Bauen

Die sanierte Polizeiinspektion. (Foto: Ulrich Schwarz)

12.07.2013

Gelungene Belebung der Innenstadt

In Donauwörth wurden die Polizeiinspektion und ein denkmalgeschützter Festsaal saniert

Das Gebäudeensemble der Polizeiinspektion Donauwörth besteht aus dem so genannten Deutschordenshaus an der Kapellstraße und dem zweigeschossigen Nebenbau an der Eichgasse. Beide Gebäude umfassen einen wohlproportionierten Hof. Fahles Neonlicht auf langen Fluren, enge Amtsstuben, wellende, ausgeblichene Landschaftspanoramen auf Pressspanplatten an den Wänden. Nach zahlreichen Verbauungen und Überformungen, die die Umnutzung zur Polizeiinspektion in den Jahren 1970 bis 1973 dem Ensemble bescherte, deutete hinter der prachtvollen Fassade nur noch wenig auf die fast 700jährige Geschichte der Donauwörther Deutschordenskirche hin. Alleine der eigenwillige Turm mit seiner geschweiften Haube an der Nordwestecke des schlossartigen Bauwerks, die mit toskanischer Säulenordnung geschmückte Hofdurchfahrt und das repräsentative Treppenhaus gaben isolierte Hinweise auf die einstige Bedeutung des Bauwerkes, in dessen Kern eine ehemalige Ordenskirche steckt.
Erhebliche Rissbildungen gaben im 2007 Anlass, die Bauten einer eingehenden Schadens- und Bestandsaufnahme zu unterziehen. Zum einen schlug altersbedingtes Versagen einzelner Bauteile merkbar zu Buche, zum anderen bot der Schwemmgrund des Wörnitzufers für den Saalflügel langfristig keinen ausreichenden Halt mehr. Schleichend fortschreitende Verformungen der Dachtragwerke und Außenmauern waren die Konsequenz. Die Standsicherheit war gefährdet.
Die zum Projektstart durchgeführte Bauforschung konnte schnell belegen, dass es sich beim Hauptbau um eine der ältesten Bauten Donauwörths handelt. Seine Ursprünge gehen zurück auf das 13. Jahrhundert. Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Haus bis zur bald folgenden Säkularisierung Sitz des Deutschen Ordens: Seine heutige Form erlangte die Kommende zwischen den Jahren 1774 und 1778. Der Deutschordensbaumeister Matthias Binder ließ das Ensemble nach Plänen des französischen Frühklassizisten Michel d‘Inxard zum Ordenssitz ausbauen.
Der Turm samt Geläut war im 16. Jahrhundert der Zubau für die bescheidene mittelalterliche Kapelle und gleichzeitig eine gewisse Provokation in der damals bereits protestantischen Reichsstadt, in der sich die konfessionellen Spannungen wenig später, 1606, beim Kreuz- und Fahnengefecht in unmittelbarer Nachbarschaft des Ordenshauses entluden. Die größte Überraschung die Bauforscher Christian Kayser ans Licht brachte, war die Entdeckung eines gotischen Kirchenfensters, das beim Anbau des Turms einfach vermauert worden war. In seinen Laibungen fanden sich Fragmente zweier reicher mittelalterlicher Ausmalungen. Dieser Freskenfund stellt gerade im vom Zweiten Weltkrieg um seine Bausubstanz beraubten Donauwörth eine kleine Sensation dar.
Grundlagenermittlung, Vorentwurfsplanung und spätere Bauleitung wurden durch das Staatliche Bauamt Augsburg erbracht. Die Planung der Unterfangungen und die Baustatik oblag dem Büro Barthel und Maus, München. Für die darauf aufbauende Werkplanung zeichnete das Architekturbüro Obel, Donauwörth verantwortlich. Das sanierte Dienstgebäude konnte bei den diesjährigen Architektouren besichtigt werden.
Um die bedeutende Bausubstanz für folgende Generationen zu sichern, galt es schnell die Gebäudestatik wieder herzustellen. Dazu war eine Instandsetzung der Dachwerke, die Verspannung der Außenwände mittels Zugankern in der Deckenebene und eine Nachgründung durch weichen Auenlehm und Auffüllungen des nahe gelegenen Wörnitzufers hindurch bis auf tragfähigen Grund nötig. Stahlaussteifungsrahmen im Mezzaningeschoss fangen jetzt die Lasten aus dem asymmetrischen Dachstuhl ab. Die verfaulten Fußpunkte der barocken Dachstühle wurden denkmalgerecht mit neuen Hölzern und Schwellen ergänzt.

Energetisch ertüchtigt


Die besondere Schwierigkeit der Sanierungs- und Sicherungsmaßnahme bestand darin, die Dienst- und Einsatzbereitschaft der Polizei während der gesamten Bauzeit aufrecht zu erhalten. Die Inspektion samt Wache wurde dazu vorübergehend in Räume des Vermessungsamts in der Berger Vorstadt ausquartiert. Die Baustelle war nicht mit den polizeilichen Sicherheitsanforderungen in Einklang zu bringen. Die Polizeiinspektion verfügt jetzt über einen deutlich höheren Sicherheitsstandard. Die Räume für den Polizeidienst konnten durch sanfte Grundrissanpassungen auch funktional optimiert werden.
Die zweite Stufe des Konzepts widmete sich der Verbesserung des Brandschutzes, der energetischen Ertüchtigung der Gebäudehüllflächen, dem Einbau einer neuen EDV-, Elektro-, Heizung-, und Lüftungsverteilung. Die neue Heizzentrale für beide Gebäude deckt ihren Brennstoffbedarf mit Holzpellets aus dem Bodenbunker im Hof. Spitzenlasten beim Wärmebedarf federt ein Gaskessel ab.
Eine angenehme und interessante Aufgabe war die Neubelebung des denkmalgeschützten Enderle-Saals, benannt nach dem Maler Johann Baptist Enderle. Prunktreppenhaus, Foyer und seitlich angelagerte Galerieräume im östlichen Seitenflügel bilden eine interessante Raumfolge, die mit dem angenehm proportionierten Saal ihren Höhepunkt findet. Im Festraum galt es, die Deckenstuckierung der Hohlkehlen, die sich aufgrund der genannten statischen Probleme von der Bockshaut zu lösen begonnen hatte, zu sichern. Risse im Stuck wurden verfüllt und jüngere auf Leimfarben basierende Anstriche konnten von den Kirchenmalern abgewaschen werden. Das Deckenfresko Enderles, das die Hochzeit des Thetis mit Peleus zeigt, befand sich in überraschend gutem Zustand, so dass es hier mit einer leichten Reinigung getan war. Die Bürger der Stadt Donauwörth verfügen ab sofort wieder über weitere ansprechende Räumlichkeiten, um kulturelle Höhepunkte im Jahreslauf in würdiger Umgebung zu feiern.
Damit die Polizeiinspektion im Herzen der ehemaligen Reichsstadt verbleiben konnte, war es im Rahmen der Grundlagenermittlung nötig, eine Gesamtkostenbetrachtung durchzuführen. Die jetzt eingesetzten Projektkosten von 9,5 Millionen Euro beinhalten alle Baumaßnahmen einschließlich der Nachgründung zum Wörnitzufer, die Interimsunterbringung mit Rückbauten sowie alle Umzugskosten und Mieten.
Die ebenso in Erwägung gezogene Planungsalternative der Ansiedlung der Polizeiinspektion auf der „Grünen Wiese“ am Ortsrand stand nicht lange zur Debatte. Denn ein historisches Haus mit sinnvoller Nutzung in direkter Nachbarschaft zum Rathaus, zum Landratsamt, zum Stadtsaal und zu den kirchlichen und sozialen Einrichtungen als erste Anlaufstelle für ihre Bürger: Das ist Innenstadtaktivierung – das ist die Stadt der kurzen Wege.
(Albert Dischinger)

(Der Enderle-Saal mit dem Deckenfresko; eine Zelle und ein Blick in die Wache - Fotos: Ulrich Schwarz) 

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