Bauen

Der "Amerikanerblock" am Steubenplatz in München. (Foto: Friedrich H. Hettler)

14.10.2016

Geschwungene Gebäudefronten und gläserne Ecken

Kleine Baustilkunde: Die Klassische Moderne in Bayern

Nach dem Ersten Weltkrieg hält die Industrialisierung des Bauens nach und nach Einzug. Mit dem farbenfrohen Spiel des Jugendstils ist es jetzt vorbei, in den großen Städten muss die Wohnungsnot gelindert und Stadthygiene – im Kampf gegen Krankheiten wie Tuberkulose – verwirklicht werden. Bauhausgründer Walter Gropius beschwört 1923 den „klaren organischen Bauleib (…) nackt und strahlend aus innerem Gesetz heraus, ohne Lügen und Verspieltheiten, der unsere Welt der Maschinen, Drähte und Schnellfahrzeuge bejaht (…), der seinen Sinn und Zweck aus sich selbst heraus durch die Spannung der Baumassen zueinander funktionell verdeutlicht und alles Entbehrliche abstößt, das die absolute Gestalt des Baus verschleiert“. Ein idealistisches Ziel.

Blickt man auf das Baugeschehen zwischen den beiden Weltkriegen, so drängt sich die Frage auf, inwieweit sich damals in Bayern Strömungen der architektonischen Moderne durchsetzen konnten. Sind an einer Stadt wie München die Ideen des Bauhauses spurlos vorbeigegangen oder gibt es sogar heute noch Häuser aus jener Zeit im Stadtbild? Sicher ist, dass so namhafte Architekten der Moderne wie Ludwig Mies van der Rohe, Walter Gropius oder Le Corbusier, nicht in München gebaut haben. In anderen deutschen Städten findet man ihre Bauten schon, so in Weimar, Dessau und Berlin, in der Weißenhofsiedlung Stuttgart (1927), in den Siedlungen des „Neuen Frankfurt“ (1926 bis 1933) in Frankfurt am Main.

Doch noch einen kleinen und feinen Ausläufer der Bauhaus-Architektur gibt es, die so genannte „Bayerische Postbauschule“. Sie stellt die wichtigste Manifestation des Neuen Bauens in Bayern dar. Hintergrund dieser Entwicklung war der Poststaatsvertrag von 1920, er sah den Übergang von der Bayerischen Staatspost in die Deutsche Reichspost in Berlin vor. Als Zeichen der Unabhängigkeit entstand in München aber trotzdem eine separate Abteilung des Reichspostministeriums, mit eigener Bauabteilung. Hier bot sich gestalterischer Freiraum für Architekten, die dem Neuen Bauen, der Neuen Sachlichkeit verpflichtet waren: Robert Vorhoelzer, Robert Poeverlein, Hanna Löv, Walter Schmidt und andere.

Zu den ersten Gebäuden der „Postbauschule“ gehören die Oberpostdirektion in der Münchner Arnulfstraße (1922 bis 1924) und das danebengelegene Paketzustellamt (1925 bis 1926), erkennbar an seinem gläsernen „Zylinder“ als Oberlicht eines kreisrunden Funktionsraums. Weitere Paradebeispiele für gelungene Architektur der Moderne in München sind noch heute die Post am Harras (1931/1932), die Post am Goetheplatz (1930 bis 1933) oder die Tela-Post und die Post an der Tegernseer Landstraße (1928/1929). Alle drei Postämter haben angegliederte Wohnbauten.
Der Charme der modernen 1920er und 1930er Jahre kennzeichnet diese Bauten, die mit geschwungenen Gebäudefronten, „gläsernen Ecken“, Flachdächern und großzügigen Verglasungen architektonische Maßstäbe setzten. Die so genannte „gläserne Ecke“, manchmal nur ein um die Ecke verlaufendes Fenster, ist prägendes Merkmal, ja ein Markenzeichen jener Zeit.
Dem Bauwerk die Schwere zu nehmen, es leicht und schwebend, mobil statt immobil zu machen, war ein wichtiges Ziel der Architekten der Moderne – in Abgrenzung von bisherigen Werken der Baukunst, wie dem griechischen Tempel oder dem Renaissancepalast. In den bis zur Moderne entstandenen Bauten ging es um den zentralen Begriff der „Tektonik“. Gemeint war laut Gottfried Semper, die „Kunst des Zusammenfügens starrer, stabförmig gestalteter Teile zu einem in sich unverrückbaren System“ (1860).

Neben dem konstruktiven Aufbau kommt auch der „tektonischen Symbolik“ eine wichtige Rolle zu. Das heißt, ein Bauwerk kann schwerer und mächtiger konstruiert erscheinen, als es in Wirklichkeit ist. Das führte im Laufe des 19. Jahrhundert unter anderem dazu, dass schmale gusseiserne Säulen, die allein schon ausgereicht hätten, um darüber liegende leichte Deckenbalken zu tragen, mit Stuck ummantelt wurden, um sie mächtiger aussehen zu lassen und damit der „optischen Statik“ zu genügen. Die „gläserne Ecke“ der Moderne, zielt auf das Gegenteil: Hinweggefegt werden soll der bauliche Historismus, ersetzt durch den modernen Zeitgeist einer stärker werdenden Industrialisierung.

Streitobjekt Flachdach


Das Flachdach, dessen Ursprünge in Europa unter anderem in begrünten Dachterrassen zu suchen sind und welches schon im 19. Jahrhundert als besonders kostengünstig und blitzschutzsicher propagiert wurde, wird in den 1920er/1930er Jahren ein Streitobjekt zwischen Architekten der Heimatschutzarchitektur wie Paul Schmitthenner und Verfechtern der Moderne. In Bayern und gerade für München und Oberbayern waren die Flachdächer in den damals noch harten und schneereichen Wintern eher problematisch. Trotzdem gehören sie auch hier zu den wesentlichen gestalterischen Merkmalen der Moderne und sollen dem Haus die Schwere nehmen.

Nicht nur bei der Post, auch im Wohnungsbau gibt es moderne Entwicklungen und so entstehen in München einige sehr bemerkenswerte Siedlungen, darunter die Versuchssiedlung des Bayerischen Post- und Telegraphenverbands (1928/1929) an der Arnulfstraße. Hier kam die von Hanna Löv entwickelte „Münchner Küche“ zum Einsatz, ein Kompromiss zwischen der Frankfurter Küche der Wiener Architektin Margarethe Schütte-Lihotzky als reinem Arbeitsraum und der traditionellen Wohnküche. Hanna Löv legte 1928 als erste Frau in München die Prüfung für den staatlichen höheren Baudienst ab und war damit die erste weibliche Regierungsbaumeisterin in Bayern.
Bei Wohnsiedlungen trat nicht nur die Post als Bauherr auf, es entstanden viele Genossenschaftssiedlungen, um dem Wohnungselend nach dem Ersten Weltkrieg entgegenzuwirken. Die GEWOFAG (Gemeinnützige Wohnungsfürsorge A.G.) plante das „Münchner Wohnungsbauprogramm von 1928-1930“. Es sah die Errichtung von fünf großen Wohnsiedlungen vor: die Siedlung Neuharlaching, die Siedlung Neu-Ramersdorf, die Siedlung Walchenseeplatz, die Siedlung Friedenheim und die Siedlung Neuhausen. Letztere liegt ebenfalls an der Münchner Arnulfstraße, schräg gegenüber der Versuchssiedlung des Bayerischen Post- und Telegraphenverbands. Wesentlich geplant wurde sie von Hans Döllgast ab 1928. Die Siedlung kann als das puristische Pendant zur Borstei (1924 bis 1929) mit ihren traditionellen Fassaden und ihrer Hofstruktur gesehen werden.

Während in der Borstei an der Dachauer Straße der Architekt und Bauunternehmer Bernhard Borst sein Wohnideal einer „kultivierten Siedlung für den gehobenen Mittelstand“ mit traditionellen Formen, Satteldächern und Wohntürmchen verwirklicht, versucht man in Neuhausen mittels Zeilenbau und eher zurückhaltenden Details der Moderne einen Schritt näher zu kommen.

Am markantesten und modernsten ist der so genannte „Amerikanerblock“ am Steubenplatz, ein weißer Baukörper ohne Satteldach, einziger baulicher Schmuck sind die ums Eck gezogenen und mit Klinker verkleideten Balkone. Die Architekten waren Otho Orlando Kurz und Eduard Herbert. Der Name „Amerikanerblock“ stammt von der Finanzierung des Hauses über Kredite, die der damalige Münchener Bürgermeister Karl Scharnagl mit Banken in den Vereinigten Staaten ausgehandelt hatte.
Es ist kaum zu glauben, aber selbst südlich von München, im Alpenvorland finden sich vereinzelte Bauten mit Merkmalen der Neuen Sachlichkeit. In Bad Tölz steht die Wandelhalle, eine Kureinrichtung, erbaut 1929/1930 von Heinz Moll. In Kochel findet man das ehemalige Ferienheim für Arbeiter, Beamte und Angestellte von Staat und Gemeinden, erbaut 1930 von Emil Freymuth.
Mit der Machtergreifung Adolf Hitlers im Januar 1933 endet die erste große Phase der architektonischen Moderne in Deutschland. Ersetzt wird sie durch unterschiedliche Strömungen der Architektur im Nationalsozialismus: Neoklassizismus, Heimatschutzstil und sogar ein wenig Moderne, diese aber im Wesentlichen für Bauten der Kriegsvorbereitung. Ab 1934 unterstand das Postbauwesen in Bayern direkt dem Berliner Reichspostministerium, die Bauabteilung wurde aufgelöst. Der Erlass über die „Kunst am Bau“ legte zugleich Richtlinien fest, die eine kunsthandwerkliche und volkstümliche Dekoration der Bauten vorschrieb.

Erst in den 1950er Jahren kehrt die Moderne im großen Maßstab zurück, sie ist heute fester Bestandteil unserer Baukultur. Weiße Bauten mit Fensterbändern, puristischen Fassaden, flachen Dächern und eine von der Industrie geprägten Ästhetik sind zur Alltäglichkeit geworden. Damit einher ging allerdings auch ein Verlust der in den 1920er Jahren angestrebten perfekten Ästhetik.
Die anfangs konsequente Hinwendung zu kühnen Formen aus Schiffsbau, Automobilindustrie oder Maschinenbau verflachte. Die Ideen der Architekten wurden von Notwendigkeiten der Baugesetzgebung und Normierung sowie von Finanzierungsfragen hinweggespült. Bauhaus-Ästhetik erfordert Perfektion und Präzision, ja auch Disziplin, sie kann so weit gehen, dass sich der Mensch diesem Diktat unterwerfen muss. Bauherren und Nutzer tun das nicht so ohne weiteres, der Entwurf erfährt Veränderungen und die Moderne Kritik. (Kaija Voss)

(Das Paketzustellamt mit seinem gläsernen Zylinder als Oberlicht; die Versuchssiedlung des Bayerischen Post- und Telegraphenverbands sowie die Post am Münchner Goetheplatz - Fotos: Friedrich H. Hettler)

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