Bauen

Die restaurierte Fassade des Königsbaus der Residenz München. (Foto: Pfeil)

20.09.2013

Komplizierte Steinchirurgie

Fassadenrestaurierung am Königsbau der Residenz München

Der Königsbau der Residenz München war der Sitz von König Ludwig I. und damit – zumindest in der Mitte des 19. Jahrhunderts – die wichtigste Adresse in der bayerischen Haupt- und Regierungsstadt. Natürlich gibt es heute auch noch andere hochbedeutende Denkmalfassaden, wie zum Beispiel die von Architekt Friedrich Bürklein gestalteten steinernen Gesichter des Maximilianeums oder der Regierung von Oberbayern. Aber der Königsbau war eben die „königliche Adresse“ an einem der zentralsten Plätze, dem heute im Stadtgefüge leider noch unterbewerteten Max-Josef-Platz.
Architekt des dreigeschossigen, mehr als 30 Meter hohen Königsbaus war Leo von Klenze. Er musste mehrere Entwürfe liefern, bis schließlich eine Kombination der Florentiner Palazzi Rucellai und Pitti zur Ausführung kam. Wichtig war dem König die Nähe des Fassadenmaterials zur Florentiner „Pietra serena“, deren Graugrün ihm aus dem geliebten Italien in Erinnerung geblieben war. Und damit begannen schon zur Erbauungszeit die – späteren – Probleme.
Auf der Suche nach dem grünen Stein stieß man im Donautal bei Kelheim auf ergiebige Vorkommen eines Materials, das schon seit Jahrhunderten verwendet wurde und das durch sein reiches Farbenspiel mit gelblichen und bräunlichen Varianten sehr reizvoll war. Der Nachteil des „Abbacher Grünsandsteins“ war dessen geringe Dauerhaftigkeit, aber angesichts der riesigen Blöcke, die der Steinbruch lieferte, wurde dieser Nachteil hingenommen.
Und so kam es, wie es kommen musste. Bereits zu Zeiten Ludwig II. wurde der langsame Verfall des empfindlichen Steins bemerkbar. Unter Prinzregent Luitpold begann eine erste umfassende Sanierung der Steinfassaden, die 1899 abgeschlossen wurden. Damals wurden viele Gliederungselemente der Fassade mit einem anderen Stein, dem „Lichtenauer Keuper“ aus der Gegend um Ansbach ausgebessert, der stabiler war, dessen Farbe und Struktur aber nicht der Qualität des Abbacher Grünsandsteins gleichkam und daher wie ein Fremdkörper im Fassadenverband wirkte.

Beton-Fertigteile als Ersatz


In den 1930er Jahren musste die Fassade erneut saniert werden. Inzwischen war man dazu übergegangen, für herausgehobene Fassadenteile wieder den überzeugenderen Abbacher Grünsandstein zu verwenden. Kaum zehn Jahre später, 1944, fiel die Münchner Residenz den Bomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer.
In den ersten Nachkriegsjahren verfiel der Königsbau weiter. 1958 sollten anlässlich des 800. Gründungsjubiläums Münchens auch die Fassaden der Residenz wieder in alter Pracht erstrahlen, die Kriegsschäden an der Königsbaufassade mussten schnell saniert werden. Da aber die Steinbrüche in Bad Abbach aufgegeben worden waren und in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit keine neuen Brüche erschlossen werden konnten, erfand die damalige Residenzbauleitung unter Führung des späteren Ehrenbürgers der Stadt, Otto Meitinger, eine intelligente Sparlösung: Man verwendete eingefärbte Beton-Fertigteile, deren Ersatzcharakter in der Höhe der Fassade kaum zu erkennen war.
Diese Betonplomben wurden zur Ausbesserung der großen Fehlstellen in der Fassade verwendet. Sie wurden mit Eisenarmierungen, allerdings ohne sicheren Rostschutz, in die Fassade verankert. Diese Lösung hielt erstaunlich lange, bis gegen Ende der 1990er Jahre erste abstürzende Betonbrocken die Schlösserverwaltung als Eigentümerin der Residenz aufschreckten.
Über mehrere Jahre wurden die Fassaden mit Hubsteigern mühsam abgefahren, um lockere oder hohl klingende Teil abzunehmen. Die Eisenarmierungen der Betonplomben waren verrostet und hatten ihren Halt verloren, größere und kleinere Fragmente drohten herabzustürzen. Bei diesen Arbeiten mussten – wie beim Zahnarzt, der kariöse Stellen umfassender ausbohrt – auch intakte Steinbereiche mitentfernt werden. Tonnen an Schutt wurden jährlich abtransportiert, der Königsbau war so schon lange vor Beginn der Sanierungsmaßnahmen zur Baustelle geworden.
Als die Schlösserverwaltung den Planungsauftrag zur Fassadensanierung erhielt, musste ein Restaurierungskonzept entwickelt werden. Zunächst wurde auch die Sanierung der Beton- und Putzplomben der 1950er Jahre diskutiert, aber nicht nur unter gestalterischen und denkmalpflerischen Gesichtspunkten wäre die Lösung unbefriedigend gewesen, sie hätte bei dem fortschreitenden Rost der Eisenarmierungen auch keinen dauerhaften Schutz gewährleisten können und wäre kaum günstiger gewesen als der schließlich favorisierte Austausch der Betonplomben durch Naturstein.
Erst wenige Jahre zuvor hatte die Schlösserverwaltung bereits den Grünsandstein bei der Sanierung der Allerheiligen-Hofkirche verwendet und wusste daher, dass – trotz der aufgegebenen Originalsteinbrüche – in deren Nähe weitere Bestände dieses Werkstoffs lagerten, die bereits beim Bau der Neuen Pinakothek verwendet worden waren. Es gelang, diese übrig gebliebenen Restbestände zu sichern, obgleich es zeitgleich auch andere Interessenten gegeben hatte. Schnelles Zugreifen war gefragt, der noch vorhandene Bestand reichte gerade noch für die Sanierung der Königsbaufassade aus. Heute ist auch dieser Steinbruch aufgegeben.
Bei der Diskussion um das Restaurierungs- und Sanierungskonzept war auch der Grad der Reinigung der geschädigten Oberflächen ein wichtiges Thema. Die Steinoberflächen wiesen eine jahrzehntealte Patina auf, sie waren vergraut und vergipst und wirkten daher schäbig. Dennoch ist es ein denkmalpflegerisches Anliegen, möglichst viel von der Originalsubstanz zu erhalten. Man hätte diese „original gealterten“ Oberflächen auch unverändert lassen können, aber im Verbund mit dem neuen Stein, der die alten Betonplomben ersetzen sollte, hätte diese Nachbarschaft nicht überzeugend gewirkt. Eine künstliche Nachverschmutzung der neuen Steinoberflächen kam allerdings auch nicht in Frage, das hätte ein schachbrettartiges Gefüge neuer, hellerer und älterer, dunkler Stellen zur Folge gehabt. Erst das komplette Reinigen der gealterten Oberflächen sicherte im Verbund mit der Verwendung des bauzeitlichen Abbacher Grünsandsteins, dass das einheitliche Erscheinungsbild der Fassade des Königsbaus wieder wie zu dessen Erbauungszeit entstehen konnte.
Der Verlust der original gealterten Steinoberflächen wurde als das geringere Übel bewertet, zumal da die bis zu einem Meter tiefen Sandsteinblöcke eine geringfügige Abnahme von originalem Steinmaterial zuließen.
Als planerische Grundlage für den Ersatz der alten Betonteile durch Naturstein musste das originale Maßsystem des Baus rückermittelt werden. Leider hatten weder Bestelllisten der Steinlieferanten aus der Erbauungszeit beziehungsweise Ausführungspläne die Zeiten überstanden. Die Architekturtheoretiker der Renaissance, auf denen Klenze seine Entwürfe aufbaute, entwarfen aber nicht auf der Grundlage desselben Maßsystems, das die Handwerker benutzten. Sie verwendeten ein eigenes System und zwar den „halben unteren Durchmesser einer geeigneten Säule“, den so genannten Modulus, und teilten diesen in 24 Untereinheiten, die „Partes“ auf. Alle Abstände zwischen den Säulen, die Höhenverhältnisse zwischen Brüstung, Säule und Gebälk wie auch die Detailmaße wurden über dieses System definiert.

Vier Achsenmaße


Durch mühevolle Rückermittlung dieses Systems konnten schließlich die Maßverhältnisse der Königsbaufassade rekonstruiert werden. Es kommen vier Achsmaße vor: Vier schmälere und drei zentrale breitere Fensterachsen an der Residenzstraße sowie 18 schmälere und ebenfalls drei breitere Fensterachsen am Max-Joseph-Platz. Zwei Geschosse weisen unterschiedliche Pilasterbreiten auf – gemäß den Säulenbreiten der Antike – und ihre Kanten wurden so stark überarbeitet, dass kein exaktes Breitenmaß mehr abzunehmen war. Hier half eine weitere Überlegung weiter: In einer Zeit, die weder Taschenrechner noch Computer kannte, musste die Umrechnung der Moduli und Partes in die gängigen Fuß-, Zoll- und Linienmaße einfach durchzuführen sein.
In der Zusammenschau aller Einflussgrößen ergab sich schließlich ein Modulus von einem Fuß und einem Zoll – zu 31,7 Zentimeter – und daraus ein Pars von 6,5 Linien zu 1,32 Zentimetern. Überraschend stimmige Zahlenwerte, auf Basis derer eine Rekonstruktion des Proportionssystems an der Fassade erst möglich wurde.
Die auf diese Modulmaße gestützte Produktion ergab passgenaue und formschöne Werkstücke. Das Einsetzen der bis zu eine Tonne schweren Natursteinblöcke in die Fassade mit Rückverankerungen durch Edelstahlelemente erforderte ein besonderes Maß an Präzision und technischem Geschick. Auch kleinere Fassadenelemente wie Platten oder Bossen wurden nicht nur, wie bei modernen Neubauten üblich, einfach vorgehängt, sondern fest in das Fassadengefüge eingesetzt und hauchdünn verfugt. Eigenständig tragend bilden diese neuen Teile der Fassade eine konstruktive Einheit mit dem Rest des historischen Quaderwerks.
Aus konservatorischen, aber natürlich auch ökonomischen Gründen, wurden geringer geschädigte Natursteine, die mindestens zur Hälfte noch brauchbar waren, nach der Abnahme ihrer gefährlichen Betonplomben nur an Fehlstellen ergänzt. Dabei kamen über Edelstahlarmierungen für diesen speziellen Fall eigens entwickelte mineralische Ersatzmassen zum Einsatz. Das bekrönende Gesims des Mittelbaus mit seinen hochwertigen Naturstein-Fertigteilen aus der Erbauungszeit konnte, abgesehen von einem dünnen Schutzanstrich und einzelnen Ausbesserungen, unangetastet bleiben. Die extrem der Witterung ausgesetzten Balustraden über den Seitenflügeln wurden, wie schon 1958, als Betonfertigteile erneuert.
Neben der Sanierung der Fassaden wurden unter anderem aber auch alle Kupferverblechungen überarbeitet und teilweise erneuert und die 65 riesigen Fenster denkmalgerecht saniert.
In den insgesamt knapp 14 Millionen Euro, die für die Sanierung der Königsbaufassade erforderlich waren, sind auch die aufwändigen, über sechs Meter tiefen Baugerüste enthalten, die neu gedeckten Dächer und die Putzfassaden auf der Rückseite des Königsbaus. Dort gibt es noch einen beachtlichen Bestand an originalen Oberflächen aus der Klenzezeit, ein bauhistorischer Schatz, der kriegsbedingt sonst fast durchgängig verloren gegangen ist. Die Festigung und Ergänzung dieser Putze, ihr stilgerechter Anstrich und die Behandlung einer ebenfalls großen Zahl weiterer Fenster wird in absehbarer Zeit zum Abschluss kommen. Leo von Klenzes Königsbau konnte in einem auch unter denkmalpflerischen Aspekten überzeugenden Zustand zurückgewonnen werden. (Mathias Pfeil/Hermann Neumann)

(Eintrag eines neuen Steins in die Fassade - Fotos: Pfeil)

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