Bauen

Das Majolikahaus am Naschmarkt. (Foto: Wiegand)

30.09.2011

Klimt und seine Adepten

Die Wiener Architektur vereint Jugendstil und Postmoderne

Der Zeit ihre Kunst – Der Kunst ihre Freiheit“ steht in güldenen Lettern am Ausstellungsgebäude der Wiener Secession, erbaut 1898. Gekrönt wird der weiße Bau am Naschmarkt von einem ebenso güldenen Blättergebilde. „Goldenes Krauthappel“ (goldener Kohlkopf) sagten die Wiener spöttisch. Vorausgegangen war, nach Münchner Vorbild, die Gründung der Wiener Secession 1897. Gustav Klimt, Koloman Moser, Josef Hoffmann und Joseph Maria Olbrich gehörten zu den wichtigsten Vertretern der neuen Richtung. Von ihnen steht nächstes Jahr Gustav Klimt (1862 bis 1918) als einer der wichtigsten Wegbereiter der Moderne im Mittelpunkt. „Ein Kuss verändert die Welt“, titelt Wien zu seinem 150. Geburtstag. Damit ist Klimts berühmtestes Werk Der Kuss gemeint, zu sehen neben weiteren seiner Werke im Oberen Belvedere.
Klimt hat Wien und die Welt wach geküsst. Die Wurzeln seines Schaffens zeigt jedoch das Wien Museum, das neben wegweisenden Porträts auch 400 Zeichnungen Klimts besitzt. „Erstmals sollen alle 400 in unserer großen Ausstellung ab 14. Juli 2012 zu sehen sein“, betont Kuratorin Ursula Storch. Das Secessionsgebäude mit seiner klaren Linienführung erbaute jedoch nicht Klimt, sondern Olbrich, ein Schüler des berühmten Architekten Otto Wagner (1841 bis 1918). Er gilt als Vater der Wiener Variante des Jugendstils.
Wagner, der zuvor dem Historismus gehuldigt hatte, bekam als Generalplaner für die Wiener Stadtbahn ein Gespür für die zeitgemäße Verbindung von Form und Funktion. Der Stadtbahn-Pavillon für die Station Karlsplatz zählt zu seinen bekanntesten Werken. Der Anstrich des Pavillons nimmt Bezug auf das damalige Stadtbahn-Grün. Weißer Marmor und Gold stellen die Verbindung zur barocken Karlskirche her, erbaut durch Fischer von Erlach. Die Wiener, die den geplanten Abriss des Pavillons verhinderten, genießen nun dort ihren Kaffee.
Ein Genuss ist auch der Anblick von Otto Wagners Wienzeilenhäusern am Naschmarkt. Exquisit gibt sich die Nr. 38, reinweiß mit güldenem Dekor von Koloman Moser und einer gekonnten Ecklösung in Form eines Viertelkreises. Daneben die Nr. 40, das so genannte Majolikahaus, dessen Fassade durch florale Muster auf den Kacheln belebt wird. Die sind abwaschbar, hatte doch Otto Wagner die nachhaltige Schönheit des Hauses im Sinn.
Diese Jugendstilbauten von 1898/99 gewannen alsbald die Herzen. Doch 1910/11 – beim Bau des Loos-Hauses am Michaelerplatz – hagelte es Proteste. Die nackte Fassade empörte sogar den Kaiser. Nach einem Baustopp ließ Architekt Adolf Loos bronzene Blumenkästen als Schmuck unter den Fenstern anbringen. Das „augenbrauenlose“ Haus hieß es dennoch mit Wiener Schmäh.

Hetzkampagnen
gegen das „Haas-Haus“


Um 1990 gingen die Wogen nochmals hoch. Eine Hetzkampagne wurde gegen Hans Holleins „Haas-Haus“ angezettelt. Schon der Bau erregte Proteste, noch mehr aber sein Standort gegenüber dem Stephansdom. Doch wie schön spiegeln sich die Domtürme in seiner Glasfront. Inzwischen gilt das Haas-Haus als gelungener Kontrapunkt im historischen Zentrum und Hans Hollein (geboren 1934) schon lange als Stararchitekt.
Das MuseumsQuartier MQ von 2001 wurde schneller akzeptiert, vor allem das weiße Leopold Museum. Dagegen war das aus strengen grauen Basaltblöcken bestehende MUMOK (Museum Moderner Kunst) eher gewöhnungsbedürftig. Womöglich ist der Erfolg des MQ nicht nur den Ausstellungen zu verdanken, sondern ebenso den bunten Liegen, auf denen sich viele gerne sonnen.
Zur Parademeile für modernes Bauen ist jedoch das Donaukanalufer mit seinen drei futuristischen Hochhäusern avanciert. Von der gegenüberliegenden Seite betrachtet steht links der Vorreiter, der im Jahr 2000 von Hans Hollein realisierte Generali Media Tower. Rechts außen ragt Heinz Neumanns Uniqa Tower von 2005 stolze 75 Meter empor. Dazwischen, sich aber freundlich zum Hollein-Bau neigend, steht nun Wiens neuester Stolz: das Ende 2010 fertiggestellte PS1, erbaut von Jean Nouvel unter Mitarbeit von Heinz Neumann & Partner. Das PS1 beherbergt mit dem „Sofitel Vienna Stephansdom“ auch das modernste Luxushotel der Stadt.
Nouvels Glasfassade spielt – ähnlich wie bei seinem Wiener Gasometerhaus – versiert mit Lichtreflexen. Der Stephansdom ist zwar nur in der Ferne zu sehen, doch die Dachschräge korrespondiert mit dem Dach des Gotteshauses, allerdings in hellen und dunkelgrauen Mustern. Eine pfiffige Idee ist der vertikale Garten von Patrick Blanc an der nächsten Hauswand. Der zeigt sich aber erst, wenn Besucher und Hotelgäste den gläsernen Fahrstuhl hinten in der Halle benutzen. Für gut betuchte Gäste ist das Dachrestaurant mit Blick auf Wien eine angesagte Adresse. So gesehen haben die Stararchitekten von heute erfolgreich den Weg fortgesetzt, den Otto Wagner, Gustav Klimt und Mitstreiter gewagt haben. Denn auch jetzt gilt: „Der Zeit ihre Kunst – Der Kunst ihre Freiheit.“ (Ursula Wiegand)

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