Bauen

Der Aachener Dom. (F0to: Neumann)

29.10.2010

Oktogon und Riesen-Kirchturm

Zwei bemerkenswerte architektonische Sakralbauten: der Aachener Dom und das Ulmer Münster

Kein anderer Dom in Deutschland war im Mittelalter so beliebt wie der Aachener Dom: Seit der Krönung von König Otto I. im Jahr 936 machten es ihm 30 andere deutsche Herrscher nach. Sie ließen sich alle in der Kapelle des Doms krönen. Die Feierlichkeiten wurden am Hauptaltar zelebriert; die Thronsetzung erfolgte dann auf dem Thron Karls des Großen.
Zentraler Raum dieses Gotteshauses ist kein langes Kirchenschiff, sondern ein großer achteckiger Raum – das karolingische Oktogon. Es wurde als Kapelle der Pfalz Karls des Großen errichtet. Das Oktogon im Aachener Dom gilt als das interessanteste architektonische Beispiel für die karolingische Zeit. Baumeister Odo von Metz schuf ein wahres Meisterwerk nach byzantinischen Vorbildern – bestehend aus antiken Säulen und Marmorböden.
Auf dieses Gebäude waren die Aachener besonders stolz, denn es galt über 200 Jahre lang – in Höhe und Gewölbeweite – als einzigartig nördlich der Alpen. Das Oktogon ist von mehreren Anbauten „geschmückt“. Dazu gehören zum Beispiel die gotische Chorhalle im Osten, das Westwerk und auch einige Seitenkapellen. Dadurch wirkt es auf Anhieb ziemlich verzweigt: Der hohe achteckige Raum ist von einem niedrigen zweigeschossigen Umgang eingeschlossen.

Eiserne Zuganker


Im Innern befinden sich starke Pfeiler, auf denen ein achteckiges – den gesamten Mittelraum überdeckendes – Klostergewölbe „thront“. Drumherum läuft ein 16-seitiger, mit niedrigen Kreuzgratgewölben versehener Umlauf, über dem sich wiederum eine hohe Galerie befindet. Unter- und Obergeschoss wurden durch Gesimse voneinander abgesetzt. Der Hauptaltar und der Kaiserthron sind im oberen Umlauf der Pfalzkapelle zu finden. Über den Galeriebögen erstreckt sich ein achteckiger Tambour mit Fensteröffnungen; darauf ruht wiederum das Kuppelgewölbe.
Von außen ist das Gewölbe durch eine barocke Kuppel abgeschlossen. Wichtigster Schmuck des Oktogons ist ein riesiger Radleuchter, gestiftet von Kaiser Friedrich I. Barbarossa und seiner Frau Beatrix, der deshalb auch „Barbarossaleuchter“ genannt wird. Er versinnbildlicht mit seinen zwölf Türmen und Toren das himmlische Jerusalem.
Östlich an das Oktogon wurde zwischen 1355 und 1414 der rechteckige gotische Chor an der Stelle eines karolingischen Vorgängerbaus angebaut. Er dient als Aufbewahrungsort für den Marienschrein mit den „Aachener Heiligtümern“ und für den Karlsschrein. Der prächtige Schrein mit den Gebeinen Karls ist nach dem Dreikönigsschrein im Kölner Dom das größte romanische Werk der Goldschmiedekunst dieser Art an Rhein und Maas. Der ursprünglich verwendete römische Marmorsarkophag ist in Aachen erhalten.
Zur Sicherung der Gewölbe der Aachener Chorhalle wurden bereits während der Bauzeit eiserne Zuganker eingebaut, um den Seitenschub auf das schmale Tragwerk zu reduzieren und dazwischen möglichst viel Fensterfläche zu belassen. Die bronzenen Torflügel, auch Wolfstüren genannt, sind ziemlich alt. Sie wurden bereits um 800 gegossen und befanden sich damals zwischen Westwerk und Oktogon. Ein großes Fenster aus der gotischen Zeit an der Westwand ersetzte ursprünglich kleinere Fenster, die noch aus der karolingischen Zeit stammten.
Welche Funktion das Westwerk im Obergeschoss – auch Hochmünster genannt – einmal hatte, ist nicht genau überliefert. Man vermutet aber, dass hier Taufzeremonien stattfanden, denn hinter dem Marmorthron befand sich ein Taufstein.

Über 300 Jahre Baustopp


Von einem Fenster an der Westwand gelegen hat man noch heute einen guten Blick in das ehemalige Atrium. Zu diesem Raum führte früher der „karolingische Gang“, der die Königshalle der Pfalz mit der Kirche verband. Um das Oktogon herum entstanden – im Laufe der Jahrhunderte im Uhrzeigersinn – verschiedene Seitenkapellen, wie zum Beispiel die Matthias- und Annakapelle, im Kreuzgang die Allerheiligen- und Allerseelenkapelle sowie am Domvorhof die Taufkapellen, die auch heute noch besichtigt werden können.
Der höchste Kirchturm der Welt steht in Deutschland – in Ulm. Das Ulmer Münster ist exakt 161,53 Meter hoch und überragt damit noch den Kölner Dom. Ursprünglich „gehörte“ dieses Gotteshaus den katholischen Gläubigen. Aber nach der Einführung der Reformation in Ulm wurde das Münster zur größten protestantischen Kirche der Welt und ging in städtischen Besitz über. Aber das änderte sich wieder im Laufe der Jahrzehnte.
Auch in Ulm gab es – ähnlich wie am Kölner Dom – einen längeren Baustopp. Über 300 Jahre ruhten die Arbeiten. Erst kurz nach der Vollendung des Baus, 1894, kam das Gebäude in den Besitz der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Ulm. Eigentlich hätte das Ulmer Münster die Bezeichnung Bürgerkirche verdient, denn die Bürger der Stadt waren es, die sich im 14. Jahrhundert ein neues Gotteshaus wünschten. Ihnen war der Weg zu ihrer alten Pfarrkirche – draußen vor den Toren der Stadt – zu weit und gefährlich geworden. Sie spendeten fleißig Geld und finanzierten somit den Kirchbau aus der eigenen Tasche.
Am 30. Juni 1377 erfolgte durch Baumeister Heinrich II Parler die Grundsteinlegung. Er hatte auch schon einen Bauplan, der sich aber im Laufe der Jahrhunderte ein wenig veränderte. Ursprünglich geplant war eine Hallenkirche mit drei etwa gleich hohen Schiffen, einem Westturm und zwei Chortürmen.

768 Stufen im Hauptturm


100 Jahre später gab es mit Matthias Böblinger einen neuen Baumeister, der einige Probleme hatte: Infolge größerer Schäden mussten die Seitenschiffe abgerissen und niedriger gebaut werden. Sein Nachfolger Burkhard Engelberg verstärkte die Fundamente des Westturms. Die Seitenschiffe wurden durch schlanke Pfeiler und leichte Gewölbe stabilisiert. 1543 kam es durch Geldknappheit zum endgültigen Baustopp. Der Hauptturm war mittlerweile 100 Meter hoch gewachsen; die Chortürme ragten jeweils 32 Meter in den Himmel. Dieses Bild blieb 300 Jahre unverändert, bis schließlich August von Beyer 1890 das Ulmer Münster endlich fertigstellen ließ.
Das Ulmer Münster gilt heute noch als eines der größten gotischen Gebäude im Süden Deutschlands. Genau 768 Stufen führen den Besucher im Hauptturm bis auf eine Höhe von 143 Metern. Interessant gestaltet sind die Portale des Münsters: In einer dreijochigen Vorhalle befindet sich nicht nur eine Darstellung des Jüngsten Gerichts, sondern das Hauptmotiv ist die Schöpfungsgeschichte.
(Sabine Neumann)

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