Bauen

2006 kaufte Hans Kraus das erste, heruntergekommene Stadthaus und renovierte es, das heutige „Riad Johenna“. (Foto: Peters)

28.02.2014

Hier wird alles von Hand gemacht

Die Bauerfahrungen eines Oberbayern in Marokko

Das Taxi hält vor einem der großen Stadttore in Marrakesch, Bab Ksiba. Dahinter befindet sich die „Kasbah“, ein uraltes, ehemals eigens gesichertes Viertel innerhalb der alten Stadtmauern der marokkanischen Metropole. Geht man durch das Tor, taucht man ein in ein schier unendliches Labyrinth von schmalen Gassen, geht vorbei an dutzenden laufenden Metern rotbrauner Mauern, kaum von Fenstern durchbrochen. Nur die sporadisch eingebauten Türen lassen vermuten, dass sich hinter diesen endlosen Wänden aus Lehm und Kalk Wohnhäuser befinden. Straßennamen und Hausnummern - Fehlanzeige. Wie soll sich ein Ortsunkundiger hier zurecht finden?
Ein müßig herumhockender Mann zeigt sich hilfsbereit. Doch auf die Frage „Riad Sabah?“ folgt nur ein verständnisloser Blick. Ein erneuter Versuch: „Hotel?“ - Fehlanzeige. Auch das Herumfuchteln auf der ungenauen Touristenkarte bringt keine Klärung. Der Mann interessiert sich eher für die Fragende: „Allemande (Deutsche)?“ Nach der Bestätigung geht ihm ein Licht auf: „Monsieur Hans?!“ Voilà, genau den suche ich, Hans Kraus aus München, der seit zehn Jahren in Marrakesch lebt und dort drei Gästehäuser betreibt. Dreimal links, zweimal rechts – schon stehen wir vor einer dieser Türen, auf dem kleinen Schild steht „Riad Sabah“ und im Eingang Hans Kraus.
Jeder, der zum ersten Mal ein Riad (früher ein vornehmes Stadthaus) betritt, ist verblüfft, denn die meist kunstvoll verzierten Türen weisen in eine andere Welt: von der Hitze in die Kühle, von der Hektik in die Ruhe, von der staubigen Kargheit der Stadt in Oasen der Schönheit. Typisch sind –  oft kunstvoll geflieste – Brunnen im Zentrum eines Innenhofs, der von einem oder zwei Stockwerken umschlossen ist. Hier gibt es plötzlich zahlreiche Fenster, kleine, mit kunstvollen Schnitzereien verzierte Erker. Und ganz oben krönt traditionell eine Dachterrasse das Wohnhaus, auf der immer ein leichter Wind geht und es Pergolen oder Sonnensegel gegen die Hitze gibt.
Hans Kraus führt sichtlich stolz durch sein Reich, das er zusammen mit seiner marokkanischen Frau aufgebaut hat. Eigentlich war der in Waakirchen im Kreis Miesbach aufgewachsene Mann Mathe- und Sportlehrer. Als er im Urlaub seine Frau kennenlernte stand für ihn fest, dass er Deutschland den Rücken kehren würde. „Ich habe schon als Schüler auf dem Bau gearbeitet“, berichtet der Oberbayer, als er erzählt, wie er 2006 sein erstes, heruntergekommenes Stadthaus gekauft und renoviert hat: das heutige „Riad Johenna“, benannt nach seiner Frau.
In Marokko ist es nämlich ratsam, etwas von dem zu verstehen, wofür man einheimische Handwerker bezahlt. Es gehört zur orientalischen Mentalität, sein Gegenüber abzuchecken. Stellt sich heraus, dass der andere keine Ahnung hat, muss man es mit seinen Dienstleistungen nicht ganz so genau nehmen. „Man kann hier leider niemand vertrauen“, so Kraus. Wie jeder Ausländer musste auch er seine Erfahrungen machen, zum Beispiel, dass es auf Verhandlungspartner außerordentlich motivierend wirkt, wenn ein Ansinnen mit einem kleinen Obolus unterstrichen wird. Oder: „Europäer wollen immer Verträge“, feixt Kraus, der heute seine Erfahrung auch anderen nicht-marokkanischen Bauwilligen zur Verfügung stellt. „Ich sag dann immer: Sparts euch.“ Besser ist es, sich bei seinen Leuten Respekt zu verschaffen, dann klappt auch die Zusammenarbeit.
„Am Anfang war es schwierig, an Informationen zu gelangen“, räsoniert der Deutsche. Die Marokkaner lassen sich nicht gerne in die Karten gucken. Und woher soll man als Europäer wissen, wie zum Beispiel „Tadelakt“, der sehr aufwändige, typisch marokkanische Putz, hergestellt und verarbeitet wird? „Ich bin dann viel herumgereist, habe mir Paläste und Moscheen angeschaut und mit zahlreichen Leuten gesprochen“ – und so wurde Kraus mit der Zeit selbst zum Fachmann. „Heute kann mir keiner mehr was erzählen.“

Großes Gerät passt
nicht durch die Gässchen


Vor drei Jahren wurde ein drittes Gästehaus eröffnet, das „Dar Lina“ –  benannt nach der vor kurzem geborenen Tochter. Kraus steht auf seiner Dachterrasse und zeigt über das schier unendliche Häusermeer, durchzogen von den schmalen Gässchen, durch die kein Auto passt. „Sie müssen hier alles von Hand machen“, erzählt er. Klar, großes Gerät wie Kräne oder Bagger kommen erst gar nicht bis zur Baustelle. Die meisten Handwerker verstehen sich auf fast jedes Gewerk, nur für komplizierte Dinge wie Sanitärarbeiten oder Elektrik gibt es Spezialisten. Doch das ist kein Problem: Arbeitskraft ist noch so ziemlich das Preiswerteste in Marokko. Und das Material? „Ist so teuer wie in Deutschland, manchmal noch teurer“, berichtet Kraus. Holz zum Beispiel ist rar, muss importiert werden und hat dementsprechend seinen Preis. So summiert sich der Bau eines „Dar“ (Hauses) in der Altstadt von Marrakesch schnell auf rund 150 000 Euro. Wieder schweift der Blick über die Dächer der Medina (Altstadt) von Marrakesch.
Hans Kraus wirkt zufrieden. Hat er es nicht manchmal satt, zum Beispiel ständig auf der Hut sein zu müssen, um nicht übers Ohr gehauen zu werden? Das Geschacher um Preise und nie zu wissen, wann Projekte, die er angefangen hat, fertig sein werden? „Nein“, sagt er und schaut auf die schneebedeckten Gipfel der Viertausender des Atlasgebirges, die sich am Horizont in den stahlblauen Himmel recken, „so eine Aussicht habe ich noch nicht einmal in München“. (Gabi Peters)

(Blick ins "Dar Lina"; Kraus und Tadelakt, der sehr aufwändige, typisch marokkanische Putz - Fotos: Peters)

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