Bauen

Das River Park Areal mit dem Japanischen Garten. (Foto: Schuh)

06.09.2013

Nah am Wasser gebaut

Ein architektonischer Streifzug durch Bratislava

Für Osteuropa-Kenner ist sie längst kein Geheimtipp mehr: Bratislava, die Hauptstadt der Slowakei. Sie liegt nur knapp 70 Kilometer von Wien entfernt. Keine europäischen Hauptstädte stehen sich derart nah wie Wien und Bratislava – deshalb werden seit langem große Teile der Stadt- und Regionalentwicklung der beiden Donaustädte gemeinsam geplant. „Twin Cities“ – Zwillingstädte – heißt das Konzept. Bratislava hat sich in jüngster Zeit derart städtebaulich verändert wie keine andere Metropole entlang der Donau.
Wer jedoch nur durch die autofreie, historische Altstadt spaziert oder sie bequem mit der Bimmelbahn hinter Plexiglas erkundet, bekommt davon nicht viel mit. Der dänische Schriftsteller Hans Christian Andersen (1805 bis 1875) hat sie einst als die schönste Europas bezeichnet. Und es stimmt: Der Stadtkern versprüht viel k.u.k.-Charme. Es finden sich elegante Adelshäuser im Renaissance- und Barockstil, alte Plätze, das Nationaltheater, Kopfsteinpflastergassen, Gaslaternen, Cafés und Gebäude, in denen Mozart und Liszt als Kinder gastierten. Über allem thront die Burg, die auf einer Anhöhe mit ihren vier Türmen und dem schneeweißen Angesicht über dem linken Donauufer leuchtet.
Der gotische Martinsdom mit der goldenen Krone war von 1536 bis 1830 Krönungskirche der ungarischen Monarchie. Statt des von Türken belagerten Budapest war das damalige Pressburg ab 1536 Hauptstadt des ungarischen Königreichs. Zehn ungarisch-österreichische Könige wurden im Dom gekrönt – darunter Maria Theresia. Auch in der Raneyss-Gasse Nr. 4 lässt sich Hübsches entdecken, das auch Hundertwasser hätten bauen können: Hier steht eine strahlend-pastellblaue Kirche mit für den Jugendstil typischen schwungvollen Bögen und Formen: die Sankt-Elisabeth-Kirche. Wegen ihrer Außenfassade und des blauen Mosaiks wird sie im Volksmund „blaue Kirche“ genannt. Gebaut wurde sie nach den Plänen des Ungarn Ödön Lechner im so genannten Sezessionsstil. Im Mini-Europa in Brüssel steht eine Miniaturausgabe der blauen Kirche symbolisch für die Slowakei.

An den Rändern bröckeln die Bauten


Von der rund 40-jährigen Zugehörigkeit zum Ostblock ist im Stadtzentrum nichts mehr zu spüren. Es strahlt in sanften Farben, alles wurde „schönsaniert“. Erst an den Rändern der Altstadt bröckeln die Bauten, blättert der Putz, reihen sich die Sozialbauten aneinander. Hier findet sich ein morbider Charme des Alten.
Noch Jahre nach der Wende konzentrierten sich Bewohner und Touristen auf die schön renovierte Altstadt – nur einige Hotelfenster erlaubten einen Blick auf den Fluss. Schade eigentlich. Wer im Kern bleibt, verpasst was.
Inzwischen hat sich das mit der Donauausrichtung entschieden gewandelt: Zum Beispiel mit dem neuen Shopping-, Apartment- und Bürozentrum namens „Eurovea“ am Rand der Innenstadt, das sich gerne als ein ultramodernes Wohn-, Kultur- und Einkaufszentrum präsentiert. Der Name setzt sich aus „Europa“ und „Vea“ (Weg) zusammen. Mit dem modernen Viertel, das 2010 fertiggestellt wurde, will Bratislava anderen europäischen Metropolen – vor allem Wien – ein Stück weit näherkommen. Hingestellt hat den Komplex für 450 Millionen Euro die irische Investmentgruppe Ballymore. Es liegt am Donauufer, gleich gegenüber befindet sich das neue Nationaltheater. Internationale Ketten, Restaurants und Cafés haben die Läden am Fluss gemietet. Mit dem zwei Hektar großen Uferpark samt Aussichtsbrücken gibt es nun viel Raum zum Spazierengehen, Schauen und Entspannen. Und endlich einmal hat ein Großprojekt die Donau einbezogen, mit der man sich in Bratislava städtebaulich bisher nie recht anfreunden mochte. Es brachte der Stadt endlich Donaukontakt und einen modernen Einkaufsboulevard.

Eine zwei Kilometer lange Promenade

Die Attraktivität des breit dahinfließenden Flusses machte sich auch die slowakisch-tschechische Investorengruppe J&T zunutze, die am anderen Ende der Innenstadt, unterhalb der Burg, mit dem River Park ein zweites Areal mit hypermoderner, zeitgenössischer Architektur ans Donauufer setzte. Das neue Areal wurde ebenfalls 2010 fertiggestellt. Mit seiner exponierter Lage und der auffallenden Architektur direkt an der Donau hat der River Park das Bild Bratislavas nachhaltig verändert. Allen voran das Kempinski Hotel River Park mit seinem markanten L-förmigen Bau, der mit einem Gebäudetrackt in die Donau hineinzuragen scheint.
Das Innere des Hauses hat die slowakische Innendesignerin Zuzana Cambelová entworfen. Mit italienischem Mobiliar, schwarzem Marmor und Rosenholzböden ist das Interieur geprägt von modernem Design. Das Hotel ist das Herzstück und Teil eines großen Stadtplanungsprojekts mit Luxuswohnungen, Geschäften, Büros, Bars und Restaurants. Fünf-Sterne-Lifestyle wird hier propagiert.
Federführend für die Planung des gesamten River Parks war der preisgekrönte, niederländische Architekt Erick van Egeraat. Der neue Park verbindet das Donauufer und die zehn Minuten Fußweg entfernte historische Innenstadt miteinander und will, so die Absicht der Planer, „den kosmopolitischen Lifestyle der modernen, jungen Slowakei“ widerspiegeln. Entlang der zwei Kilometer langen Promenade lässt sich das Gebiet gut zu Fuß erkunden. (Claudia Schuh)

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