Bauen

Die kostbare Kassettendecke im Gobelinsaal. (Foto: Mayring)

11.01.2013

Neues in historischem Ambiente

Ein architektonischer Hingucker, das Bernheimer Palais in München

Das Bernheimer Palais, ein architektonischer Hingucker in der Münchner Innenstadt, ist ein prachtvolles Gebäude mit beachtlichem baugeschichtlichem Hintergrund. Das repräsentative Wohn- und Geschäftshaus, geplant von Friedrich von Thiersch und Martin Dülfer entstand in den Jahren zwischen 1887 und 1889 und zählt zu den bedeutendsten Historismus-Gebäuden in Deutschland. Mit einer Neueröffnung der Rilano Gruppe tritt das Gebäude erneut in den Focus. Grund genug, sich über das Gestern und Heute Gedanken zu machen.
Ende des 19. Jahrhunderts liegt der neobarocke Stil im Trend. In vielen deutschen Städten, wie in Berlin, Frankfurt und Wiesbaden entstanden historistische Bauten in barocker Manier. Heute findet diese Architekturform nur wenig Anklang. Der aktuelle, puristische Designgeschmack bevorzugt lineare Zurückhaltung und keinesfalls eine voluminöse, barocke Formensprache.
Doch Ende des 19. Jahrhunderts waren die vielfältigen Stiladaptionen aus der Romanik, Gotik und Renaissance europaweit stilprägend. Das reichhaltige Repertoire an vorhandenen Formenelementen verführte auch nicht selten zum willkürlichen Umgang mit den Stilen. Oftmals bediente man sich der Formensprachen (Rundbögen, Pilaster, Voluten) aus vergangenen Epochen, ohne sie dem Gebäude anzupassen.
Thiersch hingegen kopierte niemals wahllos, sondern komponierte ein neues Ganzes, das Ausdruck, Eigenständigkeit und sogar Persönlichkeit besaß. Dass Architekten wie Thiersch in München überhaupt Aufträge bekamen, hing mit der fortschreitenden Entwicklung von Industrie, Handel und Verkehr zusammen. Denn dadurch wuchs die Bedeutung der Städte. Die expansive Veränderung bedeutete auch für Münchens Städteplaner ein Umdenken in großstädtischen Dimensionen. Und nach dem gewonnenen deutsch-französischen Krieg 1870/1871 waren die Kassen gefüllt. Außerdem machte die Modernisierung auf dem Bausektor große Fortschritte. Neue technische Geräte, Werkstoffe und vor allem das Material Eisen brachte eine Hochkonjunktur für das Baugewerbe.
Friedrich Thiersch gab mit dem Justizpalast 1887 in München erfolgreich sein architektonisches Debüt. Danach hatte er ein Erkennungsmerkmal. Es war die Kombination von neobarocken Elementen mit einer modernen Glaskuppel, die beim Justizpalast einen ungewohnten, monumentalen Dachabschluss bildet. Als Meister der Symbiose historischer Baustile erhält er nun deutschlandweit Aufträge von Fürsten und dem Kaiser.

Der 6,20 Meter
hohe Gobelinsaal


In der Isarmetropole plante er neben der Neuen Börse auch das Bornheimer Palais (1889 bis 1891).
Das fünfgeschossige Bernheimer Palais, gegliedert in Kolosalordnung und mit repräsentativen, neubarocken Formen unterteilt und dekoriert das Geschäfts- und Wohnhaus an der Ottostraße. Das ehemalige Antiquitäten- und Einrichtungshaus von Lehmann Bernheimer war um die Jahrhundertwende international bekannt. Alte Möbel, Gemälde, wertvolle Textilien und Dekor aller Art wurden vom Hochadel und Finanzbaronen wie den Krupps für die Ausstattung ihrer Villen und Landhäuser geordert.
Im noblen Gobelinsaal (Deckenhöhe 6,20 Meter), ausgestattet mit wandhohem Eichenpaneel, einer kostbaren Kassettendecke und Parkettboden präsentierte man den Kunden Orienteppiche und prunkvolle Ausstattungen wie zum Beispiel aus Fernost. Während des Zweiten Weltkriegs musste die Familie Bernheimer emigrieren. 1948 wurde das kriegsbeschädigte Gebäude dann wieder aufgebaut. Der Gobelinsaal mit dem repräsentativen Foyer, der Treppenaufgang und alle Gebäudeteile des Komplexes gelten als eingetragene Baudenkmale und dürfen somit nicht verändert werden.
Das im Krieg zerstörte Dach und der 18 Meter hohe Turm wurden originalgetreu wieder hergestellt. Die Familie Bernheimer lebt heute vornehmlich in London. Im Geschäftshaus, verkauft an die Unternehmensgruppe Arnold&Richter, etablierte sich ein modernes Einrichtungshaus und in der Ottostraße 6-8, dem ehemaligen Wohnhaus der Familie, öffnete nach dem Restaurant „Lenbach“ vor Kurzem das „Rilano Nr. 6“ seine Tore.
In den großzügigen Räumlichkeiten, die vor allem in warmen Gold- und Brauntönen gehalten sind, erwartet nun die Gäste eine extravagante Bar mit einem 18,7 Meter langen Tresen und Lounges. Das glamouröse Restaurant verfügt über 240 Sitzplätze und für besondere Anlässe wird der stilvolle Gobelinsaal geöffnet. „Wir wollen für die Münchner Gäste ein Zuhause schaffen, wo man sich rundum wohlfühlen kann“, meint Chef Holger Behrens.
Trotz der erneuten Veränderung in der Ottostraße 6-8 achtet der Denkmalschutz genau auf den wesentlichen, historischen Kern des Gebäudes. „Bei den Bauarbeiten waren beispielsweise der Stuck, die Säulen und der Parkettboden Tabu, da durfte nichts verändert werden“, erklärt Behrens. Dennoch wurde der Vorgabe des Bauherrn Rechnung getragen, dass in diesem Haus Tradition und Moderne sich verbinden sollen. (Eva-Maria Mayring)

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