Bauen

Die sanierte Laurentiuskapelle. (Foto: Gerhard Hagen)

13.07.2012

Neugestalteter Kirchenraum

Das Erzbischöfliche Ordinariat in Bamberg wurde generalsaniert

Seit genau 1000 Jahren thront nun der Bamberger Dom über der Stadt, baulicher und geistiger Kristallisationspunkt einer ganzen Region. Seine Stifter Kaiser Heinrich II. und seine Gemahlin Kunigunde ließen ihn auf einem Bergsporn oberhalb der Regnitz errichten, von einer Burgmauer umgeben, eine Bischofspfalz und ein Kapitelhaus zur Seite gestellt. Hier lebten Bischof und die das Domkapitel bildenden Domherren zunächst zusammen in einer klosterähnlichen Lebensgemeinschaft, „vita communis“ genannt.
Mit Beginn des 13. Jahrhunderts gewannen die Domherren stetig an Einfluss und errichteten entlang der Dommauer einen ganzen Kranz eigener Höfe. Diese wurden über Jahrhunderte zu wachsenden eigenständigen Wohn-, Verwaltungs- und Wirtschaftseinheiten ausgebaut. Jeder dieser Domherrenhöfe hatte für ihren Hausherrn eine eigene Kapelle, deren Patron zugleich Namensgeber für das gesamte Anwesen wurde.
Die Curia S. Laurentii wurde um 1200 gegründet. Davon zeugt die Apsis der Kapelle, deren Bauzier viele Parallelen zum gleichzeitig entstandenen heutigen Dom aufweist. Im späten Mittelalter wurde die Kurie mehrfach durch Fachwerksbauten erweitert. 1605 schließt ein prächtiges Rennaissance-Tor die Anlage um einen idyllischen Innenhof. In der Barockzeit wurde das Fachwerk verputzt und die innere Gebäudestruktur verändert. Ein breiter Flur und eine Enfilade großer stuckierter Räume im Obergeschoss spiegeln das Repräsentationsbedürfnis der Zeit.
Mit der Säkularisation 1803 wurde das bis dahin eigenständige Bamberger Hochstift aufgelöst. Das zukünftige Königreich Bayern übernahm den Großteil der Liegenschaften auf dem Domberg, darunter auch die Curia S. Laurentii. Im 19. Jahrhundert sorgte das königliche Rentamt von hier aus für den Steuerabfluss nach München. 1903 wurde die Anlage noch um ein Gebäude im Stil der Neorenaissance erweitert, bis 1960 das Finanzamt den Domberg verließ. Das Gebäude verblieb in Staatsbesitz und wurde nach diversen Umbaumaßnahmen fortan dem erzbischöflichen Ordinariat für Verwaltungszwecke zur Verfügung gestellt.
50 Jahre später machten schwerwiegende Mängel im Gebäude eine gründliche Sanierung unaufschiebbar. In der über sieben Meter hohen Stützmauer zur Stadt lösten sich unmittelbar vor dem angesetzten Baubeginn sogar Quadersteine aus dem Gefüge und fielen in die öffentliche Gasse. Die Mauer musste aufgrund der beengten Situation in Teilbereichen von Hand abgetragen und wieder neu aufgebaut werden.
Ein unzureichender Brandschutz erforderte zum Nachbargebäude hin Eingriffe in die Substanz. In diesem Zusammenhang wurde ein Aufzug integriert, der – an der Grundstücksgrenze gelegen – auch das höhenversetzte kirchlich genutzte Nachbaranwesen barrierefrei erschließt.
Die Heizungs- und Sanitäreinrichtungen wurden komplett ausgetauscht. Die elektrischen Anlagen entsprechen nun allen Erfordernissen an einen modernen Bürobetrieb.

Maßgeschneiderte Komponenten


Im Spannungsfeld zwischen den bautechnischen Möglichkeiten in einem Baudenkmal und der Erfordernis, den Energiebedarf bei Bestandsgebäuden zu senken, entschieden sich die Planer für eine Reihe maßgeschneiderter Komponenten: darunter die Neuverglasung der bestehenden Verbundfenster, das Aufbringen einer sehr dicken Wärmedämmung auf der obersten Geschossdecke und zum Erdreich sowie das Verputzen der Fachwerkwände mit einem acht Zentimeter starken Dämmputz. Somit reduziert sich zusammen mit neuen Wärmeerzeugungsanlagen nicht nur der Heizbedarf erheblich, sondern schafft im Gegenzug im Sommer angenehm kühle Büroräume.
Neben diesen mehr bautechnisch bedingten Veränderungen ist es gelungen, eine Reihe denkmalpflegerisch und gestalterisch motivierte Maßnahmen umzusetzen. An erster Stelle stand dabei die ehemalige Kurienkapelle mit ihrem Vorraum. Letzterer diente der Erzdiözese bis zur Sanierung als zentrale Poststelle. Großkopiergeräte mit technischen Einbauten wie Lamellendecken und Lüftungsgeräte passten so gar nicht in die mittelalterlichen Gewölberäume. Und die Kapelle selbst diente bis zur Sanierung als Papierlager, sehr erstaunlich wie ungeniert in den 1960er Jahren Leuchtstoffröhren auf wertvolle Renaissancemalereien geschraubt wurden.
Der 1905 freigelegte Freskenzyklus, der die Legende des hl. Laurentius erzählt, wurde ebenso wie die Holzbohlendecke gereinigt und gefestigt. Nur partiell wurden zur Verbesserung der Lesbarkeit kleine Retuschen vorgenommen. Die unwürdige Fehlnutzung findet nun ein Ende und ein „neuer“, feiner, äußerst würdevoller Sakralraum steht für kleinere Feierlichkeiten fortan zur Verfügung.
Ein Schatz ganz anderer Art konnte im Vorraum gehoben werden. Hinter einer Abmauerung schlummerte über Jahrzehnte unberührt eine historische Herdstelle, die in eine moderne Teeküche verwandelt wurde, barocken Originalruß inklusive.
Während nun also die reichen Überlieferungen der Baugeschichte durch behutsame Planung und handwerkliches Feingefühl zu einer hohen Qualität geführt werden konnten, war das planende Staatliche Bauamt bei einem anderen Gebäudeteil zunächst ratlos. An der Kommunwand zum Nachbargebäude befand sich ein gestalterisch belangloses Treppenhaus aus den 1960er Jahren. Dieses war auch hinsichtlich der geforderten Barrierefreiheit umzubauen, konnte jedoch weder in räumlicher Position noch Kubatur wesentlich verändert werden.

Veränderte Raumproportionen


Daher entschied sich das Bauamt schon in einer frühen Planungsphase, Eingangsbereich und Treppenhaus einem künstlerischen Wettbewerb zu unterziehen. Mit dem Münchner Künstler Manfred Mayerle gewann es einen kongenialen Mitstreiter, der zusammen mit dem Bauamt über insgesamt drei Jahre in intensiver Detailarbeit eine schwierige Aufgabe grandios bearbeitete. Geschickt nahm er vorhandenes Material wie Juramarmor und Sandstein sowie die Schnecke als in Bamberg oft vertretenes Motiv für einen Treppenaufgang auf, veränderte die Raumproportionen, gestaltete die Lichtführung neu und hüllte die Räume letztendlich in unterschiedliche Weißtöne. So entstand eine spannungsreiche Raumfolge von erhabener Ausstrahlung, die in einem dem heiligen Laurentius gewidmetem Bild ihren beeindruckenden Zielpunkt findet.
Die gesamte Baumaßnahme war von äußerst konstruktivem Zusammenwirken des kirchlichen Nutzers, des Landesamts für Denkmalpflege und des Bauamts geprägt. Trotz der Komplexität des Projekts konnten aufgrund sorgfältiger Planung und großem Engagement überwiegend regionaler Unternehmer Kosteneinsparungen in Höhe von 15 Prozent gegenüber den Ansätzen der Haushaltsunterlage erzielt werden.
Rund 4,5 Millionen Euro wird das Kultusministerium nach Abschluss der Arbeiten an den Außenanlagen in den ehemaligen Domherrenhof investiert haben. Es gibt ein kleines Juwel zurück, auch in rechtlicher Hinsicht. Denn mit Abschluss der Sanierung endet mit der Eigentumsübertragung an die Kirche die über 200-jährige staatliche Obhut über die ehemalige Kurie im Schatten des Bamberger Doms. (Ulrich Delles)

(Luftaufnahme des Domherrenhofs - Foto: Staatliches Bauamt Bamberg; das neugestaltete Haupttreppenhaus und renovierte barocke Büroräume - Fotos: Gerhard Hagen)

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