Bauen

Traumhafte Kulisse. Foto: BSZ

02.09.2011

Häuser, die Geschichte schrieben

Die Bauhaus-Siedlung auf dem Killesberg in Stuttgart

In Stuttgart protestieren die Bewohner ohne Pause gegen Stuttgart 21. Ein gigantisches Projekt: Der Bahnhof und alle Gleise sollen unter die Erde – viele sind sich uneinig, ob sie das gut finden sollen und wie ihre Stadt sich verändern soll. Dabei sind die Stuttgarter revolutionäre Projekte gewohnt. Anfang des 20. Jahrhunderts bauten die damals revolutionärsten Architekten der Welt Häuser, die die Wohnung der Zukunft zeigen wollten. Nicht auf Papier. In wirklichen Häusern. Mies van der Rohe, Le Corbusier und 15 andere internationale Avantgardisten stellten 1927 die Weißenhofsiedlung auf den Killesberg im Norden von Stuttgart.
21 experimentelle Gebäude entstanden, offen, am Hang gebaut. Sie sollten das bisherige Bauen völlig neu definieren. Bis auf wenige Ausnahmen waren fast alle maßgeblichen jungen Architekten aus Mitteleuropa daran beteiligt, darunter Gropius, Behrens, Hilberseimer, Oud und Stam. Mit der Werkbundsiedlung „Die Wohnung“ am Weißenhof stand Stuttgart 1927 im Mittelpunkt des Architekturgeschehens der Welt.
Stuttgart war also schon damals eine Architekturstadt. Die Schwabenmetropole ist die Hauptstadt der konservativen Häuslebauer, der Jägerzäune, vor denen der frisch gewaschene Daimler parkt, so denken viele. In Wirklichkeit wird aber in kaum einer deutschen Stadt so zeitgenössisch gebaut wie hier. Das Mercedes-Benz-Museum im Stuttgarter Osten – ein Aluminium-Glas-Tempel in Form einer Doppelhelix – ist ein Beispiel. Die Neue Staatsgalerie von den Stararchitekten James Stirling und Michael Wilford ein weiteres. Oder der weltweit erste Fernsehturm, der 1954/1955 hier entstand. Oder der 2005 am zentralsten Platz der Stadt, dem Schloss, gebaute Kunstwürfel Cube. Die Beispiele zeigen: Die Schwaben können Avantgarde.


Gebäude auf
dünnen Pfeilern


In den 1920er Jahren entstand ein Foto, das beispielhaft die Aufbruchsstimmung der Zeit zusammenfasst: Eine junge Frau, sportlich elegant nach der Mode der Zeit und mit Hut gekleidet, lehnt an einem neuen Mercedes Coupé, dahinter schwebt ein strahlend weißes Gebäude auf dünnen Pfeilern. Das Foto entstand für eine Werbekampagne von Mercedes-Benz, das Gebäude im Hintergrund war ein Wohnhaus, das die französisch-schweizerischen Architekten Le Corbusier und Pierre Jeanneret als ihren Beitrag für die Stuttgarter Weißenhofsiedlung gebaut hatten – bis heute ist sie die bedeutendste Mustersiedlung für das Wohnen der Zukunft.
Unter der künstlerischen Leitung von Mies van der Rohe hatten Architekten aus Deutschland, Holland, Belgien, Österreich und der Schweiz 21 Häuser mit 63 Wohnungen für den „modernen Großstadtmenschen“ entworfen. Jeder der Architekten hatte alle Freiheiten bei der Umsetzung. Einzige Bedingung, die für alle gleichermaßen galt: das Flachdach. Die Giebel-Architektur sollte endlich überwunden werden. Am 23. Juli 1927 wurde die Siedlung eröffnet. Das Ergebnis war ein Schock.
Was fehlte, war all das, was das bürgerliche Stadthaus bis dato auszeichnete: Fensterläden, Giebel oder Gauben. Dafür gab es Flachdächer, auf denen Dachterrassen und Gärten Platz fanden, Langfenster und dünne Stahlbetonbeine. Die neuen Häuser waren radikal neu: schmucklos, ohne Ornament, in kubischer Form. Als Baumaterial: Stahl statt Holz. An den Wänden: Farbe statt Tapeten. Die Einbauküche, für die Zeit so revolutionär wie das Automobil, sollte die moderne Frau entlasten. Einbauschränke waren ein wichtiges Thema – damit der Mieter möglichst völlig ohne Möbel einziehen kann.
Für alle Häuser gab es ein vorgegebenes Raumprogramm: ein Wohnraum, ein Esszimmer und zwei bis drei Schlafzimmer. Keller gab es keine. Man sollte nichts ansammeln, alles sollte da sein. Bewohner sollten „mit einem Koffer einziehen“, so die Wunschvorstellung, „die Grundmöbel sind alle da“. Unten wurde gearbeitet, oben gewohnt. Die strikte Trennung von Leben und Arbeiten war den Bauhaus-Architekten wichtig. Freier Grundriss, freie Fassade, lange Fensterfronten. Die Architekten versuchten, alles zu optimieren. Die Flächen sollten konsequent genutzt werden.
Le Corbusier war dabei besonders radikal: Aus dem Wohnraum wurde nachts ein Schlafzimmer. Auf Metallschienen zog der Bewohner sein Eisenbett wie einen Schlitten aus der Wand heraus. Le Corbusier nannte das seinen „Schlafwagen“. Der Gang, 60 Zentimeter breit, war exakt berechnet. Er hatte die Breite eines Eisenbahnkorridors. Ein Minimum an Form sollte dem Großstadtmenschen ein Maximum an Freiheit gewährleisten.
Die Idee dahinter: Die Beschränkung auf das Wesentliche, funktional sollten Wohnungen künftig sein, zudem günstig, für jeden bezahlbar und gesund. Alle Wohnungen sollten sonnig sein, gut durchlüftet und vom Dachgarten aus sollte jeder Bewohner Zugang zum Himmel haben. Die Presse schrieb damals, das Haus sei total „überbelichtet“. So hell, so viele Fensterbänke, das gab es noch nie.


Ein zu radikales Wohnkonzept


500 000 Menschen kamen 1927 nach Stuttgart, um sich die mutigen Bauten anzusehen. Drei Monate nach Ende der Ausstellung wurden die Häuser durch die Stadt vermietet, alle, bis auf das Haus von Le Corbusier/Pierre Jeanneret, das heute Museum ist. Es galt als das provokativste Haus von allen und wurde nicht gerade als wohnlich empfunden. In alle anderen Neubauten zogen Hochschulprofessoren ein, Künstler, auch eine Opernsängerin war unter den Mietern. Keine einzige Wohnung wurde, wie ursprünglich geplant, an einfache Arbeiter vermietet. Für sie war das damalige Wohnkonzept zu radikal.
Aber die weiße Moderne dauerte nur kurz. Nach 1933 fuhren andere mit einem Mercedes durch Deutschland, die die Weißenhofsiedlung aus der Zeit der Weimarer Republik nicht als wegweisende Architektur ansahen. Für sie war es ein Schandfleck. Pfui Teufel! Die Flachdacharchitektur galt als „undeutsch“, die Siedlung als „Araberdorf“ und „Neu-Marokko“. Alle Bewohner mussten ausziehen. Die Originalmöbel sind daher nicht mehr erhalten, die Wohnungen verwahrlosten. Im Krieg wurden zehn der 21 Häuser zerstört. Auf den Grundstücken der zerstörten Bauten entstanden ab 1949 neue, konventionelle Einfamilienhäuser, ohne Bezug auf ihre Vorgänger. Das Giebeldach fand Einzug in die Bauhaus-Siedlung.
Seit 2006 ist das Weißenhofmuseum im Doppelhaus Le Corbusier/Pierre Jeanneret wieder öffentlich zugänglich. Lange hatten die an moderner Architektur interessierten Besucher darauf warten müssen, wenigstens eines der Häuser aus der Werkbundausstellung von 1927 auch innen besichtigen zu können. Denn die restlichen Häuser sind von Stuttgartern bewohnt. Einziehen darf nur, wer für den Bund arbeitet, ist die denkmalgeschützte Siedlung bis auf Ausnahme des Museumsgebäudes doch in Staatsbesitz.
Die Wartelisten der Interessenten sind lang. Nun steht Besuchern ein Haus offen. Der Rundgang durch das Museum führt durch zwei Haushälften. Die linke Haushälfte erklärt die Entstehung und Geschichte der Weißenhofsiedlung. Die Räume der rechten Haushälfte zeigen sich weitgehend in ihrer Gestalt von 1927. Le Corbusiers Entwurf eines „transformablen“ Hauses konnte wiederhergestellt werden und vermittelt so einen guten Eindruck vom ursprünglichen Zustand des Gebäudes, das weltweit Architekturgeschichte geschrieben hat. (Claudia Schuh)

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