Bauen

Die Fassade des Wohnhochhauses. (Foto: WSP Deutschland AG)

25.05.2012

Loggien wurden in die Gebäudehülle einbezogen

Sanierung des studentischen Wohnhauses Oberwiesenfeld in München

Das Studentenwohnheim am Helene-Mayer-Ring ist Teil der Studentenwohnanlage Oberwiesenfeld mit insgesamt 2053 Schlafplätzen. Die Gesamtanlage wurde anlässlich der Olympischen Spiele 1972 in München errichtet und ist heute ein denkmalgeschütztes Ensemble. Das Hochhaus selbst wurde als Bestandteil des Olympischen Dorfes für Frauen im Zeitraum von 1969 bis 1971 nach den Plänen des Architekten Günther Eckert errichtet. Es umfasst 801 Appartements mit je 18,94 Quadratmetern Grundfläche inklusive Loggia, verteilt auf 15 bis 19 Geschosse, die durch zwei Kerne erschlossen werden. Zur Reduzierung der Bauzeit wurde das Hochhaus im Bausatzverfahren mit vorgefertigten Betonelementen errichtet.
Das Gebäude besteht aus drei Grundelementen: einem tragenden, windsteifen Rahmenelement, das zugleich die Loggia bildet; einem Tragbalken und einer raumgroßen Deckenplatte. Durch diese tragende Raumstruktur entstanden stützenfreie Geschossflächen, die offene, flexible Grundrissformen ermöglichten. Entsprechend der Flexibilität und Variabilität des Bausystems ließen sich vorgefertigte Ausbauelemente sehr gut in die Struktur integrieren. So konnte der Ausbau weitestgehend vorgefertigt werden. Schwerpunkt dabei waren die Kompaktnasszellen aus GFK, die eigens für diese Wohnanlage entwickelt wurden und ein Novum in der sanitären Vorfabrikation darstellten.
Nach heutigen Gesichtspunkten entsprach das Gebäude insbesondere hinsichtlich des Energiebedarfs und des Brandschutzes nicht mehr den gestellten Anforderungen. Bedingt durch die außenliegende Tragkonstruktion ergaben sich Wärmebrücken, die einen hohen Energiebedarf verursachten. Durch die konstruktiv notwendige Fuge zwischen Außenwandelement und Balkonrahmen war ein ungehinderter Brandüberschlag zwischen den Geschossen möglich. Die vorhandene Gebäudestruktur mit vorgelagerter Loggia musste auch hinsichtlich der Nutzung kritisch hinterfragt werden. So wurden die Zimmergrößen nach den heute gültigen Richtlinien deutlich unterschritten, während die Loggien unter anderem aufgrund der Taubenproblematik meist ungenutzt bleiben oder zweckentfremdet als Abstellfläche genutzt werden.
Mit der Komplettsanierung sollte das Gebäude entsprechend den heutigen baulichen und haustechnischen Anforderungen umgebaut und nachgerüstet werden.
Hinsichtlich der Sanierung wurden verschiedene Lösungsansätze zum Umgang mit dem Bestand untersucht. Im Ergebnis des Planungsprozesses wurde entschieden, die Loggien in die Gebäudehülle einzubeziehen. Dabei wurde das ursprüngliche Entwurfsthema der modularen Bauweise wieder aufgegriffen und in Form von neuen, plastischen Fassadenelementen weitergeführt. Die charakteristischen Entwurfsmerkmale der Elementfassade mit ihrer starken Plastizität blieben erhalten, wurden jedoch unter Beachtung der heutigen Anforderungen neu interpretiert.
Die Planung, mit der das Dresdener Büro Knerer und Lang Architekten betraut war, sah eine neue gedämmte Vorhangfassade vor, die alle wesentlichen Elemente der Bestandsfassade aufnimmt: ein neues vorgehängtes Rahmenelement aus Tafeln aus Faserbeton/Faserbetonformteilen oder als Betonfertigteil in Anlehnung an die Bestandsloggia; ein zurückgesetztes Fensterelement aus Aluminium mit 3-fach Verglasung in Anlehnung an das vorhandene Fassadenelement sowie ein großformatiges Brüstungsfeld als Stahl-Pressformteil in Anlehnung an die vorhandene GFK-Brüstung.

Erneuert wurden die Fassaden der Giebelseiten


Durch die neue Vorhangfassade wurden mehrere Probleme, unter anderem Brandschutz, Wärmebrückenproblematik sowie Vergrößerung der Appartements – Flächengewinn von rund 3,6 Quadratmetern –, gleichzeitig gelöst. Der Fassadenentwurf wurde im Rahmen der Stadtgestaltungskommission im Januar 2010 zustimmend zur Kenntnis genommen.
Die Fassaden der Giebelseiten wurden im Zuge der Sanierung erneuert und mit einer nicht brennbaren Wärmedämmung gemäß EnEV-Nachweis ausgeführt. Die Fassadenbekleidung erfolgte in Anlehnung an den Bestand mit großformatigen Fassadentafeln aus Faserzement.
Die Fassaden der Treppenhaus- und Aufzugskerne waren im Bestand aus ungedämmten, geschosshohen Sichtbetonfertigteilen ausgeführt. Zur Verhinderung von Vertikalverschiebungen zwischen ungedämmten und gedämmten Tragkonstruktionen war es aus statischen Gründen zwingend erforderlich, auch die aussteifenden Kerne von außen zu dämmen. Die Fassaden wurden entsprechend der Giebelseiten mit einer neuen gedämmten Vorhangfassade aus großformatigen Fassadentafeln aus Faserzement ausgeführt.
Die vorhandenen Flachdächer und Terrassen wurden gemäß Brandschutzkonzept mit einer harten Bedachung ausgeführt. Zur Erfüllung der heutigen Wärmeschutzanforderungen wurde eine nicht brennbare Wärmedämmung entsprechend EnEV-Nachweis aufgebracht. Die Dachentwässerung und sämtliche Verblechungen mussten erneuert werden. Außerdem musste die nach heutigen Richtlinien geforderte Notentwässerung der Dachflächen hergestellt werden.
Der ursprüngliche Charakter der Erdgeschosszone mit durchfließender Landschaft sollte wiederhergestellt werden. Dazu wurden die vorhandenen, vergitterten Fahrradabstellräume entfernt. Die Fahrradstellplätze wurden parallel zur geplanten Sanierung des Studentenwohnheims im benachbarten Parkdeck untergebracht. Die Umnutzung des Parkdecks war jedoch nicht Bestandteil des Bauantrags. Zur weiteren Öffnung der Erdgeschosszone wurde das nachträglich angebaute Möbellager in Achse 20-22 ausgelagert und zurückgebaut. Zur Vermittlung des Höhenversprungs zwischen Ost- und Westseite wurden neue Treppenanlagen in Verlängerung der geschlossenen Gebäudebereiche vorgesehen. Der entstandene Freiraum fungiert jetzt als Treffpunkt für Studenten mit Sitzstufen zum Verweilen und Entspannen.
Die vorhandene Lichtschachtsituation vor den Technikräumen entlang der Westseite wurde durch eine rund einen Meter hohe Geländeauffüllung behoben. Die bislang notwendigen Absturzsicherungen, in Form von Stahlbetonbrüstungen und Vergitterungen, können nun entfallen. Der Außenraum wurde bis zum Gebäude hin zugänglich und bespielbar. Aufgrund des gestiegenen Platzbedarfs für haustechnische Installationen und Geräte wurde die vorhandene Technikzentrale im nördlichen Gebäudeteil A um zwei Achsen nach Norden hin erweitert. Zwischen Achse 1 und 2 gibt es jetzt eine Rampe, die eine kurze und direkte Verbindung zwischen Parkdeck und Mensa schafft.
Der südliche Gebäudebereich erhielt eine 2-seitige Treppenanlage über Eck, so dass zukünftig eine direkte Wegebeziehung zwischen Bungalowdorf und Parkdeck geschaffen wird. In den Foyers von Haus A und B sind jetzt alle Briefkastenanlagen zentral untergebracht. Aufgrund des erhöhten Platzbedarfs wurden die Eingangsbereiche dafür geringfügig vergrößert. Zur Verbesserung der Zugangskontrolle wurden im Erdgeschoss Klingelanlagen mit Gegensprechanlage installiert.
Die neuen Trennwände zwischen den Appartements und die Trennwand zum Flur wurden gemäß Brandschutzkonzept in Trockenbauweise in F90-A Qualität neu erstellt. Die Wohnungseingangstüren sind als T30-RS-Türen ausgeführt. Zur Verbesserung des Schallschutzes wurde ein neuer fünf Zentimeter hoher Fußbodenaufbau aufgebracht. Der vorhandene, direkt auf der Rohdecke verklebte Nadelfilzbelag wurde entfernt und durch einen pflegeleichten Linoleum- oder Kautschukbelag auf Trockenestrich mit trittschalldämmender Unterlage ersetzt. In Kombination mit einer neuen biegeweichen Unterhangdecke mit 40 Millimeter Mineralfaserdämmung und den deutlich verbesserten Trennwänden werden die heutigen Anforderungen an den Mindestschallschutz nach DIN 4109 erfüllt.
Jedes Appartement besitzt nach der Sanierung eine Wohnfläche von 18,55 Quadratmetern. Vorher kaum genutzt, ist die Loggia nun Teil des Appartements. Durch den Flächengewinn kann der Grundriss besser organisiert werden: Im vergrößerten Eingangsbereich wurde eine Garderobe integriert, die bislang ungünstig hinter der Tür liegende Miniküche erhielt durch die neue Anordnung die notwendige Bewegungsfläche. Zwischen Küche und Schlafbereich gibt es einen offen gestalteten Raumteiler. Dieser zoniert das Appartement und ist von beiden Seiten als Staufläche nutzbar. Ein integrierter Klapptisch fungiert als Esstisch, der bislang im Appartement nicht untergebracht werden konnte. Zur optimalen Platzausnutzung ist die Badzelle wieder als GFK-Fertigzelle in der benötigten Sonderabmessung ausgeführt.
Jedes Appartement erhielt ein Fensterelement mit öffenbarem Schwingflügel ohne zusätzliche Unterteilung. Durch das Vorrücken der Fassade in Loggienebene wird die Belichtung der Appartements trotz Flächenvergrößerung erheblich verbessert. Durch eine 90 Zentimeter hohe Brüstung ist zudem ein Ausblick im Sitzen möglich. Zur Einhaltung des sommerlichen Wärmeschutzes gibt es einen innenliegenden Sonnen-, Blend- und Sichtschutz mit weißer oder reflektierender Oberfläche und geringer Transparenz. (BSZ)

(Blick in ein Appartment sowie die Briefkastenanlage des Wohnhochhauses - Fotos: WSP Deutschland AG)

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