Bauen

Eine Jugendstilfassade in der Münchner Ainmillerstraße. (Foto: Voss)

11.10.2013

Stilreine Bauwerke sind selten

Von der Romanik bis ins 20. Jahrhundert - "Bayerische Baustilkunde" (1)

Ein wenig sind die kunsthistorischen Epochen und die zugehörigen Baustile heute in Vergessenheit geraten. Und doch ist es immer eine Freude, sie zu kennen und so Bauwerke und deren Entstehungszeit auf einfache Art zu entschlüsseln, daheim und auf Reisen. Man muss nur genau hinsehen und versuchen, den Bau mit eigenen Kenntnissen einzuordnen. Eine Beschäftigung die einen immer mehr fesseln kann, da sich, bei fortschreitender Kenntnis auch Sonderfälle und Widersprüche ergeben. Vollkommen „stilreine“ Bauwerke sind nämlich eher selten.
Bei der Analyse geht es, neben der meist ganz offensichtlichen Funktion des Bauwerks, als Kirche, Wohnhaus oder Rathaus, zuerst um die äußeren Merkmale. Die Fassade und der Dachbereich stehen im Focus: Hat der Bau Rundbögen oder Spitzbögen, ist seine Fassade kompakt oder mit filigranem Dekor ausgestattet? Gibt es Symmetrien, Gesimse und Stuckornamente, ist die Front glatt und industriell geprägt? Krönt den Bau ein Satteldach, eine Kuppel oder ein Flachdach? Hat das Gebäude Vorbilder, vielleicht aus Italien oder Frankreich oder aus der deutschen Geschichte?

Hochkarätige Beispiele


Fest steht, dass die klassische Antike in weiten Teilen die Basis für die hochrangigen Bauten Mitteleuropas ist. Neben den augenscheinlichen Merkmalen an der Fassade ist der Blick auf das Raumprogramm, die Baumaterialien und die Konstruktion gefragt. Auch die Lage eines Gebäudes kann hilfreich sein für die detektivische Analyse: Steht es in der Innenstadt oder außerhalb des ehemaligen Befestigungsrings? Wo befand sich dieser überhaupt?
Genaue Jahreszahlen spielen beim ersten Schritt noch keine Rolle. Man kann sich ja nach und nach ein paar Eckdaten einprägen und ein Gedankengerüst zur Stilkunde bauen. Insgesamt ist Deutschland kein Vorreiter bei der Kreation architektonischer Formen. Eine Ausnahme ist die Bauhaus-Moderne, hier hat sich Deutschland, gemeinsam mit den USA zum weltweiten Vorbild des „International Style“ aufgeschwungen.
Die traditionellen Architekturstile sind zumeist in Italien, auf den formalen Fundamenten des Römischen Reichs, geprägt worden. Zum Beispiel die Renaissance: Sie kam mit einhundertjähriger Verspätung in Deutschland an. Auch die Formen des Barock findet man zunächst in Italien, dann in Frankreich. In unseren Regionen setzen sie sich erst nach dem Dreißigjährigen Krieg durch.
Bemerkenswert ist, dass die Architektur des jeweiligen Stils in Deutschland dann aber zur Meisterschaft wächst, aus dem römischen Barock schließlich ein süddeutscher und sogar ein bayerischer Barock wird.
Üben kann man die Architekturbetrachtung nahezu überall, und wer einmal damit anfängt, wird bald Johann Wolfgang Goethes Satz „Man sieht nur, was man weiß“ zustimmen können. Und da das Gute bekanntermaßen nah liegt, kann man mit dem Sehen in Bayern beginnen. Denn für fast alle europäischen Architekturstile finden wir in Bayern hochkarätige Beispiele.
Bauten der Romanik sind zwar eher selten, denn zu stark war in späteren Jahrhunderten der Wunsch nach Umbau, meistens durch Barockisierung. Und dennoch gibt es Gebäude mit romanischen Stilmerkmalen, zum Beispiel den Bamberger Dom oder St. Michael von Altenstadt (Schongau). Wie sich unterschiedliche Epochen an einem Bauwerk verewigen, zeigt sich sehr deutlich an der St.-Anna-Kirche in Augsburg, sie weist gotische Gewölbe, eine Renaissancekapelle und Rokoko-Interieur auf. Bei derartigen Bauten gibt es kein einfaches Ordnen in eine Schublade, hier sind genaue Kenntnisse gefragt.
Prominente Beispiele für die Gotik sind der Dom von Regensburg und die Münchner Frauenkirche. Schlüsselbauten der deutschen Renaissance stehen in Augsburg, die Fuggerkapelle in St. Anna und das Rathaus von Elias Holl. Barock und Rokoko sind ganz besonders eng mit Bayern verknüpft, zwei verwandte Stile, die viele seiner Kirchen und Schlösser prägen. Bauten des Klassizismus und Historismus findet man in einer großen Stadt wie München, ebenso den Jugendstil und die ganze Stilvielfalt des 20. Jahrhunderts. (Kaija Voss)

(Die Schlossfassade von Herrenchiemsee - Foto: Voss)

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