Bauen

Das Museu Blau von Herzog & De Meuron. (Foto: Wiegand)

27.06.2014

Skurille Geschöpfe und ein Säulenwald

Barcelona – Gotik, Gaudí und Moderne

Schon früh am Morgen bilden sich lange Schlangen vor der Kirche „Sagrada Familia“ (Heilige Familie) und das trotz der um die Türme kreisenden Kräne. Die Leute wollen einen Blick in das noch unvollendete Meisterwerk von Antoní Gaudí (1852 bis 1926) werfen. Barcelona ist die Stadt Gaudís und besitzt 14 Bauten des berühmten Jugendstil-Architekten. Seine fantasiereichen, farbenfreudigen Gebäude, von denen die meisten zum UNESCO-Welterbe gehören, zählen zu den Highlights der Stadt. Die „Sagrada Familia“ ist sogar ihr Wahrzeichen geworden. 43 Lebensjahre hat Gaudí diesem Gotteshaus gewidmet, seit mehr als 100 Jahren wird daran gearbeitet.
Im Altstadtviertel, dem Barri Gòtic, ging das wesentlich schneller. In nur 41 Jahren wurde die große gotische Kirche „Santa Maria del Mar“ errichtet, deren Stilreinheit die der Kathedrale deutlich übertrifft. Bei der wesentlich komplizierteren „Sagrada Familia“ recken sich inzwischen acht Türme himmelwärts, doch 18 hatte Gaudí geplant, zwölf für die Apostel, vier für die Evangelisten, einen für die Mutter Maria und den höchsten, 170 Meter messend, für Christus.
Dass der Bau viel Zeit beanspruchen würde, war Gaudí bewusst. „Mein Kunde hat keine Eile“, soll er gesagt haben und meinte Gott damit. In der 1889 erbauten Krypta fand er seine letzte Ruhe. Nachdem Papst Benedikt XVI. die Kirche am 7. November 2010 geweiht und sie zur päpstlichen Basilica minor erhoben hatte, finden dort mitunter Gottesdienste statt. Bis 2026 – zu Gaudís 100. Todestag – soll sie vollendet sein. Derweil ist sie ein Besuchermagnet und alle bewundern die hohen, leicht in sich gedrehten Säulen, die sich im Gewölbe bündeln. Gaudí, stets von der Natur inspiriert, hat einen ganzen Säulenwald konzipiert, dessen Kronen zusammenwachsen.

Kaschierte Schornsteine


Noch deutlicher zeigt sich seine Naturverbundenheit im Park Güell, geschaffen von 1900 bis 1914. Ein Ort der Lebensfreude. In Scharen strömen die Besucher die breite Treppe zur Freiterrasse hinauf, ein idealer Platz für den Blick auf Barcelona und zum Relaxen auf den mosaikgeschmückten wellenförmigen Steinbänken. Wer hügelan durch den Park geht, erreicht ein schlichtes weißes Haus, Gaudís letzte, nicht zugängliche Wohnstätte. Doch mitten in der Stadt, auf dem Prachtboulevard Passeig de Gràcia, kann man Gaudí sogar aufs Dach steigen, auf der „Casa Milà“, erbaut 1906 bis1912, im Volksmund „La Pedrera“ (Steinbruch) genannt. Dort oben stehen skurrile steinerne Geschöpfe, manche wie dräuende Wächter, andere wie nach Vogelart zwitschernde Frauen. So kaschierte Gaudí Schornsteine und Belüftungsschächte.
Die „Casa Battló“ (1904 bis 1906), einige Gehminuten weiter, wirkt in abendlicher Beleuchtung besonders märchenhaft. Drinnen gewinnt der Saal mit dem schwungvoll gerahmten Fenster den Schönheitspreis und erneut entpuppt sich die Dachterrasse als fröhliche Fabelwelt. Doch Gaudi war Träumer und Praktiker zugleich, hat Türen und Möbel gestaltet, im Haus für perfekte Belüftung und Lichtführung gesorgt und so ein Gesamtkunstwerk mit hohem Gebrauchswert verwirklicht.
Ein weiteres Jugendstiljuwel hat 1908 Lluis Domènech i Montaner mit dem „Palau de la Música Catalana“ geschaffen, einen prachtvollen Konzertsaal. Seit einigen Jahren bereichern auch heutige Stararchitekten das Stadtbild, so Jean Nouvel mit seinem „Agbar-Turm“, dessen changierendes Farbenspiel durchaus Gaudí zitiert. Auf dunkles Blau und Glas haben die Baseler Architekten Herzog & De Meuron beim Bau des Naturkundemuseums gesetzt. Dieses „Museu Blau“ ist die Attraktion auf dem Forùm, dem Neubau-Areal am Meer.
Schon vor Jahren haben die Katalanen den Barcelona-Pavillon, den Mies van der Rohe für die Weltausstellung von 1929 konzipiert hatte, originalgetreu rekonstruiert. An dessen Bauhaus-Stil scheint der US-Amerikaner Richard Meier mit der breiten, strengen Glasfassade des „MACBA“ anzuknüpfen. Ein Museum für moderne Kunst, das schon als Bauwerk Neugierige anzieht und das weniger feine Viertel El Raval spürbar aufwertet. (Ursula Wiegand)

(Der Säulenwald in der Kirche Sagrada Familia und der Agbar Turm - Fotos: Wiegand)

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