Bauen

Der Umgang mit Bauabfällen ist zu einem Kostentreiber am Bau geworden. (Foto: Bilderbox)

16.06.2017

"Niemand will der Umwelt etwas Böses"

Bayerische Baubranche stellt Positionspapier zur Entsorgungskrise bei Bauschutt und Bodenaushub vor

Die Verbände der bayerischen Bau-, Baustoff- sowie Garten- und Landschaftsbauwirtschaft haben auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in München die gestörte Balance zwischen Bauen und Umweltschutz, die Bedeutung einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft für die Baubranche sowie die aktuell massiven Kostensteigerungen bei der Entsorgung von Bauabfällen und Bodenaushub thematisiert und ein gemeinsames Positionspapier Kreislaufwirtschaft am Bau stärken – teure Entsorgung vermeiden! vorgestellt. Darin fordert die Branche ein politisches Bekenntnis zur Verwertung von Bauabfällen unter Marktbedingungen, die einen wirtschaftlichen Betrieb von Recyclinganlagen, Bodenreinigungsanlagen und Verfüllungen sowie den Wiedereinbau in technische Bauwerke erlauben und schlägt hierfür im Positionspapier konkrete Lösungen vor.

„Der vom Gesetzgeber erzwungene Umgang mit Bauabfällen und Bodenaushub ist zu einem Baukostentreiber ersten Ranges geworden und ökologisch unsinnig. Die Verwertung und der Wiedereinbau werden immer schwieriger und teurer. Außerdem hat der bürokratische Aufwand ein Ausmaß erreicht, das für die Bauwirtschaft nicht mehr akzeptabel ist. Es besteht dringender Handlungsbedarf“, so Wolfgang Schubert-Raab, Präsident der Bayerischen Baugewerbeverbände.
An einem Beispiel machte Schubert-Raab die Verteuerung deutlich: Schlug vor zwei Jahren der Aushub für den Neubau eines Einfamilienhauses – 600 Kubikmeter – für den Bauherrn mit rund 11 000 Euro zu Buche, muss er jetzt für die gleiche Leistung mit etwa 35 000 Euro rechnen. „Das sind Gelder“, so der Präsident der Bayerischen Baugewerbeverbände, „die dem normalen Bau entzogen werden.“

Die Verbände forderten ein Umsteuern in der Umweltpolitik. Diese müsse die Praxis der Baubranche stärker in den Blick nehmen und umsteuern. Die Aufbereitung und Wiederverwertung von Bauabfällen in Recyclinganlagen und Bodenaushub vor Ort müsse erleichtert und gefördert werden, es müsse bei allen gesetzgeberischen Maßnahmen eine Orientierung am Umweltschutz und am Markt erfolgen, die Baukosten müssten im Blick behalten werden, Entsorgungssicherheit für Bauabfälle muss viel stärker als bisher in den Focus rücken, ebenso wie die Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Immer stärkere bürokratische Regulierung sei der falsche Weg. Aus diesem Grund forderte Schubert-Raab auch, die willkürlich festgelegten Grenzwerte der einzelnen Stufen zu hinterfragen, denn „niemand will der Umwelt etwas Böses“.

Spürbare Deponieengpässe

Thomas Schmid, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Bauindustrieverbands, wies auf die sehr ernste Deponiesituation in Bayern hin: „In Bayern gibt es regional bereits spürbare Deponieengpässe. In Oberbayern beispielsweise gibt es mit Ausnahme einer Deponie in Traunstein keine aktiven Bauschuttdeponien mehr. Dadurch sind in manchen Gegenden die Unternehmen schon gezwungen, Bauabfälle und Bodenaushub zum Teil über Hunderte von Kilometern zu noch aufnahmefähigen Deponien in Sachsen oder Thüringen zu transportieren.“

Die Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik müsse die Notwendigkeit neuer Deponien für mineralische Abfälle anerkennen, politisch unterstützen und hierfür die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessern. Denn die bayerische Bauwirtschaft ist laut Schmid sehr stolz darauf, mit mineralischen Baustoffabfällen sehr bewusst umzugehen. 80 bis 90 Prozent dieser Abfälle werden nämlich recycelt. Sollte diese vom Bund geplante Mantelverodnung verabschiedet werden, wird sich laut Schmid die Recyclingquote in etwa halbieren. In Bayern, so der Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Bauindustrieverbands, muss flächendeckend neuer Deponieraum geschaffen werden. Wenn nichts geschieht, werden der Mülltourismus weiter zunehmen und die Entsorgungskosten dramatisch steigen. Gleichzeitig forderte er mehr Toleranz für die Schaffung von neuen Deponien.

„In Bayern fallen jedes Jahr 32 Millionen Tonnen Bodenaushub und etwa zehn Millionen Tonnen Bauschutt bei Baumaßnahmen an. 60 Prozent davon, rund 28 Millionen Tonnen, werden zur Rekultivierung von über 1200 Gruben und Brüchen verfüllt. Die Verfüllungsmöglichkeiten für Böden und Bauschutt in Gruben und Brüchen müssen aufrechterhalten, wenn möglich sogar erweitert werden. Nur so ist die Rohstoffsicherheit für die Baubranche gewährleistet und eine ortsnahe und damit sinnvolle sowie umweltgerechte Verwertung von ausgehobenen Böden und nicht anderweitig verwertbarem Bauschutt möglich. Deponieraum kann dadurch geschont und lange Transporte vermieden werden.“ Dies stellte Markus Wahl, Mitglied des Vorstands des Bayerischen Industrieverbands Baustoffe, Steine und Erden, klar.

Wolfgang Endlich, Präsidiumsmitglied des Verbands Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Bayern, wies darauf hin, dass bei kleineren Baumaßnahmen im Garten- und Landschaftsbau die Kosten für Aushub, Beprobung, Zwischenlagerung und Entsorgung von Böden inzwischen bis zu 20 Prozent der Baukosten ausmachen. „Es ist dringend erforderlich, praxisgerechte Kleinmengenregelungen überall einzuführen und die Untersuchungs- beziehungsweise Beprobungspflichten zu vereinfachen.“
Mit Blick auf den vom Bundeskabinett im Mai verabschiedeten Entwurf einer sogenannten Mantelverordnung, die die Herstellung und den Einbau mineralischer Ersatzbaustoffe sowie die Verwertung von Materialien in Verfüllungen bundeseinheitlich und nachhaltig regeln und die Bedingungen für die Kreislaufwirtschaft am Bau grundlegend verändern soll, betonten die Verbände, dass die Wirtschaft bundesweit rechtssichere und bundeseinheitliche Regeln zum Umgang mit mineralischen Ersatzbaustoffen, Böden und Abfällen brauchen. Der aktuelle Regierungsentwurf sei jedoch für die Baupraxis nicht geeignet.

Ohne erhebliche Korrekturen der Mantelverordnung werde es zu ähnlich dramatischen Folgen für die Kreislaufwirtschaft Bau kommen, wie sie im Herbst 2016 bei HBCD-haltigen Polystyrolabfällen zu verzeichnen waren. Insbesondere dürften die Regelungen der Mantelverordnung nicht zu einer Stoffstromverschiebung von mineralischen Ersatzbaustoffen als mineralischer Abfall und Böden in Richtung Deponie führen. Die Mantelverordnung müsse grundlegend nachgebessert werden, um Boden- und Grundwasserschutz sowie Abfallvermeidung und Ressourcenschonung gleichermaßen gerecht zu werden.

Die Verbände sind verhalten optimistisch, dass die Mantelverordnung nicht wie jetzt geplant umgesetzt wird, sondern es noch zu Nachbesserungen kommt. (Friedrich H. Hettler)

(Die Bauverbände fordern ein politisches Bekenntnis zur Verwertung von Bauabfällen - Foto: Bilderbox; bei Deponien gibt es spürbare Engpässe - Foto: Überwachungs- und Zertifizierungsverein für die Verfüllung von Gruben-, Brüchen und Tagebauen e.V.)
 

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