Bauen

Mittenwalds historischer Ortsteil "Gries". (Foto: Ralf Bues)

07.09.2012

Prämierte Idylle

25 Jahre Städtebauförderung in Mittenwald

Mittenwald ist mit seiner einzigartigen Lage zwischen Wetterstein und Karwendel ein Touristenmagnet. Der Markt ist seit dem 17. Jahrhundert Zentrum des Geigenbaus und seit den 1930er Jahren ein wichtiger Militärstandort, hat aber wie die meisten Gemeinden im Alpenvorland aufgrund des demographischen Wandels und eines erheblichen Investitionsdefizits im touristischen Bereich strukturelle Probleme. An der Bahnlinie von München über Garmisch-Partenkirchen nach Innsbruck wird heuer das 100-jährige Jubiläum der Eisenbahn des Ingenieurs Josef Riehl gefeiert. Dennoch liegt der Ort abseits der großen Verkehrslinien und ist somit für größere Gewerbeansiedlungen kein bevorzugter Standort. Daher müssen sich die Anstrengungen der Gemeinde auf den touristischen Bereich und die dazu notwendige Infrastruktur konzentrieren.
Der im Isartal räumlich begrenzte Ortsgrundriss ist von oben gut einsehbar, vor allem vom Karwendelgebirge aus, dessen Gipfel auf rund 2500 Metern Höhe mit der Seilbahn in zehn Minuten erreichbar ist. Die Straßenachsen Untermarkt – Obermarkt in Nordsüdrichtung und Gries – Bahnhofstraße in Ostwestrichtung sind klar abzulesen, ebenso der historische Ortskern sowie die Erweiterungen aus jüngerer Zeit. In einem städtebaulichen Entwicklungskonzept (Büros: Plankreis, Heinritz, Salm & Stegen) werden aktuell neben städtebaulichen auch wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt und konkrete Maßnahmen abgeleitet.
Die Lage an der historischen Handelsstraße zwischen Venedig und Augsburg brachte Mittenwald mehrfach Wachstumsschübe ein, zum Beispiel als Folge der Flößerei auf der Isar oder der Einführung des Geigenbaus 1684 durch Matthias Klotz; Erweiterungen blieben aber im wesentlichen auf den unmittelbaren Ortskern beschränkt.

Größtes Militärlager
im hochalpinen Bereich


Ein heute noch das Ortsbild prägender Impuls, quasi eine „Neugründung“, veränderte Mittenwald in der Jahren 1933 bis 1945. Der 1936 zahlungsunfähige Ort wurde von der NS-Regierung zum größten Militärlager im hochalpinen Bereich ausgebaut. Er expandierte etwa auf seine doppelte Größe, denn mit dem gewaltigen staatlichen Bauprogramm für öffentliche Gebäude und Infrastruktur ging ein beachtlicher Zuwachs der Bevölkerung mit entsprechenden Wohnungs-, Freizeit-, Verwaltungs- und Kulturbauten einher. Keine andere Gemeinde Bayerns konnte ein vergleichbares Wachstum aufweisen.
Aktuelle Untersuchungen von Christoph Hölz, Leiter des Archivs für Baukunst der Universität Innsbruck, dokumentieren im Rahmen des städtebaulichen Entwicklungskonzepts den Einfluss der realisierten und projektierten Entwürfe und die bis heute spürbaren architektonischen Akzente dieser Zeit. Baufahrzeuge zerstörten auf ihrem Weg zum Kasernenbau am Luttensee Straßen im historischen Ortsteil „Gries“. Mit der Betonung der Fassaden und ihrer Farbgestaltung, mit den Straßensanierungen und Bepflanzungen legten die Nationalsozialisten nach der militärischen Erweiterung den Grundstein für den Fremdenverkehr in einem pittoresken Ortsbild. Die umfassende Katalogisierung der gebauten und lediglich geplanten Projekte in Mittenwald aus der Zeit des Nationalsozialismus geben der Gemeinde eine wichtige Grundlage für zukünftige Entwicklungsschritte, gilt es doch große Bereiche einer zu schnellen, nicht organischen Entwicklung in die historisch gewachsenen Strukturen zu integrieren.
Straßen und Plätze waren und sind Schauplatz des öffentlichen Lebens. Wenn der Stadtraum nicht nur dem Verkehr gerecht wird, sondern klar definiert und ansprechend gestaltet ist, wird ein Ort als attraktiv und lebendig wahrgenommen. Anhand zweier Beispiele soll die seit den 1990er Jahren begonnene und das gesamte Mittenwalder Zentrum umfassende Ortskernsanierung exemplarisch dargestellt werden.
Am zentralen Fritz-Prölß-Platz lässt die neue, den vorhandenen wertvollen Baumbestand geschickt integrierende Verkehrsführung dem Fußgänger Raum und erlaubt dem Fahrverkehr in ausreichendem Maß zu passieren. Die Fortsetzung der Bachöffnung vom Ober- zum Untermarkt hin sowie die neu gestalteten, großzügigen Vorbereiche geben den Häusern ein adäquates Vorfeld und den Menschen Platz für einen angenehmen Aufenthalt. Trotz des nach wie vor erheblichen Verkehrs wurde der öffentliche Raum aufgewertet und die Verbindung zwischen Bahnhof und Ortskern wesentlich verbessert.
Im Gries, dem ältesten Ortsteil Mittenwalds, sind die Hausfassaden geprägt von Lüftlmalereien, einer vor allem in Oberbayern und Tirol heimischen Kunstform der illusionistischen Fassadenmalerei. 2010 wurde der private und öffentliche Raum zwischen diesen Fassaden behutsam saniert. Hierbei wurden historische Grünstrukturen sowie ein bislang verrohrter Bachlauf wiederhergestellt. Es entstand eine ländlich geprägte gesunde Mischung aus Wohnen, Handel, Gewerbe, Fremdenverkehr und Kultur mit Bezug zur Landschaft, insbesondere zum direkt anschließenden Kranzberg mit seinen familienfreundlichen Bergbahnen.
Dank der guten Zusammenarbeit zwischen der Verwaltung des Marktes und der Regierung von Oberbayern ist es gelungen, seit 1989 rund 4,8 Millionen Euro aus der Städtebauförderung für den Markt Mittenwald zu investieren. Damit konnten Maßnahmen mit einem Investitionsvolumen von rund 12,5 Millionen Euro realisiert werden.
Das Geld floss insbesondere in die Gestaltung des Ortszentrums, das Geigenbaumuseum, in die Aufwertung des Bahnhofareals sowie die Sanierung des Bahnhofsgebäudes. Die Eröffnung eines Einzelhandelsbetriebs am Obermarkt in zentraler Lage sowie die Sanierung des Bürgerbahnhofs und die Ansiedlung eines Ärztezentrums sind Voraussetzung für ein funktionierendes Ortszentrum, in dem Menschen auch ohne Auto zurecht kommen. Eine zeitgemäße soziale Infrastruktur wie Schulen (Neubau Geigenbauschule), ein bedarfsgerechtes Betreuungsangebot für Jung und Alt und die Ertüchtigung vorhandener touristischer Infrastruktur (Hotelneubau in der Bahnhofstraße, Hotelsanierungen im Kaffeefeld und in den Buckelwiesen) sind Ziele, die vom Markt Mittenwald sukzessive verfolgt werden.

Erarbeitung eines energetischen Konzepts


Aufbauend auf dem Klimaschutzkonzept des Landkreises Garmisch-Partenkirchen wird ein umsetzungsorientiertes energetisches Konzept erarbeitet, beginnend für die kommunalen Liegenschaften und mit der späteren Einbeziehung privater Bauherren. Ausgehend von seinem kulturellen Potenzial sind Lösungen für die Präsentation des historischen Marktfleckens mit seinen mittelalterlichen und barocken Fassaden gefunden. Aber auch die jüngere Architektur – in Mittenwald insbesondere die der 1930er und die 1970er Jahre – gilt es, den heutigen Bedürfnissen entsprechend anzupassen und umzubauen. Mit dem dafür geeigneten Förderprogramm Stadtumbau West werden Konzepte erstellt und umgesetzt, die über die Gestaltung des öffentlichen Raums und der verbesserten Aufenthaltsqualität hinausgehen.
(Lore Mühlbauer / Ralf Bues)

(Der sanierte Fritz-Prölß-Platz - Foto: Ralf Bues)

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