ schmalen Straßenraum und halten so die lineare Richtung in der Straßenachse offen. Zwischen den parallelen, glatt geschalten Betonscheiben spannen Glasschwerter, die das Auflager für die transparente Glasdachfläche bilden. Diese folgt den Konturen der organisch geformten Seitenwände und setzt sich bis zur Bahnsteigdecke fort. Die seitlichen Wandscheiben haben ellipsoide Öffnungen. So entsteht eine netzartige zellulare Struktur der Fläche und löst diese auf. Überraschende Blickbezüge und eine interessante Lichtführung werden hierdurch geschaffen, betonen Haid + Partner.
Im Gegensatz zum schräg verlaufenden Bewegungsablauf an den Aufgängen erfolgt im Aufzug ein vertikaler Bewegungsablauf. Folglich sind die Wandscheiben vertikal gerichtet. Die Scheiben für die Dachverglasung stehen wiederum längs gerichtet im Straßenraum und bewirken so die größtmögliche Öffnung für den Straßenraum. Die Form des Dachs bildet gleichzeitig den gedeckten Zugang zum Aufzugskorb. Eine Betonwandscheibe wird durchgesteckt bis zur Aufzugsschachtgrube. An dieser Scheibe gleitet lotrecht der Fahrkorb. Die Deckenöffnung im Straßenraum dient einerseits dem natürlichen Lichteinfall in die Bahnsteighalle und insbesondere der Entrauchung im Brandfall.
In der Bahnsteighalle soll die Dynamik im Raum durch eine verstärkte Linearität deutlich werden, erklärt das Architekturbüro. Die gewählte Rohbaukonstruktion ergibt einen differenzierten Raum: die beiden Gleisbereiche sowie die Wartehalle für die Fahrgäste. Während in den Gleisbereichen Geschwindigkeit und Bewegung zum Ausdruck kommen sollen, wird für die Gäste das statische Moment der Bahnsteigebene thematisiert. Mit der Gestaltung von Boden, Wänden und Decken entsteht ein dreischiffiger Raum mit einem statischen und einem dynamischen Moment.
Der Bahnsteig wird an der Decke mit zwei fischbauchigen Lichtbändern parallel mit der Bahnsteigkante gefasst. An der Decke über den Gleisen verlaufen lineare Deckensegel, die einen nach oben sich weitenden Raumeindruck suggerieren. Durch die rückseitige, mit weißem Material hinterlegte Lochblechausführung ist eine entsprechend gedämpfte Akustik zu erwarten. Oberhalb der Wartezone wurde die Deckenfläche in Sichtbeton mit gliedernden Fugen umgesetzt. Die Bodenfläche zeigt sich in einem hellen bis dunklen, homogenen, flächigen Belag. Die Wandfläche wird in Bahnsteighöhe mit einem Gesims begrenzt und so zu einem Element des Gesamtraums.
Die Aufgänge sollen Erkennungszeichen für den Bahnhof „Kaulbachplatz” sein und der Orientierung im Stadtraum dienen. Die äußere Gestalt wird vom oberen bis in den unteren Raum als eigenständiger Übergangsraum zwischen Straße und Bahnsteig erlebt. Die Form liegt entsprechend der Funktion geneigt und nimmt die Treppenanlagen einschließlich der Rolltreppe auf. Durch die Formanwendung und der fliehenden beziehungsweise vortretenden Kontur am Ansatz zur Dachfläche oberhalb des Eingangs wird die Höhe optisch niedriger wahrgenommen als absolut gemessen.

Das Licht wird
in die Tiefe geführt


Die natürliche Belichtung wird durch die vorgenommene Lichtführung begünstigt infolge des direkten Zenitlichts über das Glasdach sowie des Seitenlichts durch die perforierten Wände mit schrägem Öffnungsverlauf.
Mit der Bewegungsrichtung verlaufend wird das Licht in die Tiefe geführt und damit ein fließender Übergang vom Hellen ins Dunkle und vom Dunklen ins Helle bewerkstelligt. Das Zenitlicht kann über die Verglasung bis zur Bahnsteighalle eindringen. In den vertikalen Wandscheiben sind stehende, ellipsoide Öffnungen entsprechend dem Bewegungsverlauf enthalten. Sie gewähren – schräg verlaufend von oben nach unten – guten Einblick und öffnen gleichzeitig den Blick nach oben. Das Kunstlicht wird an Orten des Tageslichteinfalls platziert, um damit die Lichtführung bei Wechsel des Tag-Nacht-Zustands mit Kunstlicht zu adaptieren. Die Lichtführung ist somit im Nachtraum wie im Tagraum ähnlich wahrnehmbar, jedoch mit anderer Lichtqualität, erklären Haid + Partner.
Die planen, mit Titanoxiden gefärbten Betonscheiben verlaufen parallel vom Straßenraum bis in die Bahnsteigebene mit einer Stärke von 25 Zentimetern. Schmale Glasschwerter spannen über den 4,5 Meter breiten Aufgang, bilden die Auflager für die 70 Zentimeter breiten Glasplatten und erlauben hohe Transparenz längs des Straßenraums. Grünlicher Naturstein dient als Treppenbelag, alle Ausstattungselemente der Aufgänge sind in Chromnickelstahl ausgeführt. Die Rolltreppe weist eine gläserne Brüstung mit Handlauf und integrierter Beleuchtung auf. Die Edelstahlhandläufe der Treppenanlage sind einseitig an der Betonscheibe befestigt und rolltreppenseitig auf der Laufplatte platziert.
Das ambitionierte Architekturkonzept und der Wunsch nach einer unverwechselbaren Verortung des Bahnhofs führte zur Idee, die Bahnsteighalle als Ausstellungsgalerie für Werke der Maler der Münchner Schule zu nutzen, deren Namen die Straßen im Viertel tragen. Nach den Prinzipien der Holographie wurden in einem computergestützten Verfahren die Bildinformationen durch Frästechnik auf den weißen Strukturbeton übertragen. Dadurch lassen sich grafische Darstellungen durch Linienstrukturen unterschiedlicher lokaler Dichte und Tiefe realisieren. Die dreidimensionale Wahrnehmung dieser Werke ändert sich je nach Blickpunkt des Betrachters. Je Bahnhofsseite wurden acht Bilder ausgewählt, die jeweils gespiegelt auch an den gegenüberliegenden Wänden platziert sind.
Seit Bestehen ist der Friedrich-Ebert-Platz ein Verkehrsknotenpunkt am Fuße der Nürnberger Kaiserburg. Heute ist die wichtige und stark frequentierte Verkehrsverbindung in Nord-Süd-Richtung prägend für den Platz. Hinzu kommt seine Bedeutung für den öffentlichen Nahverkehr. Er nimmt neben den Verkehrsmitteln Bus und Straßenbahn eine in West-Ost-Richtung verlaufende U-Bahntrasse auf und stellt eine wichtige Umsteigemöglichkeit dar.
Die neue, in West-Ost-Richtung verlaufende U-Bahntrasse quert unterirdisch die Nord-Süd-Verbindung nach Erlangen. Die Aufgänge im Bereich der Verteilerhalle liegen wie Inseln in der Fließrichtung des Verkehrs. Gleichzeitig bilden Aufbauten die Verknüpfungspunkte zum U-Bahnhof und markieren seine Lage. Die vielfältige Benutzung des Platzes durch den privaten und öffentlichen Verkehr, durch die Funktion als Umsteigemöglichkeit zwischen Straßenbahn, U-Bahn und Bus, aber auch die städtische Aufenthaltsqualität mit Cafés, Imbissbuden, Geschäften und dem angrenzenden Archivpark sowie das den Platz besetzende Mobiliar erschweren die Orientierung für den Passanten und Umsteiger, erklären stm architekten Stößlein Mertenbacher.
Die neuen Aufbauten der U-Bahnstation dienen als Markierungs- und Orientierungspunkte, die den Platz definieren und die Zugänglichkeit zum U-Bahnhof verdeutlichen.
Der Bahnhof ist in drei Teile gegliedert. Die Verteilerhalle im Osten bündelt die oberirdischen Aufgänge und führt diese über zwei Treppenabgänge zum Bahnsteig. Die Bahnsteigebene gliedert sich in einen hohen zweigeschossigen Abschnitt, der über den westlichen Aufgang direkt von der Straßenebene erreichbar ist und in einen niedrigen Bereich unter der Verteilerhalle im Osten.
Durch seine Gestaltung greift der Bahnhof die aus der Entwurfsfindung entstandenen Gundideen auf. Die Gliederung der Einbauten im Bahnhof verknüpft die den Platz prägende Verkehrsdynamik mit der Bewegungsdynamik der U-Bahn. Die Ausbildung von vertikaler und horizontaler Gliederung und die Bewegungsbildung des Raums sind Grundgedanken der Geometrie, betonen die mit der Planung beauftragten stm architekten.
Die Entwurfsbilder sind laut Architekturbüro in einer einheitlichen Materialsprache umgesetzt. Die Materialität, die Farbgebung und die geometrische Ausbildung verbinden die drei unterschiedlichen Teilbereiche des Bahnhofs. Mit der Primärfarbe Rot werden in unterschiedlichen Farbqualitäten das Wandrelief, der Fußbodenbelag und der Deckenspiegel gestaltet. Dies gibt dem Bahnhof eine ganzheitliche farbige Anmutung.

Ein rotes Band
an Decke und Boden


Die unterschiedlich hohen Teilbereiche des Bahnsteigs erhalten eine verbindende Gliederung durch Betonlamellen. In der Frontansicht bilden die Lamellen eine vertikale Struktur. In der Längswirkung erzeugen die Lamellen eine Zonierung in ein Mittel- und Seitenschiff, so die Planer. Die Unterkante und die Rhythmisierung des Seitenschiffs laufen bis in den niedrigen Bereich des Bahnsteigs und verbinden beide Raumteile. Dieser Gedanke wird durch die Integration des Lichtbands an der Unterseite der Lamelleneinbauten unterstützt. Die vertikale Linienführung der Lamellen wird von dem darunterliegenden Element des Wandreliefs aufgenommen, bewegt und rhythmisiert.
Die in der Verteilerhalle hinterleuchteten freihängenden Beton-stelen führen mit ihrer Gliederung und der vertikalen Lichtführung den Gestaltungsgedanken der Bahnsteigebene fort, schreiben stm architekten. Als bildgebendes Element ist auf die Bahnsteigaußenwände ein bewegtes Netzwerk appliziert, das die gesamte Bahnsteiglänge bedeckt. Vier Module in unterschiedlichen Längen, gleicher Breite und in der Primärfarbe Rot sind hierbei in einem Bewegung erzeugenden, wechselseitigen Rhythmus angeordnet.
An Decke und Boden der beiden Ebenen läuft ein rotes Band, das den Verlauf des Bahnhofs in seiner Ausrichtung und Zonierung zusammenfasst. Das Band hebt sich durch seine edlere Materialität und Oberfläche von den freiliegenden und unbehandelten Betonbauteilen ab und steigert die Farbwirkung des Bahnhofs. Der Bodenbelag nimmt mit Hilfe des eingefärbten Betons die Farbigkeit auf. In der Decke spiegelt sich die Farbe durch einen eingefärbten, erhabenen Glattputz. Die Gestaltungselemente dienen auch der technischen Funktionalität. Das Wandrelief und die horizontalen Lamellen dämpfen Geräusche. Die Lamellen und Wandstelen nehmen Beleuchtungskörper auf, erklären stm architekten.
Die Farbe Rot als Stimmungsgeber ist die Grundidee des Bahnhofs und der gestaltprägenden Elemente. Die Lichtführung nimmt die geometrische Ausrichtung von vertikaler und horizontaler Linienführung im Wand- und Deckenbereich auf und verbindet die Teilbereiche des Bahnhofs. Die seitliche Beleuchtung der Lamelleneinbauten akzentuiert die Kante zum Gleisbereich, schafft eine durchgehende Lichtlinie und unterstützt die Längsdynamik des Bahnhofs. (BSZ)

(Die beiden U-Bahnsteige Kaulbachplatz und Friedirch-Ebert-Platz sowie der Auf- und Abgang am Friedrich-Ebert-Platz - Fotos: Schweinfurth)

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