Bauen

Die neuen Münchner Stachus-Passagen. (Foto: LBBW Immobilien)

10.12.2010

Klarer, heller, schöner

Der Umbau der Münchner Stachus-Passagen ist fast abgeschlossen

Mit viel Prominenz, aber auch mit deutlichen, den damaligen Gigantismus meinenden Mahnungen, wurde es am 28. November 1970 der Bevölkerung übergeben: das größte unterirdische Bauwerk Europas – 350 Meter lang, 150 Meter breit, 40 Meter tief. Vergleichsweise bescheiden – einige der rund 40 Läden offerierten Rabatte und Gewinnspiele – erinnert man jetzt, nach 40 Jahren, im runderneuerten Stachus-Einkaufszentrum an dieses Jubiläum.
Groß gefeiert werden soll erst Mitte nächsten Jahres, wenn der komplette Umbau der Underground-City mit der Erneuerung der Treppenhäuser abgeschlossen sein wird. Immerhin hat es der Bauherr der „Stachus-Passagen“ (so der neue Name) für angemessen gehalten, während der Adventszeit an den frisch verkleideten Wänden des ersten Untergeschosses eine Bilderschau anzubringen, auf der die Bau- und Verkehrsgeschichte des Stachus, insbesondere seit der Erschließung seines Untergrunds, dokumentiert ist.
Diese Geschichte reicht immerhin zurück bis ins Jahr 1303, als vor dem „Nuihauser Thor“ unter Kaiser Ludwig dem Bayern umfangreiche Baumaßnahmen begonnen hatten. Der populäre, zunächst keineswegs amtliche Name Stachus rührt daher, dass 1728 der kurfürstliche Bierzapfer Eustachius Föderl draußen vor diesem Neuhauser Tor das Wirtshaus seines Bruders übernommen hatte, das der Volksmund alsbald „Stacherlgarten“ nannte. 1797 verlieh Kurfürst Karl Theodor dem Platz und dem bei der Niederlegung der Befestigungsanlagen übrig gebliebenen Tor seinen Namen.
Im 19. Jahrhundert wuchs vor dem Tor schnell ein neuer Stadtteil: der Karlsplatz/Stachus wurde zum Startplatz des modernen München. 1825 wurde das Hotel Leinfelder Hof eröffnet, 1858 die Matthäser-Brauerei, 1864 der Centralbahnhof, 1869 das Hotel Bellevue (heute Königshof), 1896 das Großkaufhaus Horn (heute Kaufhof), 1897 der Justizpalast, 1900 das Künstlerhaus. Um diese Zeit waren in den Etagen rund um das in Neobarock umgestaltete Rondell bereits 200 Mietparteien gemeldet.
Schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb der 1907 letztmals umgebaute Platz einen zweifelhaften Ruf. 5000 Passanten, 3000 Straßenbahnen, 40 000 Autos, 30 000 Motorräder und Motorroller, 70 000 Fahrräder wurden im März 1957 im Tagesdurchschnitt gezählt, nicht weniger als 14 288 an einem Freitag in einer einzigen Stunde. Der Stachus galt somit nicht nur als der verkehrsreichste Platz des Kontinents, sondern auch als ein abschreckendes Beispiel für die Verkehrsnot deutscher Großstädte.
In dieser Situation – München erwartete seinen millionsten Einwohner – halfen keine Eingriffe mehr, keine Ventile und keine Behelfsbrücken und auch nicht die 16 Posten der Verkehrspolizei. Zumal immer mehr Menschen angelockt wurden: durch 58 Ladengeschäfte, acht Kinos, zahllose Büros, Kaufhäuser, Hotels, die Gebäude der Gerichte und einen Bierausschank mit 7000 Plätzen. Ein 1964 oberirdisch begonnener Umbau verschlimmerte nur noch die Lage.
Das tägliche Verkehrschaos war programmiert. 1965 beschloss der Stadtrat endlich einen grundlegenden Umbau. Unter der Erde sollte eine kleine Stadt mit künstlicher Luft und künstlichem Licht entstehen, 14 200 Quadratmeter groß. Etwa 200 Firmen schafften es in nur vier Jahren. Doch es war ein Loch ohne Boden. Die Kosten kletterten von den bewilligten 13,5 Millionen auf über 163 Millionen Mark. Oberbürgermeister Hans Jochen Vogel (SPD), von der CSU zum Rücktritt aufgefordert, ordnete eine Untersuchung des „Stachus-Skandals“ an; diese endete mit einer Rüge für Stadtbaurat Edgar Luther.
Dennoch wurde die 1970 eröffnete „schöne neue Unterwelt“ zu einem städtebaulichen Renommierprojekt, das neben der sich anschließenden Fußgängerzone und dem für 1972 entstehenden Olympiapark den Ruhm der Landeshauptstadt mehrte. Es habe „kein Vorbild im In- und Ausland“, behauptete der Leiter des Sonderbüros Stachus-Umbau. Auf einer Fläche von 55 000 Quadratmetern waren in knapp fünf Jahren in fünf Untergeschossen unter anderem entstanden: U- und S-Bahnhöfe, etwa 50 private Ladengeschäfte, Restaurants und Cafés, Zugänge zu Großkaufhäusern, 46 Rolltreppen, mehrere Zierbrunnen und Lichtbänder – „offener Markt und Galerie zugleich“, wie der Chefgestalter, Professor Paolo Nestler, schwärmte. Julius Kardinal Döpfner indes sah in den Dimensionen ein neues „Babylon oder Jerusalem“.
Und so wie einst die antiken Städte, so schien denn auch das unterirdische Babylon baldigem Verfall ausgesetzt zu sein. Weil allein der Unterhalt alljährlich vier Millionen Euro erforderte, blieb kaum ein Spielraum für städtische oder private Investitionen. Dringend nötige Sanierungen und Modernisierungen ließen auf sich warten. Schmutzig und finster wurde es in den Passagen, Parkebenen und Toiletten. Zur Jahrhundertwende meldeten deprimierte Geschäftsleute Umsatzrückgänge bis zu 50 Prozent.

Das ramponierte
Bauwerk übernommen


In dieser neuerlichen Notlage mussten die Stadtwerke München (SWM) im Oktober 2005 das ramponierte Stachusbauwerk übernehmen, um es zwei Jahre später einer Tochter der Landesbank Baden-Württemberg auf 33 Jahre zu verpachten. Diese Investoren wollten 30 Millionen Euro bereitstellen für den längst fälligen Umbau. Im September 2007 wählte eine Jury den Entwurf des Münchner Architektenbüros Allmann Sattler Wappner.
Der Hauptvorzug der neuen Stachus-Passagen ist eine wesentlich bessere Orientierung als bisher. So sind in den verschiedenen Gängen die Namen der oberirdischen Örtlichkeiten aufgeführt. Die einzelnen Ladeninseln wurden zu einer großen, zentralen Kreisfigur mit Abzweigung unter der Sonnenstraße zusammengefasst, das Labyrinth verschwand, die Menschenströme dürften sich künftig einigermaßen ordnen.
Alles ist klarer, heller, schöner geworden. Der flächendeckenden Ausleuchtung dienen 3800 weiße Metallkreise an den Decken sowie 2300 Meter LED-Leuchten an den Wänden. Von den 1000 Meter langen Handläufen sind 400 Meter für Sehbehinderte „greifbar“ und über 90 Meter durch Blindenschrift markiert. Der Information dienen 240 Lautsprecher, der Sicherheit 800 Brandmelder, 2600 Sprinkler und 1000 Sicherheitsleuchten.
(Karl Stankiewitz)

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