Bauen

30.01.2015

Hans-Jochen Vogel, Münchens Alt-OB, blickt zurück

50 Jahre Stadtentwicklung

Es steht außer Zweifel, dass Münchens gute Stube, die Fußgängerzone, in jeder Hinsicht auch heute noch ein Gewinn für die Altstadt ist. Wer aber weiß, dass der rund 80 Meter lange Fußgängerbereich vor dem Hofbräuhaus die Wiege für Münchens autofreie City-Zone war? Oder, dass die Idee für das Schienenschnellverkehrssystem mit S- und U-Bahn bereits vor der Bewerbung für Olympia geboren wurde? Darauf machte einer aufmerksam, der es wissen muss: Münchens Altoberbürgermeister Hans-Jochen Vogel.
Anlässlich einer Podiumsdiskussion, die im Rahmen der in der Rathausgalerie gezeigten Ausstellung „Innenstadt weiterdenken. Pläne und Positionen für München“ stattfand, sprachen Vogel und Münchens Stadtbaurätin Elisabeth Merck über dieses Thema.
„Eine Stadt ist kein Zustand, sondern ein Prozess“, sagte Vogel. Und Stadtentwicklung geschehe immer in Teamarbeit. Wenn jetzt seine stadtgestalterischen Verdienste hervorgehoben würden, dann, so der Alt-OB, dürfe man auch seine Mitstreiter – Münchens zweiten Bürgermeister Georg Brauchle, den Städteplaner und wichtigen Motor der Fußgängerzone, Herbert Jensen, sowie den Vorsitzenden der Stadtratsfraktion, Hans Preißinger – nicht vergessen.

Rathausabriss verhindert


Auf die Zeit der Not und des Trümmerräumens nach dem Zweiten Weltkrieg folgte die Phase des Wiederaufbaus – und zwar bewusst im Sinne der Wahrung des historischen Erscheinungsbildes und Grundrisses der Stadt sowie der Erhaltung ihrer baulichen Besonderheiten, beispielsweise der Residenz. Eine ganz entscheidende Rolle spielte hier der Architekt und Denkmalpfleger Otto Meitinger.
Fußgänger und Autos machten sich in den 1950er Jahren das Leben schwer. München stand an der Spitze der verkehrsreichsten Städte Deutschlands, seit 1957 ein „Millionendorf“, wollte zur autogerechten Stadt werden. Erste Bürgerinitiativen organisierten sich dagegen und konnten mit Unterstützung der Presse zwar erfolgreich den Abriss des Rathauses verhindern, nicht aber die breite Schneise des Altstadtrings mit Untertunnelung des Prinz-Carl-Palais. Allerdings leistete Vogels Vorgänger im Amt, der Visionär und Realpolitiker Thomas Wimmer, nach seinem, ihm die Augen öffnenden Besuch in Los Angeles entschiedenen Widerstand gegen Planungen, die vorsahen, mehrspurige Autobahntrassen mitten durch die Innenstädte zu schlagen.

Zukunftsfähig und richtungsweisend

Als Vogel 1960 das Amt des OB übernahm, wurde ein Plan für die Stadtentwicklung der nächsten 30 Jahre als verbindlicher Leitfaden entworfen. Was als Stadtentwicklungsplan 1963 von Vogel unterzeichnet wurde, war zukunftsfähig und richtungsweisend: Die Fußgänger sollten vorrangig gefördert, der öffentliche Personennahverkehr ausgebaut und das innerstädtische Leben attraktiver werden. Dies alles unter Bewahrung des besonderen Charakters der Stadt. Ein wichtiger Grundbaustein dabei war die Stammstrecke der S-Bahn mit der Zusammenführung von Ost- und Hauptbahnhof. Vorausgegangen war die heftig diskutierte Streitfrage: Ausbau der Straßenbahn mit Untertunnelung (Tiefbahn) oder klassische Trasse mit der Bundesbahn (S-Bahn)?
Die Entscheidung für den S- und U-Bahnbau als leistungsfähigere Variante hält Vogel noch heute für die richtige Wahl. Wie ein Wunder erscheint Vogel im Rückblick, dass München den Zuschlag für die Sommerolympiade bekommen hat und damit zeigen konnte, was diese Stadt noch so drauf hatte, nämlich die moderne Architektur des Olympiaparks. Vogel, der gegen Grundstücksspekulation und als Reformer des Bodenrechts auftritt, betonte, dass dieses Großprojekt so nur möglich war, weil das gesamte Oberwiesenfeld Eigentum der Stadt war.
Dass Boden kapitalisiert wird, sieht der Bodenrechtler als feudale Ungerechtigkeit. „Von 1950 bis heute haben sich die Bodenpreise um 9000 Prozent erhöht“, sagt Vogel. „Diese Bodengewinne sind auch ein Kernproblem für die Stadtplanung.“
Eine Bausünde allerdings gesteht er sich ein. Und die betrifft den ungeliebten Kaufhausklotz am Marienplatz. Die ernsthaft in Erwägung gezogene Idee, das Gebäude aus dem Jahre 1972 unter Denkmalschutz zu stellen, kommentiert er ironisch: „Vielleicht kann man das ja auch als Warnung verstehen.“ (Angelika Irgens-Defregger)

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