Bauen

Die Amalienburg in München. (Foto: Voss)

20.03.2015

Spielerische Leichtigkeit

Bayerische Baustilkunde: Das Rokoko

Der kreisrunde Spiegelsaal ist in Hellblau, Weiß und Silber gehalten. Über einem der raumhohen Spiegel hängt lässig ein zartes silbernes Frauenbein mit zugehörigem Füßchen, daneben und darunter winden sich Girlanden aus silbernen Blüten, Blättern und Weintrauben. Auf einem Gesims an der Decke sitzt die zu Bein und Fuß gehörige Dame, unbekleidet, nur mit einem ebenfalls silbernen Faltenwurf bedeckt. Offenbar blickt sie zurück zum Betrachter, vielleicht aber auch zu einer ihrer Gespielinnen, die ebenso locker wie sie auf dem Gesims thronen.
Wir sind im Festsaal der Amalienburg. Vor seinen hohen Rundbogenfenstern liegt der Nymphenburger Schlosspark. Es lohnt sich, sich die Zeit zu nehmen, um weitere Details des überbordend mit Stuckaturen und Schnitzereien dekorierten Raums zu studieren. Da sind Musikinstrumente wie Jagdhörner oder Harfen, silberne Schalen mit Früchten, weitere Jagdmotive, allesamt eingebettet in geschnörkelte Blätter und Ranken. Ein Ornament wiederholt sich permanent und in unterschiedlichen Größen, züngelt die Wände und Decken empor: die muschelförmige „Rocaille“, das prägende und namengebende Ornament für das Rokoko.
Der Begriff „Rocaille“ ist mit zwei französischen Wörtern verwandt, nämlich mit dem Wort für Fels (roc) und dem Wort für Muscheln (coquilles). Im Französischen gibt es auch die Bezeichnung „style rocaille“. Als Richtung der europäischen Kunst entwickelt sich das Rokoko aus Barock und Spätbarock von etwa 1730 bis 1780. Ausgangspunkt ist die höfische Kultur Frankreichs. Dem vorherrschenden monumentalen Barock wurde eine spielerische Leichtigkeit entgegengestellt. In Deutschland finden Rokokomotive auch Eingang in den Kirchenbau. Der Stil prägt vor allem die Innenarchitektur, findet aber auch seinen Ausdruck an Fassaden und in Parkgestaltungen.

Streben
nach Asymmetrie


War der Barock durch strenge Symmetrien geprägt, strebt das Rokoko nach Asymmetrie und motivischer Übersteigerung. Manche Bauten, wie die Amalienburg, weisen sowohl eine barocke Symmetrie am Außenbau und eine barocke Raumreihung, die Enfilade, als auch typische Rokokodekorationen und Asymmetrien in der Gestaltung auf. Erbaut wurde die Amalienburg von 1734 bis 1739 als kleines Jagdschlösschen für Maria Amalia, die Gemahlin von Kurfürst Ernst Albrecht. Heute ist der Bau mit der weiß-rosa Fassade zum Sinnbild des Rokoko, der Zeit des spielerisch ausklingenden Barock geworden.
Die Freude am Ornament, die Lust am kunstvollen Dekor ist dem Rokoko eigen, das findet seinen Ausdruck sowohl in heimischen Jagdmotiven als auch im Sinne von Exotik und Chinamode. Chinoiserien wie die chinesisch inspirierten Fliesen in der Prunkküche der Amalienburg und Deckengemälde mit langbärtigen Chinesen gehören da zum Repertoire. Architekt der Amalienburg war Francois Cuvilliés der Ältere, der Erbauer des Rokokotheaters in der Münchner Residenz, das nach ihm Cuvilliés-Theater heißt und erst nach der Amalienburg, von 1750 bis 1753 erbaut wurde.
Ungefähr zur gleichen Zeit wie die Amalienburg, von 1733 bis 1746, entsteht in München die St.-Johann-Nepomuk-Kirche, bekannt als Asamkirche, ein teilweise schon dem Rokoko zugeordneter Bau, der allerdings noch keine typische „Rocaille“ aufweist. Theatralik und Dynamik in der Raumentwicklung kann die Kirche jedoch bieten. Ebenso das optische Verschwinden von Raumgrenzen, das Verschmelzen des Inneren zum illusionistischen Gesamtbild aus Architektur, Plastik und Malerei – ein nächstes wichtiges Merkmal des Rokoko.
In der Amalienburg wurden die räumlichen Grenzen des Festsaals optisch gelockert durch die zahlreichen riesigen Spiegel, angeordnet im Wechsel mit hohen Fenstern. An der Schnittstelle von Wand und Decke gesellten sich dazu sehr dynamisch wirkende Dekorationen, darunter auf dem Gesims sitzende Figuren, umrahmt von Früchten und Blüten. Bei der Asamkirche versinkt die räumliche Strenge, die Kirchen sonst aufwiesen und die noch bei der barocken Münchner Theatinerkirche zu erkennen ist, in einer Art goldener Theaterkulisse mit Blumengirlanden und drastischen Szenen. So sieht man an einer Wand ein Skelett, Sinnbild für den Tod, das einem bereits im Sarg sitzenden Todgeweihten droht, den Lebensfaden endgültig durchzuschneiden, ihn aber noch, quasi in letzter Minute, mit strenger Miene auf dem Beichtstuhl verweist, um ihn zu Buße und Einkehr zu bewegen.
Auch andere Figurengruppen und Ausstattungsdetails erzählen Geschichten, mahnen den Besucher, der sich für die Betrachtung am besten mit dem Opernglas ausrüstet, noch zu Lebzeiten an sein Seelenheil zu denken. Die Erbauer der Kirche, die Brüder Cosmas Damian Asam und Egid Quirin Asam, hatten den Bau zunächst als eigene „Hauskirche“, im Zusammenhang mit ihrem danebengelegenen Wohnhaus gedacht, mussten sie aber nach Protesten auch der Münchner Bevölkerung zugänglich machen. Nun planten sie den Bau als „Beichtkirche für die Jugend“, bis heute allgegenwärtig sind Motive des Beichtens und Büßens. Schutzpatron der Kirche ist der heilige Johannes Nepomuk. Er steht für Verschwiegenheit und Bewahrung des Beichtgeheimnisses, sein gewaltsamer Tod – er wurde von einer Brücke ins Wasser geworfen – führte dazu, dass er auch als Brückenheiliger dient. Eine Reliquie von ihm befindet sich in der Asamkirche, sie wird in einem in Form einer Zunge gestalteten silbernen Reliquiar am Altar aufbewahrt. Die Zunge – bildhafter Verweis auf das Beichtgeheimnis.

Der Höhepunkt von Zimmermanns Schaffen


Auf die Frage, warum die Kirche ausgerechnet dem heiligen Nepomuk geweiht wurde, gibt es die Geschichte, dass er kurz vor dem Bau der Asamkirche, auf einer Donaufahrt zum Kloster Weltenburg, von den Gebrüdern Asam angerufen wurde. Ihr Schiff, das wertvolle Skulpturen zum Kloster bringen sollte, drohte zu kentern. Der heilige Nepomuk hat geholfen, es gab kein Schiffsunglück.
Eine der bedeutendsten Rokoko-Kirchen ist in Steingaden, im bayerischen „Pfaffenwinkel“ gelegen, die „Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland auf der Wies“, besser bekannt als die „Wieskirche“. Erbaut wurde sie von 1745 bis 1754 und zählt heute zum UNESCO-Welterbe. Auch hier waren zwei Brüder am Werk, Dominikus und Johann Baptist Zimmermann. Beide gehören zum Künstlerkreis der „Wessobrunner Schule“. Baumeister Dominikus Zimmermann erreichte mit dem Bau der von ihren Maßen her kleinen, künstlerisch aber großartigen Wieskirche den Höhepunkt seines Schaffens.
Der langgestreckt ovale Kirchenraum verweist auf römische Kirchen wie St. Andrea al Quirinale von Gian Lorenzo Bernini. In Pastelltönen und Gold erstrahlt das den Raum prägende gemalte Himmelsgewölbe, der Stuckmarmor des Altars ist in warmen Rottönen gehalten. Das bisher ausschließlich als Dekorationselement verwendete Motiv der „Rocaille“ findet in der Wieskirche seine Vollendung, es wird zum Trageglied für die Kirchendecke. Statt eines einfachen Rundbogens spannt sich nun eine „gebaute Rocaille“ zwischen den filigranen Doppelsäulchen, die den Innenraum gliedern. Zwischen Säulenring und Außenwand entsteht ein Umgang, der, ohne echte Seitenschiffe zu bilden, dem Innenraum eine effektvolle, doppelte Wandschale verleiht.
Ein massives Deckengewölbe kann der Säulenring jedoch nicht tragen, der Architekt hat eine trickreiche Lösung gefunden: Eine leichte Holzkonstruktion ersetzt den sonst üblichen schweren Stein. Erkennbar wird das für den Besucher nur, wenn er auf Höhe des Deckengewölbes steht und von außen auf die Holzkonstruktion blickt, in der Regel ist das aber nur bei speziellen Kirchenbesichtigungen möglich.
Amalienburg, Asamkirche, Wieskirche – alle genannten Bauten waren bereits von Beginn an durch die Formen des Rokoko bestimmt. Ebenso wichtig wird der Stil für schon bestehende Bauten, deren Ausstattung im Rokoko überformt wird, wie die Alte Kapelle von Regensburg, ab 1747. Sie gilt nach der Wieskirche als das bedeutendste bayerische Bauwerk des Rokoko. Bis heute ist der Satz bekannt: „St. Peter (der Regensburger Dom) ist der Mächtige, die Kapelle die Prächtige.“ Schnörkel, Muscheln, Asymmetrien, Übertreibungen – eine Mode, die bald ihre Kritiker fand. Die Sehnsucht nach baulicher Ordnung, regelhaften Grundrissen und idealen Entwürfen bricht sich ab der Französischen Revolution Bahn, das Zeitalter des Klassizismus beginnt. (Kaija Voss)

(Der Spiegelsaal der Amalienburg und die Wieskirche von Innen - Fotos: Voss)

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