Bauen

Der alte und neue Präsident der Bayerischen Architektenkammer, Lutz Heese. (Foto: BYAK)

29.07.2011

„Neues Bauen in alter Umgebung“

Der frisch gewählte Präsident der Bayerischen Architektenkammer, Lutz Heese, über die Herausforderungen seines Amts

BSZ: Herr Heese, die Vertreterversammlung der Bayerischen Architektenkammer hat Sie in ihrer konstituierenden Sitzung erneut zum Präsidenten der Kammer gewählt. Hatten Sie einen Gegenkandidaten und mit welcher Mehrheit wurden Sie gewählt?
Heese: Es gab einen Gegenkandidaten, was in einer Demokratie nichts Ungewöhnliches ist, aber die Mehrheit war dennoch deutlich für mich.

BSZ: Wer war Ihr Gegenkandidat?
Heese: Die Wahl ist gelaufen und damit will ich es bewenden lassen.

BSZ: War Ihre Wiederwahl nur eine Formalie oder mussten Sie einen anstrengenden und harten Wahlkampf führen?
Heese: Es war eine Neuwahl für eine Periode von fünf Jahren und deshalb auch keine Formalie. Ich hatte mir natürlich gründlich im Vorfeld überlegt, ob ich nochmals für eine Wahlperiode kandidieren sollte. Es gab eine Reihe von sachlichen Gründen, die mich letztlich zu diesem Schritt bewogen haben.

BSZ: Welche Gründe waren das?
Heese: Wir haben in den letzten vier Jahren viele Dinge begonnen, die noch nicht abgeschlossen sind, zum Beispiel den Ausbau unserer Akademie für Fort- und Weiterbildung nimmt, oder aber auch unsere Gebührenordnung. Zwar ist 2009 eine neue HOAI in Kraft getreten, der erste Novellierungsprozess ist jedoch schon angelaufen. Das sind Vorgänge, die nicht einfach durchlaufen und es aus meiner Sicht vorteilhaft wäre, wenn man das Pferd nicht mitten im Renne wechselt. Abgesehen davon habe ich in der Wahl der Vertreterversammlung das mit ganz großem Abstand beste Stimmenergebnis aller Kandidaten in Bayern bekommen und bin daher meinen Wählern ja auch verpflichtet. Sie haben mir ja ihre Stimme gegeben, damit ich weitermache.

BSZ: Wie beurteilen Sie die Wahl der beiden Vizepräsidenten?
Heese: Der 1. Vizepräsident muss nach den Vorgaben des Baukammerngesetzes ein Angestellter oder Beamter sein. Gewählt wurde Hans Dörr aus der Regierung von Niederbayern, was ich außerordentlich begrüße, da die bayerische Staatsbauverwaltung der größte Auftraggeber für uns Architekten ist. Und da ist es natürlich wichtig, wenn der 1. Vizepräsident da eine gute Anbindung hat. Die Kammer ist auf einen intensiven Kontakt zur Staatsbauverwaltung, insbesondere zur Obersten Baubehörde angewiesen, wenn sie die Belange der Architektenschaft in Bayern wirkungsvoll vertreten soll.

BSZ: Und wie sieht es mit dem 2. Vizepräsidenten aus?
Heese: Der 2. Vizepräsident war und ist Rudolf Scherzer, freischaffender Architekt aus Nürnberg. Damit ist auch die recht starke Region Mittelfranken im Präsidium vertreten.

BSZ: Woher kommt Herr Dörr?
Heese: Der 1. Vizepräsident kommt aus Landshut. Auch unter regionalen Aspekten ist das Präsidium damit gut aufgestellt.

BSZ: Hat es bei den Vizepräsidenten Stichwahlen gegeben?
Heese: Nein.

BSZ: Welche zusätzlichen Funktionen haben Ihre beiden Stellvertreter?
Heese: Zunächst einmal haben sie die Funktion der Vertretung. Wer welche Aufgaben darüber hinaus noch schwerpunktmäßig übernimmt, werden wir in den kommenden Wochen im Vorstand besprechen.

BSZ: Herr Heese, welche Aufgaben werden in den kommenden fünf Jahren Ihrer Präsidentschaft auf die Bayerische Architektenkammer zukommen?
Heese: Eine große Aufgabe ist, die enorm gewachsene Baukultur, die vielen Baudenkmäler in Bayern weiter zu erhalten, aber auch angemessen der Gegenwart zuzuführen, also nutzungsfähig zu halten. Daneben steht das zeitgenössische Bauen. Hier muss der Spannungsbogen aufgebaut werden zwischen Bestand und Neuem. Man könnte sagen: Neues Bauen in alter Umgebung. Etwas, was den Leuten gut gefällt und in Bayern eine sehr große Tradition hat. Das ist eine Kernaufgabe, die bleiben wird.

BSZ: Welche weiteren Aufgaben sehen Sie?
Heese: Um dieser von mir gerade genannten Kernaufgabe weiter zuverlässig gerecht werden zu können, muss man aber auch auf die Ausbildung schauen. Hier zu nennen sind die Hochschulen – Stichwort: Forschung und Lehre –, wo wir uns einzubringen versuchen. Noch wesentlicher ist aber der ganze Bereich der Fort- und Weiterbildung während der Berufsausübung. Dies ist deswegen so wichtig, weil die Pflicht zur Fort- und Weiterbildung der Architekten so auch im Baukammerngesetz verankert ist.

BSZ: Warum ist das so wichtig?
Heese: Das ist dem schnellen Wissensumschlag in der heutigen Zeit geschuldet, der einfach eine ständige Fort- und Weiterbildung erforderlich macht. Deshalb haben wir auch die Akademie, die diesen enormen Herausforderungen gerecht werden soll. Wir müssen mit den Erkenntnissen, die die Wissenschaft liefert, unsere Kolleginnen und Kollegen ausstatten. Folglich bildet die Akademie in den nächsten fünf Jahren einen Schwerpunkt unserer Arbeit.

BSZ: Gibt es noch zusätzliche Punkte, mit denen die Kammer in den nächsten Jahren konfrontiert wird?
Heese: Zu nennen wäre hier der Verbraucherschutz. Im Bereich des Bauens muss sichergestellt werden, dass nicht das niedrigste Preisangebot den Zuschlag erhält. Das würde nämlich unserem baukulturellen Anspruch und unserer Tradition zuwiderlaufen. Es muss sichergestellt bleiben, dass nicht der Billige Jakob unser Land verschandeln kann. Wir müssen schauen, dass unsere Latte, die wir legen, in Form von Kultur, sprich Baukultur, auch die Latte ist, die europaweit gelegt wird.

BSZ: Herr Heese, sind Sie da auf einem guten Weg, dass dieses Niveau europaweit auch nach oben gesetzt wird?
Heese: Ja, ich denke schon. Was mich sehr ermutigt, ist, dass in unseren Gesprächen, die wir mit den neu in die Gemeinschaft gekommenen europäischen Staaten führen, die Absicht zu erkennen ist, den Standard ihrer Baukultur, die dort derzeit natürlich nicht diesen Stellenwert hat wie hier, anheben zu wollen. Dabei wollen wir sie unterstützen. Wir sind für sie letztlich ja auch irgendwie Vorbild.

BSZ: Sie haben zwar schon Einiges angerissen, aber trotzdem die Frage, welchen Herausforderungen wird sich die Kammer stellen müssen?
Heese: Der Erhalt und die Fortentwicklung der Baukultur in Bayern und über den Freistaat hinaus setzen natürlich voraus, dasswir uns intensiv mit aktuellen Fragestellungen auseinandersetzen, seien es die Anforderungen, die der demografische Wandel der Gesellschaft an die Architektenschaft stellt, sei es das energieeffiziente und vor allem nachhaltige Planen und Bauen, das immer stärker auf dem Vormarsch ist: Der höchste CO2-Ausstoß wird nach wie vor von Gebäuden produziert. Hier sind die Architekten in besonderem Maße gefordert – und das gilt natürlich auch für ihre berufsständische Vertretung.

BSZ: Worauf werden Sie, Herr Heese, einen Schwerpunkt in der neuen Wahlperiode legen?
Heese: Ich möchte mich weiterhin dafür einsetzen, dass die Gemeinschaft und das Selbstverständnis der Architektinnen und Architekten in Bayern möglichst gleichgerichtet und gebündelt bleiben. Akademische Berufsstände neigen manchmal dazu, Partikularinteressen aufzubauen, worunter das Gesamtinteresse leidet. Wir haben das Gott sei Dank bislang immer vermeiden können. Deshalb will ich auch integrativ innerhalb des Berufsstands wirken. Ganz wichtig für die Vermittlung unserer Anliegen ist darüber hinaus eine funktionierende Kooperation mit den Medien. Um in der Gesellschaft Aufmerksamkeit für die Belange der Baukultur wecken zu können, müssen wir die Menschen auch erreichen. Und dazu brauchen wir die Medien.

BSZ: Wie beurteilen Sie den Einsatz der obersten politischen Spitze für die Baukultur in Bayern?
Heese: Bayern hat immer davon profitiert, wenn an der Spitze jemand gestanden ist, der dem Bauwesen, der Baukultur und der Architektur zugeneigt war. Ich habe das Gefühl, dass Ministerpräsident Horst Seehofer sich dafür interessiert und meine große Hoffnung ist, dass er sich trotz der zahlreichen Themen, die alle die Tendenz haben, noch wichtiger zu sein – Stichworte: Eurokrise, Landesbank, Staatshaushalt – der identitätsstiftenden Bedeutung des Bauens für die Menschen in Bayern bewusst ist. Die Baukultur, all die Gebäude, die sie hervorgebracht hat, sind ja letztlich auch immer ein Erfolg dessen gewesen, der an der Spitze gestanden hat. Deshalb versuche ich den Ministerpräsidenten jedes Mal, wenn ich ihn treffe, entsprechend zu motivieren.

BSZ: Wo haben Sie noch aktive Mitstreiter?
Heese: Natürlich weiß ich Innenminister Joachim Herrmann und Josef Poxleitner, den Leiter der Obersten Baubehörde, auf unsererer Seite. Man muss immer am Ball bleiben. Sonst besteht nämlich ein bißchen die Gefahr, dass der, der am lautesten schreit, Recht bekommt. Es kommt aber nicht darauf an noch lauter zu schreien, sondern darauf, mit einer etwas leiseren Tönen inhaltlich zu überzeugen.

BSZ: Herr Heese, planen Sie 2016 nochmals als Kammerpräsident zu kandidieren?
Heese: Fünf Jahre sind ein sehr langer Zeitraum. Ich denke jetzt an alles andere, nur nicht daran, ob ich in fünf Jahren wieder antreten werde. ´Das Amt des Kammerpräsidenten sollte ein Architekt ausüben, der zugleich auch aktiv im Berufsleben steht und dies mit dem zeitaufwändigem Ehrenamt unter einen Hut bringen kann. Ich konzentriere mich jetzt zunächst einmal auf die nächsten Jahre.
(Interview: Friedrich H. Hettler)

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