Bauen

Heidi Aschl, frühere Präsidentin der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau. (Foto: BayIkaBau)

19.10.2012

„In der Schule schon oft das Maßband dabei gehabt“

Vier Ingenieurinnen über männliche Dominanz in ihrem Berufszweig, den Nutzen von Netzwerken und Karrierechancen von Frauen

Technische Berufe sind auch 2012 meist noch Männer- berufe. Die Bayerische Ingenieurekammer-Bau wünscht seit Jahren, dass mehr Frauen den Ingenieurberuf ergreifen. Im Gespräch mit der Bayerischen Staatszeitung erklären vier Ingenieurinnen, Heidi Aschl, Denise Eberspächer, Edda Heinz und Sabine Wenninger, warum sie diesen Beruf ergriffen haben und wie sie die Situation von Frauen in ihrem Bereich einschätzen.

Zwar steigt der Anteil von Frauen, die technische Berufe erlernen, an, doch die Männer sind nach wie vor klar in der Überzahl. Politik und Wirtschaft versuchen seit geraumer Zeit mit Kampagnen wie dem girls’ day Mädchen und Frauen für die MINT-Branche (Mathematik-Informatik-Naturwissenschaften-Technik) zu werben. Erste Erfolge sind zu verzeichnen, doch bis zu einer wirklichen Gleichstellung von Frauen und Männern in diesem Berufsfeld auch in den Beschäftigungszahlen wird es wohl noch eine Weile dauern.
Dass Frauen durchaus in der Lage sind, erfolgreich „ihren Mann zu stehen“, dafür gibt es auch im Bereich des Ingenieurwesens einige Beispiele. Die erste deutsche Bauingenieurin mit Diplom war Martha Schneider-Bürger (1903 bis 2001). Sie schloss 1927 ihr Studium an der Technischen Hochschule München als Dipl.-Ing. ab. Um ihre Leistung als Wegbereiterin für Frauen im Ingenieurwesen zu würdigen, wurde im Juni 2011 ein Platz am Technischen Rathaus Sterkrade, ihrem Geburtsort, nach ihr benannt.
Zwar ist die Zahl der weiblichen Mitglieder der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau geringer als die der Männer, doch ist die Zusammensetzung der Mitglieder natürlich ein Abbild der aktuellen Lage am Arbeitsmarkt. Mit der Besetzung von Führungspositionen hat die Kammer indes Flagge gezeigt: Erstmals wurde 2003 mit Heidi Aschl eine Frau als Präsidentin an die Spitze einer Ingenieurekammer gewählt. Zudem hat die Kammer mit Ulrike Raczek seit nunmehr fünf Jahren eine Geschäftsführerin. Und der Zufall wollte es, dass das 6000. Mitglied der Kammer mit Denise Eberspächer ebenfalls eine Frau war.
Interesse am naturwissenschaftlichen Bereich war für sowohl für Aschl und Eberspächer als auch für Heinz und Wenninger ein Beweggrund, Ingenieurwesen zu studieren. Zwei von ihnen interessierten sich zunächst stärker für Chemie und Pharmazie. Alle sind quasi in den Beruf hineingewachsen, da auch schon die Eltern (meist der Vater) in der Baubranche tätig waren. Gleichzeitig zählt(e) die Familie bei allen zu den wichtigsten Unterstützern in ihrer beruflichen Laufbahn. Um sich behaupten zu können, müssen Frauen oft mehr leisten als ihre männlichen Kollegen, finden die Damen mehrheitlich. Doch, immerhin, die Vorbehalte werden ihrer Wahrnehmung nach geringer.

BSZ Wann haben Sie sich entschlossen, Ingenieurin zu werden?
Wenninger Ich habe mich schon sehr früh für den Beruf Bauingenieurin entschlossen. Genau genommen schon im Kindergarten. Meine Eltern führen eine mittelständische Baufirma. Dementsprechend bin ich in dieses Umfeld hineingewachsen und war schon von klein auf von allem fasziniert, was mit Bau zu tun hat. Ich hatte auch oft in der Schule mein Maßband dabei, um Wände und Fenster auszumessen. Als ich dann mit dem Abitur die Schule abgeschlossen hatte, gab es für mich keine Frage, ich wollte Bauingenieurin werden, und hab dieses dann auch studiert.

BSZ Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Berufswahl reagiert?
Heinz Ich hatte mein Abitur 1980 an einem ehemals reinen Mädchengymnasium abgelegt. Mein fast ausschließlich weibliches Umfeld reagierte deshalb auf meine Berufs- beziehungsweise Studienwahl eher mit Unverständnis, da die Mehrzahl doch typisch weibliche Berufe oder Studiengänge wählte. Das männliche Umfeld kommentierte die Studien- beziehungsweise Berufswahl nicht, sparte jedoch nicht mit Hinweisen, dass es schwer würde, sich in dem von Männern dominierten Umfeld erfolgreich durchzusetzen.
Aschl In meiner Familie gibt es mehrere Bauingenieure. Daher war es dort selbstverständlich überhaupt kein Thema. Im Freundeskreis kamen allerdings Diskussionen auf. Da gab es auch unschöne Kommentare dahingehend, dass es wohl „zu Architektur nicht gereicht habe“ – wohl aus Unkenntnis über die unterschiedlichen Inhalte der beiden Studiengänge und Berufe.

BSZ Was gefällt Ihnen besonders an Ihrem Beruf?
Eberspächer Die Kreativität und die Vielseitigkeit. Die Abwechslung zwischen Büroarbeit und Baustellenterminen, zwischen innovativen Neubauten und der Begutachtung von (denkmalgeschützten) Bauwerken und bestehenden Tragwerken und deren Sanierung.

BSZ Was halten Sie von speziellen Frauennetzwerken?
Wenninger Für mich wär das nichts. Ich differenziere da nicht. Ich tausche mich mit jedem aus. Egal ob Mann oder Frau.
Eberspächer Find ich gut, um sich auszutauschen und festzustellen, dass frau mit manchen Problemen nicht alleine dasteht, um Kontakte zu knüpfen. Ich finde das Knüpfen von (eigenen) Netzwerken und den Aufbau von Kontakten aber generell wichtig und hilfreich.

BSZ Wie stehen Sie zu Kampagnen wie dem girls’ day?
Heinz Wichtig wäre für mich, dass bei solchen Ausbildungsmessen an den Ständen jeweils immer eine Frau mit vertreten ist, damit gezielt junge Mädchen angesprochen werden, die gegebenenfalls Hemmungen haben, wenn solche Stände mit technischen Berufen ausschließlich von Männern besetzt sind.
Aschl Der girls’ day ist sicher ein Instrument. Das Umfeld ersetzen kann er nicht.

BSZ Wie leicht oder schwer ist es Ihnen gefallen, sich als Frau in diesem von Männern dominierten Berufsfeld zu behaupten?
Eberspächer Unterschiedlich. Schon auf der Schule gab es Lehrer, die Mädchen in technischen Fächern unterstützt haben oder einfach keinen Unterschied gemacht haben und andere, die lieber nur Jungs vor sich hatten. Das hat sich im Studium fortgesetzt. Im Berufsleben hab ich fast ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. Da habe ich nur noch selten das Gefühl, dass an meiner Kompetenz gezweifelt wird, weil ich eine Frau bin.
Heinz Als schwer habe ich es eigentlich nicht empfunden, mich in meinem männlich dominierten Umfeld zu behaupten. Dies setzt allerdings voraus, dass man keine introvertierte Persönlichkeit ist und sowohl austeilen, als auch einstecken kann. Trotzdem ist es eine Tatsache, dass man als Frau in dem Beruf als Bauingenieur, um akzeptiert zu werden, immer wieder beweisen muss, dass man auch als Frau „seinen Mann“ stehen kann. Man fühlt sich ständig beobachtet und Fehler werden härter bewertet; man muss perfekter und konsequenter arbeiten und handeln. Ist einem dies gelungen, hat man sich zwar Anerkennung und Achtung erarbeitet, allerdings habe ich trotzdem den Eindruck gewonnen, dass „Mann“ einen Mann einer perfekten Frau doch manchmal vorzieht.

BSZ Denken Sie, dass eine Ingenieurin die gleichen Chancen auf einen Spitzenposten in der Branche hat wie ein männlicher Kollege?
Eberspächer In den beiden Ingenieurbüros, in denen ich bisher gearbeitet habe beziehungsweise jetzt arbeite, hatte ich immer das Gefühl, dass Chancengleichheit besteht und die Leistung und das Engagement beurteilt werden. Generell denke ich, dass eine Ingenieurin nach wie vor mehr (Vor-) Leistung erbringen muss, als ein männlicher Kollege.
Wenninger Ja, ich denke schon. Mittlerweile hat sich das Bild der Frau schon so weit gewandelt, dass dies möglich ist.“
Heinz Es kommt darauf an. Es hängt meines Ermessens entscheidend von der Persönlichkeit ab, die diese Personalentscheidung fällen kann und wie stark sich diese Persönlichkeit doch von den noch existierenden alten Klischees zur Rolle der Frau in der Gesellschaft beeinflussen und leiten lässt. Bevor ich mich entschlossen hatte, mich mit einem Ingenieurbüro selbstständig zu machen, hatte mein ehemaliger Chef mir und zwei weiteren männlichen Kollegen angeboten, sein Büro fortzuführen. In diesem Zusammenhang wurde mehrfach angeführt, dass man als Frau ein „Risikofaktor“ wäre, da man heiraten könne um sich dann ggf. der Kindererziehung und der Familie zu widmen, oder dass eine Doppelbelastung Familie/Beruf die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.
Aschl Die Chancengleichheit hängt stark von der Betriebsphilosophie der Ingenieurbüros bziehungsweise der Unternehmen ab, in denen Bauingenieurinnen tätig sind. Wenn die Unternehmensphilosophie stimmt und die Frauen sich ungestört auf ihre Fachkompetenz besinnen können, haben sie auch Chancen auf Spitzenpositionen.“  (Interview: Sonja Amtmann)

(Denise Eberspächer, Sabine Wenninger und Edda Heinz - Fotos: BayIkaBau)

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