Bauen

Der große Lesesaal. (Foto: STBA München2/Sebastian Arlt)

01.11.2013

Originales erhalten

Sanierung der Medizinischen Lesehalle der LMU am Münchner Beethovenplatz

Exakt 100 Jahre nach Erbauung durch den Architekten Emanuel von Seidl (1856 bis 1919) als „Brakls Kunsthaus“ konnte am 15. Juli 2013 die generalsanierte Fachbibliothek Medizinische Lesehalle am Münchner Beethovenplatz – eine von zwölf dezentralen Fachbibliotheken der Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) – an die LMU übergeben werden.
Emanuel von Seidl, heute etwas im Schatten seines Bruders Gabriel stehend, war seinerzeit vielbeachteter Vertreter des Münchner Künstlertums. Er schuf das Gärtnerplatztheater und den Tierpark Hellabrunn, seine zahlreichen Villen haben überregionale Bedeutung. Bauherr war Franz Josef Brakl (1854 bis 1935), Opernsänger und Theaterdirektor, der zunächst als Kunstsammler 1905 einen Kunsthandel eröffnet hatte. Die Geschäfte liefen gut, sodass er 1913 unmittelbar angrenzend an sein Wohnhaus, in dem heute das Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin untergebracht ist, das Kunsthaus am Beethovenplatz erbauen lassen konnte.
Angepasst an das spitzwinkelig geschnittene Grundstück, errichtete von Seidl über einem Dreieck als Grundfläche einen zweigeschossigen Walmdachbau im Reformstil. Die symmetrisch aufgebaute Eingangsfront mit geschwungenen Risaliten, erhöhtem Mittelrisalit und einem die Vorfahrt überdeckenden Säulenbalkon liegt zur Goethestraße.
Das denkmalgeschützte Gebäude galt als die architektonisch und räumlich schönste Kunsthandlung Deutschlands. Zugleich zeigte sich das Kunsthaus als äußerst fortschrittliches Gebäude mit Zentralheizung, elektrischer Beleuchtung, Personenaufzug und einem eigenem Aufzug für die Kunstwerke. Es war eines der ersten Gebäude in München, bei dessen Bau Sichtbeton verwendet wurde. Die Fassade war in hellgrauem Zement-Rauputz ausgeführt.
Anders als in anderen Gebäudeentwürfen von Seidls wurden die Räume des Kunsthauses nur zurückhaltend farbig gestaltet. Ein monochromer heller Linoleum als Bodenbelag und Stoffbespannung an den Wänden der Ausstellungsräume in den Farben Schwarz, Beige und Dunkelrot boten einen gleichmäßigen Hintergrund für die Kunstwerke. Innentüren und Durchgänge waren in Mahagoni-Holzfurnier, die Fensterstöcke entsprechend lasiert. Die Fensterflügel waren weiß lackiert.
Große Fenster sorgten für die Belichtung der Ausstellungsräume und am oberen Wandabschluss gleichmäßig verteilte Metallknöpfe ermöglichten, ohne Aufwand, Bilder verschiedener Formate hängen zu können. Der zentrale Saal im Obergeschoss wurde über eine ovale Glaskuppel in Höhe von neun Metern belichtet. Durch eine weitere Öffnung im Boden des Ausstellungssaals erreichte das Tageslicht auch die darunterliegende Eingangshalle.

Durch Bomben in Mitleidenschaft gezogen


Als Josef Brakl in finanzielle Schwierigkeiten geriet, kaufte 1930 Sophie Nordhoff-Jung das Kunsthaus und überließ es der Universität zur Nutzung als „Medizinische Lesehalle“. Die Ausstellungsräume dienten nach geringen Eingriffen durch den Architekten Theodor Fischer als Leseräume. Der Kuppelsaal wurde zum Zeitschriftensaal umfunktioniert. Nach Beseitigung größerer Wasser- und Glasschäden durch einen Bombenangriff 1945 wurde der Betrieb der Lesehalle nach dem Krieg weitergeführt.
Nach 80 Jahren Nutzung als Medizinische Lesehalle standen 2010 die Beseitigung von Brandschutzmängeln, Sicherung der Rettungswege, Herstellung der Barrierefreiheit und die denkmalgerechte Grundsanierung der Gebäudesubstanz an. Zudem sollte die Bibliothek den zeitgemäßen Anforderungen an studentische Lern- und Arbeitsplätze sowie die technische Ausstattung angepasst werden.
Am Standort Beethovenplatz steht das studentische Arbeiten im Vordergrund, somit sollte der Gestaltung der Arbeitsplätze die größte Priorität zukommen. Die Sanierung ermöglichte es, ein ganzheitliches Gestaltungskonzept zu entwickeln. Ziel war, Bezüge zur historischen Nutzung und Materialität aufzugreifen und zeitgemäß zu interpretieren. Originale Bauteile wurden erhalten, Rekonstruktionen vermieden, neue Bauteile zeigen sich als Ergänzung.

Lebendigkeit durch
farbige Buchrücken


Das zurückhaltende Gestaltungskonzept greift die ursprüngliche Idee des Ausstellungsgebäudes auf und beschränkt sich auf wenige Materialen, um die Raumwirkung zu verstärken. Lebendigkeit gewinnen die Räume durch die farbigen Buchrücken und die arbeitenden Studierenden. Die einzelnen Lesebereiche bieten unterschiedliche Anordnungen von Arbeitsplätzen an. Mit Größen von 40 bis 60 Quadratmetern besitzen die Räume einen salonähnlichen Charakter, der durch die großen einzelnen Deckenleuchten und die Vorhänge an den Fenstern, die als Blendschutz dienen, betont wird.
Im Kuppelsaal folgen die Leseplätze der Balustrade um die ovale Deckenöffnung, durch einen zweiten Tischbogen ergänzt, und tragen somit der architektonischen Besonderheit des Raums Rechnung. Blickbeziehungen in den Raum und ins Freie werden erhalten.
Als Fußbodenbelag in den Lesesälen wird monochromer, beiger Linoleum verwendet, der sich auch über die Flächen der Tische zieht, die sich so dem Raum unterordnen. Dies als Verweis auf die frühere Kunstgalerie, die vor allem aus unmöblierten Räumen bestand. Kanten und Innenseiten der Tische sowie die Verkleidung der neuen Bücherregale sind mit Nussbaum furniert.
Wände und Decken sind weiß gestrichen, mit Ausnahme des Kuppelsaals, der in Anlehnung an die historische Stoffbespannung einen Anstrich der Wände in einem warm-seidenmatt glänzenden Schwarzton erhält. Quadratische, mit mattschwarzem Stoff bespannte Rahmenelemente, an den Metall-Knöpfen abgehängt, verbessern die Raumakustik und erinnern an die frühere Bildergalerie.
Jahrzehntelang auf dem Dachboden gelagerte Reste des früher vorhanden Kronleuchters wurden anhand historischer Fotos wieder zusammengesetzt und unter der großen Kuppel angebracht. Eine neue Treppe, aus schwarz eingefärbtem Beton als Veränderung klar zu erkennen, verbindet, vom Windfang aus zugänglich, einen Pausenraum im Hochparterre mit der in Nussbaum ausgeführten Garderobe im Souterrain. Eine massive Rampe im Hof stellt den neuen barrierefreien Zugang her. Im südlichen Treppenhaus liegt der neue barrierefreie Aufzug. Um die Rettungswege sicherzustellen, erhalten beide Treppenhäuser jeweils einen direkten Ausgang.
Das Foyer weicht mit schwarzem Bitumenterrazzo als Bodenbelag und einer ovalen Theke aus monolithisch-weißem Mineralwerkstein von der sonstigen Gestaltung ab. Hier wurde das Motiv der ovalen Deckenöffnung neu interpretiert, das Möbel als Solitär betont, entsprechend der Funktion als zentrale Stelle für Information und Verbuchung. (BSZ)

(Das Foyer mit dem Servicebereich; der Zeitschriftenlesesaal im Erdgeschoss und der Abgang zur neuen Garderobe - Fotos: STBA München 2/Sebastian Arlt)

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