Bauen

Das Mobilitätsverhalten ändert sich ständig. (Foto: Lutz Stallknecht/Pixelio.de)

09.01.2015

Mehr Mut zu innovativer Verkehrstechnik

Straßeninfrastruktur und Sicherheit verbessern

Zu Beginn der Jahrtausendwende wurde das Kunstwort „Telematik“ (zusammengesetzt aus Telekommunikation und Informatik) vom Modebegriff zum allgemeinen Unwort. Überzogene Erwartungen und Versprechungen waren hierfür die Hauptursache. Märchenhafte Steigerungen der Leistungsfähigkeiten der Straßeninfrastruktur und der Verkehrssicherheit wurden durch die neuen Verkehrssysteme nicht erfüllt und so schwand verständlicherweise das Vertrauen in moderne Verkehrstechnik und auch die Investitionsfreudigkeit in diese.
Einige Automobilhersteller glaubten sogar, die durch die Fahrzeuge erzeugten Verkehrsdaten werden mehr wert sein als die Autos selbst. Es gab auch Firmen (Comroad AG) am „Neuen Markt“, die durch zauberhafte Geschäftsentwicklungen und Kursentwicklungen glänzten, aber durch reinen Betrug, wie sich dabei später herausstellte.

Das Vertrauen in die
Technik bleibt beschränkt


Man versprach sich sehr viel durch die neue Technologien, doch die Erwartungen und Ansprüche wurden kaum erfüllt. Dies führte in der Folge dazu, dass der Begriff „Telematik“ verschwand. Mit ihm gerieten leider auch die entsprechenden Ideen und Technologien etwas ins Hintertreffen.
Heute bezeichnen wir telematische Systeme als „ITS“ (Intelligente Transportsysteme) – ein neuer Begriff ist also erfolgreich gefunden. Das Vertrauen in die Technik blieb und bleibt aber beschränkt. Zu Unrecht. Denn in der Zwischenzeit haben sich viele Basistechnologien der Verkehrstechnik, wie zum Beispiel mobile Datenkommunikation und Smartphones, rasant weiterentwickelt und stehen quasi ubiquitär zur Verfügung.
Schnelle mobile Kommunikation, Datenerfassungsmethoden und mobile Endgeräte ermöglichen heute völlig neue Ansätze. Beispiele hierfür sind dynamische Navigation mit qualitativ hochwertigen Echtzeitverkehrsinformationen, Fahrzeug-Infrastrukturkommunikation zur Verkehrssteuerung und vollflexibles Car-Sharing, wie zum Beispiel Drive-Now.
In der Praxis sind die Bedenken jedoch nach den Jahren der Enttäuschungen nach wie vor groß. Es gilt sowohl für den Verkehr innerorts als auch außerorts häufig noch der Leitspruch „Asphalt kommt vor Verkehrsmanagement“, das heißt, lieber wird noch in eine zusätzliche Spur oder Ähnlichem investiert als zu versuchen mit modernen, weiterentwickelten Steuerungsverfahren den Verkehr zu optimieren.

Vieles hätte einen Praxiseinsatz verdient gehabt

Nach den durchaus häufig in der Vergangenheit zu optimistisch angepriesenen Verfahren durchaus verständlich, aber schade, denn es haben sich viele neue Möglichkeiten und Ansätze, beispielsweise im Bereich der Streckenbeeinflussungsanlagensteuerung ergeben, die einen umfangreichen Praxiseinsatz verdient hätten.
Ebenso kann man feststellen, dass nach der übertriebenen Technologiegläubigkeit während der „Telematikphase“ heute das Pendel in die andere Richtung ausschlägt. Die eingesetzten Steuerungsverfahren, zum Beispiel im Bereich der Lichtsignalsteuerung (Ampelsteuerung), können gar nicht einfach und schlank genug sein, man glaubt „je simpler, desto besser“. Manchmal mag dies ja auch stimmen, doch die meisten modernen Steuerungsverfahren berücksichtigen heute die Anforderungen der unterschiedlichen Verkehrsarten, wie zum Beispiel Auto, Trambahn, Bus, Radfahrer und Fußgänger besser und führen zu einer insgesamt ausgewogeneren Verkehrssteuerung bei geringeren Wartezeiten für alle, bei geringeren Emissionen und auch weniger Lärm.
Neben dem fehlenden Mut, auf verkehrstechnische Lösungen statt Infrastrukturmaßnahmen zu setzten und dem mangelnden Vertrauen in neue innovative Steuerungsansätze ist auch zu beobachten, dass kaum noch neue, in anderen Ländern durchaus erfolgreiche verkehrstechnische Systeme getestet beziehungsweise installiert werden. Man versucht mit den Standardtechniken die entsprechenden Verkehrsprobleme zu lösen. In den USA werden seit fast 30 Jahren sehr erfolgreich Sonderspuren für Fahrzeuge mit einem hohen Besetzungsgrad (mehr als 2-3 Personen) installiert. In Deutschland wurde diese Maßnahme noch kein einziges Mal, nicht einmal in einem kleinen Feldtest untersucht. Ähnliches gilt für Zuflussdosierungsanlagen auf Autobahnen, die bisher eher nur sporadisch bei uns zum Einsatz kommen.
Dies ist ebenfalls bei der Installation öffentlicher Ladeinfrastruktur zu beobachten. Es wird hier etwas zu passiv agiert, anstatt die Energiewende und Elektromobilität auch zu einer „Verkehrswende“ werden zu lassen und dies proaktiv zu gestalten.
Etwas „mehr Mut zu innovativer Verkehrstechnik“ wäre also durchaus wieder angebracht. Ein besser funktionierendes, effizienteres, emissionsärmeres Gesamtverkehrssystem wäre sicherlich die Folge. (Klaus Bogenberger)

(Der Autor ist Mitglied der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und Professor am Institut für Verkehrswesen und Raumplanung der Bundeswehr-Universität München)

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